Gesellschaft | 18.08.2008

„Freiheit ist absolut individuell“

Text von Lilly Maier | Bilder von Raphael Hünerfauth
Im Zettelspiel am Eröffnungsabend des Bodenseecamp schrieben alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre ganz persönlichen Gedanken zum Thema Freiheit auf. Der Satz der 15-jährigen Lily Kroth aus Augsburg blieb hängen. Ein Interview darüber.
"Ich fühle mich schon frei, wenn ich mal keine Schuhe anziehen muss."
Bild: Raphael Hünerfauth

Du hast gestern Abend auf deinen Zettel geschrieben: „Absolute Freiheit ist ein Mythos des 21. Jahrhunderts“. Was meinst du damit?
Ich hab mich kurz gefragt, was Freiheit eigentlich bedeutet. Dann kam ich auf den Widerspruch, dass wir nur frei sind, weil es so viele Regeln in der Gesellschaft gibt. Wir sind ja alle in unserem System gefangen. Ich fühl mich trotzdem relativ frei – aber eben nicht absolut frei.

Was ist für dich der Unterschied zwischen frei und absolut frei?

Absolute Freiheit halte ich für nicht umsetzbar.

Für nicht möglich?
Ja genau. Ich finde es schwierig zu sagen, dass man absolut frei ist – wie die Hippies das ja vertreten haben. Ich fühl mich frei, aber absolute Freiheit halte ich für einen Mythos.

Apropos Mythos: Findest du jetzt, dass Freiheit generell ein Mythos ist? Oder nur die abolute?
Freiheit ist absolut individuell. So kann man das vielleicht sagen. Ich fühl mich schon frei, wenn ich einfach mal keine Schuhe anziehen muss.

In deinem Satz hast du dich ja auf das 21. Jahrhundert festgelegt. Findest du, dass früher Freiheit realer war als jetzt?

Du meinst, ob die Menschen früher freier waren?

Ja, weil du deinen Satz zeitlich begrenzt hast.
Ich hab das mehr auf die absolute Freiheit bezogen. Viele sagen ja, wir seien heute absolut frei – in der Berufswahl, zum Beispiel. Und ich finde, dass das nicht so ist.
Wir sind heute sehr, sehr eingeschränkt. Dadurch, dass wir auch nur in Erwägung ziehen, zu arbeiten und nicht einfach zu sterben – oder was weiß ich. Unsere Gedanken sind nicht frei, schon allein weil wir nicht alle Dimensionen mit unseren Gedanken erfassen können.

Auf einem anderen Zettel steht „Freiheit ist Macht“. Würdest du das auch sagen?

Nein. Ich hab eben die Ansicht, dass Freiheit total individuell ist. Ich sehe Freiheit als Gefühl. Der Verfasser des Zettels sieht Freiheit wahrscheinlich rechtlich, das ist was anderes.

Macht ist ja etwas, das du  hast oder nicht. Wenn ich jetzt sage, Freiheit ist Macht, sage ich ja, dass ich Freiheit besitze. Findest du, man kann Freiheit besitzen?

Nicht für immer. Aber man kann sie für den Moment besitzen – genauso wie man jedes andere Gefühl für den Moment besitzen kann, es verflüchtigt sich nur leider.

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