Gesellschaft | 18.08.2008

Fahren mit offenen Seitentüren

Alina Mühlhauser, Tink.ch-Reporterin in Jemen, berichtet von fahrenden Rostbeulen, fehlenden Sicherheitsgurten und einer Flusstrasse, mitten in der Stadt.
Hier herrscht kontrolliertes Verkehrschaos: Jemens Hauptstadt Sana'a. Fotos: Alina Mühlhauser Wenn es wie eine Sackgasse aussieht, muss es nicht unbedingt eine sein. Die Saliah, ein trockengelegtes Flussbett, führt durch die ganze Stadt, und wird auch dann als Strasse benutzt, wenn das Wasser kniehoch steht.

Wir Schweizer sind es uns gewohnt, uns vor dem Losfahren im Auto anzugurten und Verkehrsschilder und Ampeln zu beachten. Wer allerdings bereits einmal ausserhalb Westeuropas weilte, mag nicht erstaunt sein, dass auch im Jemen der Verkehr nach etwas anderen Vorstellungen läuft. Sicherheitsgurte? Damit beleidigt man höchstens seinen Taxifahrer, wenn man sie tatsächlich gebrauchen will. Kindersitze? Der Sprössling darf ruhig auf Papas Schoss sitzen und aus dem offenen Fenster winken. Und das Vorhandensein von Verkehrsschildern heisst noch lange nicht, dass man die-se auch zu beachten hat. Trotzdem: Es funktioniert!

Hauptsache Hupen

Regel Nummer eins beim Autofahren ist, nach vorne schauen und möglichst viel hu-pen. Die Autos hier haben zwar Rückspiegel, jedoch werden diese kaum benutzt. So warnt man bei jedem bevorstehenden Manöver andere Verkehrsteilnehmer durch das Betätigen der Hupe. Es kann auch vorkommen, dass ein Fahrer seine Hand durch das offene Fenster ausstreckt, um zu signalisieren, dass es links abbiegen will, so ähnlich wie wir das vom Fahrradfahren kennen. Da die einige Wagen hier, für unsere Ver-hältnisse kaum noch fahrtüchtig aussehen, kann man nun wirklich nicht erwarten, dass sie auch noch Blinker haben. Im Gegenteil: Man sollte glücklich sein, dass sie sich überhaupt von der Stelle bewegen.

Einbahnstrassen und Geschwindigkeitsangaben
Auch Verkehrsschilder haben hier ihre eigene Bedeutung. Ich war mehr als erstaunt, zu erfahren, dass die Strasse vor meinem Haus eigentlich eine Einbahnstrasse ist. Dass der Verkehr tatsächlich nur in einer Richtung verkehrt, geschieht ungefähr zweimal im Monat, wenn ein Polizist da steht und fehlbare Fahrer zurechtweist.
Ein anderes kurioses Verkehrsschild entdeckte ich beim Spital, dieses besagt tatsächlich, man solle nicht hupen, was freilich nur halbherzig umgesetzt wird. Oder was bedeuten Verkehrsschilder, die einem auffordern, „langsam“ zu fahren, jedoch keine Geschwindigkeitsangaben dazu machen?

Romantische Flusspromenade
Das wohl Kurioseste jedoch ist der Kanal, Sailah genannt, der durch die Stadt führt. Die Sailah ist ein kanalisiertes Wadi, also ein trockenes Flussbett, das sich nach Regenfällen mit Wasser füllt. Normalerweise wird die Sailah als gewöhnliche Strasse benutzt, doch auch knietiefes Wasser hält die Sana’anis nicht davon ab, darin zu fah-ren. Freilich bleibt dabei gelegentlich auch ein Auto darin stecken. Besonders aben-teuerlich nach starkem Regen ist eine Fahrt in einem Minibus des öffentlichen Verkehrs, dessen Route durch die Sailah führt, denn die Seitentüren der Busse werden kaum einmal geschlossen.

Am „Ufer“ der Sailah setzt man sich etwa auch hin, um einen Tee zu trinken und zu plaudern. Dazu beobachtet man den Verkehr. Nach Regenfällen nimmt die Atmosphäre hier gewisse Ähnlichkeit mit einer Flusspromenade an und ist geradezu romantisch.

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