Gesellschaft | 18.08.2008

„Ohne Gesetze keine Freiheit“

Text von Lucia Baur | Bilder von Raphael Hünerfauth
Alex Demling, 21, aus Erlangen in Bayern, sagt uns, warum Jugendpresse ein Stück weit unfrei macht, was es mit der absoluten Freiheit auf sich hat und warum Gesetz und Freiheit keine Gegensätze sind. Am Bodenseecamp 2008 leitete er den Workshop "Campzeitung".
"Führungspersönlichkeiten sind wichtig, aber sie sollten sich ihrer Macht bewusst sein."
Bild: Raphael Hünerfauth

Würdest du dich selbst als freien Menschen bezeichnen?
Schwierige Frage. Einerseits bin ich ein freier Mensch, weil ich prinzipiell daran glaube, dass der Mensch einen freien Willen hat und nicht nur von seinen Erlebnissen und Erfahrungen gesteuert ist. Seit ich selbst in der Jugendpresse aktiv bin, habe ich bemerkt, dass auch Dinge, die ich gern mache, viel Zeit in Anspruch nehmen und ich mir diese dann auch nehmen muss. Das macht mich natürlich ein Stück weit unfrei. Von da her: Nein, zumindest nicht uneingeschränkt.

Welche Faktoren schränken einen Menschen in seiner Freiheit außerdem ein?

Abgesehen von Verpflichtungen sind das Sachen, die man erlebt hat und die einen geprägt haben. Da gibt es das schlimme Beispiel vom Kind, das immer geschlagen wurde und deshalb gewalttätig wurde. Hier stellt sich die Frage, inwieweit dieser Mensch selbst Verantwortung für sein Handeln übernehmen kann.

Ein ziemlicher Gegensatz zu den Einschränkungen ist die „Absolute Freiheit“. Gibt es sie? Und wie könnte sie aussehen?
„Absolute Freiheit“ meint ja, dass man von gar nichts gesteuert ist. Das heißt, man wird weder von eigenen Erlebnissen gesteuert, noch durch Gesetze des Staates eingeschränkt. Aber da jeder Mensch eigene Erlebnisse hat, und ein Staat, der keine Gesetze vorschreibt, eine Anarchie ist, in der Menschen wirklich unfrei sind, kann es keine „absolute Freiheit“ geben.

Empfindest du Gesetze als Einschränkungen?

Ich bin kein Mensch, der oft mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Grundsätzlich nehme ich Gesetze als positive Einschränkungen wahr. Ich bin über die allermeisten Gesetze froh, weil sie eher andere Menschen einschränken, als mich.

Also empfindest du Gesetze auch als Freiheit.

Ja, ohne Gesetze gäbe es überhaupt keine Freiheit.

Freiheit heißt ja auch entscheiden können. Wenn du jetzt einen Konflikt hättest, bei dem du dich zwischen dem Gesetz, das dem Wohle der Allgemeinheit dient, und deiner eigenen, persönlichen Freiheit entscheiden solltest, was wäre dir dann wichtiger?

Ich versuche für jedes Gesetz Verständnis aufzubringen. Da wir in einer Demokratie leben, werden die Gesetze ja auch von einer Mehrheit beschlossen. Aber es gibt auch Gesetze, die ich breche, einfach weil ich denke, dass durch diese Verletzung kein Rechtsgut verletzt wird. Da geht meine persönliche Freiheit vor. Zum Beispiel bin ich ein passionierter Über-Rote-Ampeln-Gänger, wenn kein Auto kommt. Es ist eine kleine Sache, aber viele Leute regen sich darüber fürchterlich auf.

Welche weiteren „Nebenwirkungen“, positive wie negative, von Freiheit gibt es?
Man sagt ja so schön, dass die Freiheit des Einzelnen da aufhört, wo die des Anderen eingeschränkt wird. Natürlich darf ich mir nicht alles, auf das ich Lust habe, herausnehmen, vor allem wenn dadurch andere Leute beeinträchtigt werden. Aber ich denke, dass der Freiheitsrahmen, den wir in unserem Staat haben, so bemessen ist, dass durch meine Freiheit keine anderen Leute eingeschränkt werden.

Macht Freiheit denn immer glücklich?
Nein, auf keinen Fall. Es gibt auch viele Situationen, in denen man gerne mal von jemand anderem geleitet wird und gerne gesagt bekommt, was man zu tun hat. Es gibt Menschen, die verbringen ihr ganzes Leben so. Wenn es sie glücklich macht, warum nicht? Aber es ist ganz sicher nicht mein Lebensentwurf.

Menschen, die ihre Freiheit also so einschränken, brauchen eine Führungspersönlichkeit. Wie stehst du dazu?

Führungspersönlichkeiten haben eine große Macht und sie sollten sich dessen bewusst sein und ihre Macht vorsichtig einsetzen. Denn Menschen, die sich so leicht führen lassen, durchschauen meistens auch nicht, wann diese Macht missbraucht wird. Ein extremes Beispiel hierfür ist das Dritte Reich, in dem ja viele Menschen keine überzeugten Nationalsozialisten waren, aber einfach mitgelaufen sind. Dadurch wurde die ganze Sache erst möglich.

Man muss also mit seiner Freiheit auch sehr verantwortungsbewusst umgehen.

Ja, auf jeden Fall. Wie gesagt, ich überlege mir, wenn ich ein Gesetz breche schon sehr genau, ob ich nicht irgendein Rechtsgut verletze, das ich selbst für wichtig halte.

Du sagst, Freiheit und Pflicht, oder auch Verantwortung, sind eng miteinander verbunden?
Freiheit ist immer mit einer gewissen Verantwortung verbunden und diese Verantwortung will man nicht immer schultern. Wenn ich beispielsweise jetzt hier einen Workshop alleine leite, dann bin ich ziemlich frei in dem, was ich in dem Workshop mache. Aber ich muss ihn eben auch alleine vorbereiten. Wenn ich aber einen guten Mit-Teamer habe, dann habe ich zwar weniger Freiheit, weil ich mich in allem mit ihm absprechen muss, aber ich kann eben auch Verantwortung abgeben und bin nicht völlig allein für das Gelingen des Workshops verantwortlich.

Es kommt demnach auf ein ausgewogenes Verhältnis an.
Ja. Ich bin zufrieden wenn ich die Freiheiten, die ich haben möchte, habe, aber mich gleichzeitig auch soweit auf andere Leute verlassen kann, dass ich nicht alles frei tun muss.

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