Gesellschaft | 11.08.2008

Prinzessinnenhochzeit

Auf der Strasse mögen Frauen lange schwarze Schleier tragen, doch wenn sie zu einer Hochzeit eingeladen werden, wird an Rüschen und Make-up nicht gespart. Alina Mühlhauser über eines der wichtigsten Feste in der islamischen Kultur.
Aus religiösen Gründen durfte unsere Reporterin keine Fotos von der Hochzeit machen, die sie besuchte.
Bild: Manos Radisoglou/youthphotos.eu So wird in Jemen Hochzeit gefeiert: Die Männer tanzen zusammen. Fotos: Alina Mühlhauser Frauen in Jemen tragen traditionellerweise einen Balto, der nur noch einen schmalen Schlitz für die Augen freilässt.

Heiraten und möglichst viele Kinder kriegen sind zwei wichtige Bestandteile eines glücklichen Lebens im Jemen und der gesamten arabisch-islamischen Kultur. Da das Eine ohne das Andere, zumindest aus gesellschaftlicher Sicht, nicht geht, kommt dem Akt der Vermählung eine besondere Bedeutung zu. So sind Hochzeiten besonders fröhliche und farbenfrohe Fest, freilich jedoch geschlechtergetrennt.
Nachdem die Familien der zukünftigen Eheleute der Vermählung zugestimmt haben und die notwendigen Formalitäten erledigt haben, kann das mehrtägige Fest beginnen, das sich von Tag zu Tag steigert. Während meinem Aufenthalt in San’a, Jemens Hauptstadt, nutzte ich die Gelegenheit, einer Hochzeit beizuwohnen und den letzten, wichtigsten Abend mitzuerleben und mit den Frauen und Mädchen der erweiterten Familien der Braut und des Bräutigams mitzufeiern.

Spieglein, Spieglein

Vielleicht noch wichtiger als die Vermählung selbst ist das Outfit, in dem man zu so einer Gelegenheit erscheint. Nachdem die Frauen den Saal, in dem sie ausschliesslich unter sich feiern, betreten haben, fallen die Gesichtsschleier, die Kopftücher und die schwarzen, langen Gewänder und der Blick auf die berauschendsten Roben wird freigegeben. Die Frauen und Mädchen kleiden sich in farbenfrohen, langen Märchenkleider, was im krassen Gegensatz zu den ausschliesslich schwarzen Baltos der Strasse steht. Ihre Haare sind zu verrückten Hochsteckfrisuren frisiert und das Make-up deckt die ganze Farbpalette ab. Der einfachste Weg, sich das grandiose Styling vor Augen zu führen, ist wohl: man stelle sich ein kleines Mädchen vor, welches gerne Prinzessin wäre und wie es aussehen würde, nachdem seine Träume wahrgeworden sind.

Barbie Girls und jemenitische Bräute

An der Feier wird laute, arabische Popmusik gespielt. Dazwischen mischen sich auch Titel aus der westlichen Musik wie etwas Songs von Shakira oder das längst vergessene „Barbie Girl“ von Aqua. Dazu wird reichlich getanzt. Wenn immer meine Kolleginnen und ich zur Musik tanzen, lächelten uns die Jemenitinnen freundlich zu, obwohl ich nicht sicher bin, ob sie uns zu- oder auslachten. Der Höhepunkt der Feier kennzeichnet die Ankunft der Braut. Sie wird mit Freudentrillern und Geklatsche empfangen und bewegt sich langsamen Schrittes zu ihrem Thron am Ende des Saals. Der Einmarsch der Braut dauerte zirka eine halbe Stunde und wurde feinsäuberlich auf Video festgehalten. Da sich die anderen anwesenden Jemenitinnen jedoch keinesfalls filmen lassen wollten, versteckten sie sich für diese ganze Zeit hinter ihren Tüchern vor der Kamera. „Unsere“ Braut war in einem aufwendigen weissen, pailettenbesetzten Hochzeitskleid im westlichen Stil gekleidet, mit einer mindestens zwei Meter langen Schärpe. Ihr Haar war aufgetürmt zu einer Hochsteckfrisur und mit reichlich Glitzerspray bearbeitet, ihre Augen geschminkt wie ein Regenbogen.

Liebe auf den ersten Blick?
Später erscheint der Bräutigam mit seinen engsten männlichen Verwandten, wobei diese nicht den Raum betreten dürfen, bevor sich alle Frauen wieder in ihre schwarzen Gewänder gehüllt haben. Er marschiert zu seiner Braut, die er zu diesem Zeitpunkt oftmals zum ersten Mal sieht und die Eheleute sitzen gemeinsam einige Zeit nett aussehend auf dem Thron, bevor sie zusammen in einem dekorierten Auto in ein Hotel verschwinden, um die Hochzeit endgültig zu vollziehen. Begleitet werden sie auf ihrem Weg von einer wild huppenden Autokolonne.

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