Kultur | 05.08.2008

Wachstum um jeden Preis?

Text von Martin Sigrist
Für das Melt verwandelte sich ein ehemaliges Kohletagebauwerk nahe Dessau im Deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt für drei Tage in eine Festivallandschaft. Tink.ch war dabei und berichtet von Musik, Wachstum und einer blutigen Nase.
Soviel Stahl gibt es selten auf einem Festivalgelände: Das Melt-Festival in Gräfenhainichen. Fotos: Martin Sigrist Mit 20'000 Besucherinnen und Besuchern konnte das Melt dieses Jahr einen neuen Rekord verzeichnen.

Ums eins vorweg zu nehmen, das Melt hat auch dieses Jahr gefallen und Spass gemacht. Die nunmehr elfte Ausgabe des Festivals liegt aber weit hinter seinen Vorgängern zurück. Der gewaltige Wachstumsschub stellte die Veranstalter vor zahlreiche Probleme, die nicht alle zufriedenstellend gelöst werden konnten.

Das Melt durfte dieses Jahr 20’000 Besucher begrüssen und hat damit einen weiteren, von den Veranstaltern gewollten, Zuschauerzuwachs verzeichnet. Wie bereits vor zwei Jahren bei 15’000 Besuchern soll auch diesmal laut Veranstalter die Grenze erreicht sein und das Festival nunmehr in der Qualität und nicht mehr in der Quantität weiter wachsen. Mit der Qualität war es dieses Jahr leider nicht weit her. Einigen Voten auf dem Gelände und in den Foren der Festival-Website zufolge, waren zahlreiche langjährige Stammgäste enttäuscht vom diesjährigen Melt.

Zuwenig Personal, zuwenig Toiletten, Tickets, an denen der für den Einlass notwendige Abriss nicht hält, dafür aggressive Sicherheitsleute, vermehrt unliebsames Publikum und zu hohe Getränkepreise. Der Charme eines kleinen und fast noch familiären Festivals, den das Melt über die Jahre trotz der Grösse hervorragend halten konnte, war dieses Jahr weit weniger zu spüren. Es bleibt zu hoffen, dass der Übergang zu einem grossen und vermehrt kommerziell wirkenden Festival gelingt, ohne die ihm anhin so sympathische Art komplett zu nehmen.
Es ist den Veranstaltern zu Gute zu halten, dass zu den zahlreichen Vorwürfen umgehend auf der Festival-Website und in dessen Newsletter Stellung genommen wurde. Darin wurden zahlreiche Kritikpunkte akzeptiert und Besserung versprochen.


Technische Pannen
Über das Programm durfte man sich aber auch heuer nicht beklagen. Über 80 Musiker, Bands und DJs hauptsächlich aus den Bereichen Elektro und Indie-Rock wurden auf nunmehr fünf Bühnen auf einem noch immer atemberaubenden Gelände aus alten Kohlebaggern gezeigt. Newcomer wie Friendly Fires und DJ-Sets wie jenes von Boys Noize gefielen ebenso wie der Headliner Björk, für deren hervorragendes Konzert quasi ein zusätzlicher Festivaltag angehängt wurde, dies galt umso mehr, als ihre „Vorband“ Hot Chip wegen technischer Probleme ihren lange ersehnten weiteren Auftritt am Melt nach einer halben Stunde abgebrochen haben.

Das Wetter konnte leider nicht mit den letzten Jahren mithalten, sondern war durchzogen von teilweise sehr heftigen sturmartigen Regengüssen, die sogar das Konzertprogramm in Mitleidenschaft gezogen haben. So musste das Konzert von The Notwist auf eine kurze halbe Stunde verkürzt werden.


Grobe Sicherheitskräfte
Für tink.ch wurde das Festival von einem sehr enttäuschenden Ereignis überschattet: Dem Redaktor von Tink.ch wurde trotz Pressepass der Zugang zu einem Indoor-Konzert wegen erschöpfter Zuschauerkapazität verwehrt. Beim Versuch, den Eingangsbereich deshalb zu verlassen, haben ein paar Fans versucht, die Absperrungen zu überwinden. Dabei kam  es vor dem Eingang zu einem Handgemenge zwischen jenen Fans und den Sicherheitskräften. Dabei wurde der Tink.ch-Redaktor von den Sicherheitskräften mit solcher Gewalt rückwärts gegen die stehende Menschenmenge gedrückt, dass er mit blutender Nasen und Schürfwunden von der Sanität versorgt werden musste. Obwohl die Veranstalter über den Vorfall informiert wurden und sich auch bemühten, ihn aufzuklären, ist bisher noch nichts geschehen. Ohne Dienstnummer des fehlbaren Türstehers scheint die vom Festival angestellte Sicherheitsfirma trotz genauer Zeitangabe und Personenbeschreibung nicht in der Lage, den Vorfall aufzuklären.

Alles in allem hat das diesjährige Melt einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Das schöne Gelände und das tolle Musikprogramm konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Details, die das Melt einzigartig gemacht haben, dem Wachstum beziehungsweise der schlechten Organisation zum Opfer gefallen sind. Das Melt muss nun klar und frühzeitig zeigen, wie den Problemen ob der hohen Besucherzahl, insbesondere im Bereich des Sicherheitsdienstes, begegnet werden soll. Tink.ch bleibt dran und hofft, dieses so aussergewöhnliche und renommierte Festival im nächsten Jahr wieder empfehlen zu können.

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