Kultur | 31.08.2008

„Kunst ist wirklich ziemlich sinnlos“

Schwedischen Bands geht der Ruf voraus etwas wortkarg zu sein. Tink.ch brachte das nordische Eis zum Schmelzen und entlockte Johnossi Geheimnisse über den unstillbaren Hunger nach Leben und überromantische Franzosen.
John Engelbert (links) und Oskar "Ossi" Bonde beim Interview mit Tink.ch... Fotos: Tatjana Rüegsegger Und live auf der Bühne.

Es ist heiss in dem grauen Container im Backstagebereich. Eine andere Band ist gerade beim Soundcheck, durch das aufgeklappte Fenster dringen mehr Gitarrenriffs denn kühlende Luft. John und Ossi schwitzen. Auf dem Tischchen vor ihnen stehen mit Bier gefüllte Plastikbecher, eine Feldschlösschenflasche und daneben fünf weitere Gegenstände, die nicht recht in diese Umgebung passen wollen.

Na Jungs, bereit für ein Spielchen?

John: Ein Spiel, wie lustig. Das mag ich.

Achtung, es wird ganz schön psychologisch: Wir haben hier ein Bier, ein Röhrchen Hangover-Brausetabletten, ein seltsames Armband, das ich in Peru gekauft habe, ein Brötchen mit Schokolade, dieses zusammengefaltete Stück Papier und für den Fall, dass ihr denkt das sei alles unnützer Mist, hier eine 2-Euro-Münze. Sucht euch etwas aus.

Ossi: Ich nehme die Tabletten, weil ich echt üblen Kater kriege. Brot mag ich nicht besonders und Bier bekomme ich überall, wo ich arbeite. Das Papier macht mich zwar neugierig, doch bei den Tabletten bin ich sicher, dass ich sie gebrauchen kann.

John: Ich wähle das Papier. Da steht offensichtlich etwas darauf und wenn ich es nicht nehme, werde ich die ganze Zeit daran denken, was es wohl war. Aber sollte nichts drin stehen…

(faltet es auseinander und liest) „All art is quite useless.“ Oscar Wilde.

Damit wären wir bei meiner ersten Frage. Was hält ihr von dieser Aussage?

John: Ich glaube, Kunst ist wirklich ziemlich sinnlos. Sie spielt dem Verstand einen Streich, ist nicht wirklich real.

Ossi: Sie hat keinen wirklichen Nutzen. Oder keinen handfesten jedenfalls.

John: Nun gut, als Künstler kannst du deinen Lebensunterhalt damit verdienen.

Ossi: Schon, aber ich glaube nicht, dass dieser Satz das ausdrückt. Ich glaube, er hat Recht. Kunst ist wirklich sinnlos.

John: Da stimme ich zu. Und ich glaube, Kunst ist etwas, das man nicht zu sehr analysieren sollte.

Ossi: Du schaust dir ein Kunstwerk an und du magst es – that’s it.

John: Ein Lied oder ein Bild kann für jeden Menschen etwas völlig Anderes bedeuten. Sobald du anfängst, zu viel darüber zu sprechen, zerstörst du das womöglich. Würde ich ein Bild von Picasso besitzen, hätte ich tausende von Gedanken im Kopf, was dieses Bild für mich darstellt. Wenn Picasso mir jetzt sagen würde, was seine wirkliche Bedeutung ist, wären all diese Vorstellungen ausgelöscht. Mit unserer Musik ist es dasselbe. Wieso sollte ich die Vorstellungen unserer Fans zerstören, indem ich ihnen erkläre, was unsere Texte bedeuten? Meine Meinung ist doch auch nur eine unter vielen.

Was ist also der Grund, dass ihr Musiker seid?

Ossi: Weil wir dafür bestimmt sind. Es gab nie einen wirklichen Plan.

John: Aber wenn etwas geschehen soll, dann geschieht es auch.

Ihr glaubt an das Schicksal?

John: Ja, das tue ich.

Ossi: Ja tatsächlich, ich auch irgendwie. Das soll aber nicht heissen, dass jeder zu Hause rumsitzen und auf einen Telefonanruf warten kann, der sein Leben verändern wird. Du musst den Stein schon ins Rollen bringen.

John: Ich glaube, es gibt für jeden Menschen eine bestimmte Anzahl Wege, die er gehen kann, jedoch ohne sich dessen bewusst zu sein. Für uns war es immer der „Johnossi-Weg“, der offenste, der breiteste und die Chance, dass wir auf ihm enden würden, wohl ziemlich gross.

Das erinnert mich an zwei eurer Lieder, „Man must Dance“ und „There’s a lot of things to do before you die“. Für mich vertreten sie zwei sehr verschiedene Lebensansichten: Der erste lebt von Selbstironie à  la „Na komm, wir sind doch eigentlich alle nur etwas weiterentwickelte Tiere.“ Der zweite Song ist sehr optimistisch, aber gleichzeitig auch sehr fordernd, was das eigene Leben betrifft. Welcher vertritt eher eure Meinung?

John: Beide.

Ossi: Beide, absolut. Was du in deinem Leben tun solltest, ist dich selbst zu sein und zu tun was du willst.

Das klingt so einfach. Doch ist es das wirklich?

Ossi: Es ist das schwierigste überhaupt. Das einfachste ist, den ganzen Tag auf deiner Couch rumzusitzen. Und das ist genau, was wir die meiste Zeit über tun.

John: Aber solange du dir dessen bewusst bist und diesen inneren Kampf mit dir austrägst, bist du deiner Umwelt gegenüber offen. Dann bist du auf dem richtigen Weg. Aber etwas zu erreichen und nicht einfach nur rumzuliegen, ist wirklich sehr schwierig. Ich fühle mich in solchen Momenten immer wie ein sehr, sehr schlechter Mensch.

„There’s a lot of things to do before you die“ strotzt doch genau von diesem Hunger, möglichst viel aus dem Leben herauszuholen.

John: Ganz genau. Doch die Tatsache, dass es soviel zu tun gibt, bevor du stirbst, ist auch sehr stressgeladen.

Oh ja. Ich fürchte, dieser Hunger kann auch dich selbst auffressen.

John: Absolut. Und er kann dich sehr wütend machen auf jene Leute, die sehr viel erleben. Ich persönlich hasse solche Menschen, die alles wissen und alles gemacht haben. Was eigentlich seltsam ist, da uns viele Leute genauso einschätzen würden. Wir bereisen schliesslich die ganze Welt. Aber dennoch sehe ich mich selbst überhaupt nicht so.

Aber wärest du letzen Endes gerne ein solcher Mensch?

John: Solange ich ein gutes Bauchgefühl habe, ist alles in Ordnung. Das ist das einzige, was wirklich zählt. Aber, ach, das ist eigentlich auch total beschissen. Ich kann mich auf Dauer überhaupt nicht gut fühlen. Nach einer Weile fange ich immer an, mich schlecht zu fühlen, genau weil es mir so gut geht. Ich fürchte, ich brauche immer ein bisschen Sehnsucht in mir drin. In meinen 26 Jahren war ich insgesamt etwa ein halbes Jahr so richtig glücklich. Nach ein paar Tagen macht es einfach keinen Spass mehr. Ich brauche dann nichts mehr anderes, keine Veränderung und werde völlig antriebslos.

Und du, Ossi?

Ossi: Nun, ich schätze, ich bin eine Person, die ganz deutliche Hochs und Tiefs durchlebt. Das muss ich akzeptieren. Eigentlich versuche ich, ein ziemlich gleichmässiges Leben zu führen, doch das funktioniert für mich nicht. Manchmal muss ich mich so richtig schlecht fühlen…

…und Hangover-Tabletten essen.

Ossi: Etwa so, genau. An manchen Tagen habe ich echt keine Lust, aufzustehen. Und dann ruft mich meine Mutter an und ich erfinde tausende von Sachen, die ich an diesem Tag schon erledigt habe.

John: Wie oft hat meine Freundin mich schon mittags um eins angerufen und ich habe ihr erzählt, wie viel ich schon gearbeitet habe, dabei bin ich gerade erst aufgestanden. Ich fühle mich aber überhaupt nicht gut dabei!

Ossi: Aber klar, es gibt auch die anderen Tage, da habe ich wahnsinnig viel Energie, gehe ins Krafttraining, treffe Freunde… Das sind richtig gute Zeiten. Aber ich weiss, in eins, zwei Wochen sieht alles wieder anders aus.

Schlussendlich dreht sich wohl alles darum, dem eigenen Leben einen Sinn zu verleihen.

Ossi: Genau.

Deshalb habe ich auch das Zitat am Anfang gewählt. Besonders in letzter Zeit ist es ein Trend geworden, als Musiker seinen Liedern einen tieferen Sinn zu geben, indem man politische und ökologische Themen diskutiert. Ihr tut das nicht.

Ossi: Nein. Und das werden wir auch nie.

John: Ich würde ein Buch schreiben, wenn ich zu bestimmte Themen gefestigte Meinungen entwickeln würde. Aber ich würde sie niemals meinen Songtexten unterjubeln, weil diese so extrem persönlich sind. Alles, was ich auf der Bühne zeige, bin ich, nichts anderes. Aber ich würde nie jemandem vorschreiben, was er denken soll. Wer bin ich, um ihm das zu sagen? Ich kann dem Publikum nicht einmal zuschreien „Ich töte euch alle!“ – das ist nicht der Grund, wieso ich auf der Bühne stehe. Ich bin ein Entertainer. Es gibt viele Bands, die das tun und extrem gut darin sind, zum Beispiel The Hives. Denn das ist der Grund weshalb er (Frontmann Pelle Almqvist) auf der Bühne steht. Sonst würde er wohl durch einen Supermarkt rennen und nach Aufmerksamkeit schreien. Bei mir war das nie der Fall.

Wie arbeitet ihr? Was geschieht getrennt, was gemeinsam?

Ossi: Das ist eine ziemlich luxuriöse Sache. Wir müssen uns nicht immer mit fünf Leuten absprechen, bis endlich alle einverstanden sind.

John: Es ist ziemlich simpel: Ossi spielt nicht Gitarre, Ossi schreibt keine Melodien. Ich arbeite eigentlich wie ein Singer/Songwriter, zeige ihm dann meine Sachen und kann ziemlich schnell beurteilen, ob er sie mag oder nicht. Wenn er sie mag, beginnen wir daran zu arbeiten und entscheiden, ob es ein schneller oder langsamer Song werden soll.

Ossi: Manchmal verbinden wir auch zwei Lieder und machen eines daraus.

Du hast vorhin gemeint, dass du von persönlichen Erlebnissen inspiriert wirst. Ein Song hat mich ziemlich umgehauen und zwar „Family Values“. Der ist extrem persönlich oder klingt wenigstens danach. Wie fühlt es sich an, so was live zu spielen? Das ist ziemlicher Seelenstriptease.

John: Ich finde das richtig lustig. Wenn mein Vater mich vergewaltigt hätte als ich ein Kind war, würde ich mich nie auf die Bühne stellen und singen (singt fröhlich): „Oh my father raped me when I was a kid and I don’t know what to do anymooore.“  Für mich war es witzig zu sehen, wie meine Eltern reagieren würden. Und sie wurden tatsächlich von Freunden gefragt, was sie ihrem Sohn angetan hätten. Schau, ich hätte zum Beispiel auch gar kein Problem der ganzen Welt zu verkünden, dass ich schwul sei, denn ich weiss, dass ich es nicht bin. Solange ich weiss, wer ich bin, ist mir absolut egal, was alle anderen denken.

Du bist Künstler und es ist dir egal, was andere über dich denken. Nicht schlecht.

John: Es kümmert mich wirklich nicht, solange es nicht wahr ist. Dann fühle ich mich nämlich richtig schlecht.

Es muss ganz schön hart sein, wenn irgendwelche Skandale oder richtig persönliche Sachen enthüllt werden.

Ossi: Genau, wie Michael Jackson und die ganze Pädophiliesache. Das macht dein Leben kaputt. In einer solchen Situation würde ich nie sein wollen. Was Leute aus meinem näheren Umfeld über mich denken ist mir schon sehr wichtig. Aber sonst… Ganz am Anfang unserer Karriere dachten die Leute, wir seien ein Paar.

John: Nach den Shows sind wir manchmal in Bars gegangen und haben uns geküsst um den ganzen Gerüchten ein bisschen Schwung zu verleihen.

Das nennt man dann wohl gute PR.

Ossi: Ja, das war echt lustig.

Kommen wir noch mal zu der Inspirationssache. Ich habe in einem Interview mit einer anderen Band gelesen, wie die ihre Lieder entwickeln und fand das ziemlich speziell. Der Typ sagte, er hätte an ein brasilianisches Mädchen gedacht, das auf ihrer Terrasse steht und aufs Meer hinausschaut und dann habe er das Lied geschrieben, das sie in diesem Moment hören würde.

Ossi: Bullshit. Ich glaube ihm kein Wort.

John: Was für ein Vollidiot, aber echt. Get a life, man! Das sind diese überromantischen Typen, der sagt das nur, um Mädchen abzuschleppen. Oder dann ist er ein sehr schlechter Künstler.

Ossi: Wer hat das gesagt?

Einer von Nouvelle Vague, das ist eine französische Bossa Nova Band, die Post-Punksongs covert…

Ossi: Ein Franzose. Das erklärt einiges.

John: Das liegt mir echt total fern. Viele Künstler sagen Sachen wie «Ich war zwei Stunden lang in der U-Bahn und habe Leute beobachtet und war sooo inspiriert, da bin ich nach Hause gegangen und habe ein Lied über diesen alten Mann neben mir geschrieben, der in ein Zuhause geht, wo nichts auf ihn wartet.« Wenn ich neben einem alten Penner in der U-Bahn sitze, empfinde ich Ekel, genau wie die meisten anderen Leute auch. Viele Künstler versuchen sich selbst auf ein Podest zu heben, als wären sie jenseits von allem Menschlichen. Das tun die nur um Platten zu verkaufen.

Nächstes Spiel: Ich nenne euch zwei Songs und ihr sagt mir wo ihr die Lieder gerne hören würdet. Erstens: „Man must dance“.

John: Dabei denke ich an einen Regenwald. Einen Eingeborenen, der mitten im Dickicht lebt und auf seinen tägliche Jagdtour geht mit seinem Blasrohr und Giftpfeilen.

Ossi: Ich stelle mir ein Haus vor, das voller steifer, bornierter Menschen ist, die sich nicht trauen, auszubrechen. Denen sollte man dieses Lied vorspielen, damit sie sich ausziehen und tanzen.

Ihr sprecht gerne übers Kleiderausziehen, das kommt auch in einem anderen Lied vor: „Take off your clothes and start digging for your soul.“

Ossi: Das stimmt.

John: Ich bin wirklich sehr gerne nackt. Was wohl hauptsächlich daran liegt, dass ich Mode verabscheue. Ich finde das so was von dämlich, totale Zeitverschwendung. Na gut, wenn du sonst vielleicht total beschissen aussiehst…

Ossi: Es ist einfach so oberflächlich.

John: Es ist sehr einfach, sich teuere Kleider zu kaufen, einen guten Haarschnitt verpassen zu lassen und vorzutäuschen jemand zu sein, der man gar nicht ist.

Ossi: Darum finde ich Schuluniformen so toll. Du siehst gleich aus, egal, wie reich oder arm du bist. Das würde das ganze Mobbingproblem lösen.

John: Ich finde, es sollte illegal sein das 14-jährige Uhren für 20’000 Euro besitzen.


Dann kämen wir zu meiner obligaten letzten Frage. Gibt es etwas, das ihr noch nie gefragt worden seid und endlich mal beantworten möchtet?

John: Ui, das ist eine richtig gute Frage.

Manchmal kommen wunderbare Sachen dabei raus.

John: Fuck. Ich meine, wir geben seit Jahren Interviews, da hätten wir echt mal darüber nachdenken sollen.

Ossi: Ich schätze das liegt daran, dass ich Interviews einfach nie richtig gemocht habe. Normalerweise sage ich eigentlich nur Ja oder Nein.

John: Vor allem wenn die erste Frage ist: „Wieso seid ihr nur zu zweit in eurer Band?“

Ossi: Ach ja. Oh mein Gott.

John: Aber mir fällt echt gerade nichts ein.

Was muss ich denn wissen, wenn ich Johnossi wirklich verstehen möchte?

John: Dafür müsstest du uns wohl persönlich kennen. Und das dauert ein Paar Jährchen.

Ossi: Ich glaube, viele Leute wissen nicht, dass wir extrem professionell sind, vor allem, was unsere Live-Shows betrifft. Wir sind richtig seriös und betrinken uns zum Beispiel nie allzu sehr vor einer Show. Deshalb sind wir live so gut.

John: Wir wollen einfach kein schlechtes Bauchgefühl haben. Ich hasse es auf der Bühne zu stehen und mich zu fühlen als sei ich der schlechteste Musiker der Welt.

Ossi: Ich will mich nicht die ganze Zeit fragen wollen „Fuck, was tue ich eigentlich hier?“

Da wären wir wieder bei der Sinnfrage.

Ossi: Ganz genau. Dann müsste ich etwas anderes machen. Ich will auf die Bühne treten und denken: „I’m the fucking best in the fucking whole wide world.“

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