Politik | 29.07.2008

Verbotene Türme

Text von Mehmet Coskun
Am 1. November 2008 endet die Unterschriftensammlung für die Eidgenössische Volksinitiative "Gegen den Bau von Minaretten". Tink.ch besuchte den türkischen Kulturkreis Olten, dessen Baugesuch um ein Minarett Aufsehen erregte.
Vier Flaggen im Wind: Das Gemeindewappen von Wangen bei Olten, das Bild eines grauen Wolfes, die Schweizer Flagge sowie die Türkische Flagge. Fotos: Mehmet Coskun Das Vereinslokal des türkischen Kulturvereins von aussen. Im Innern spielt eine Gruppe von Männern Tischfussball, während nebenan die Kinder spielen.

„Würden wir eine Kirche in der Türkei bauen wollen, ginge das auch nicht!“ Ein oft gehörtes Argument, wenn es um die Frage geht, ob in der Schweiz Minarette gebaut werden dürfen. Seit die Schweizerische Volkspartei (SVP) zusammen mit der Eidgenössisch-Demokratischen Union (EDU) im Mai 2007 die Minaretts-Initiative lancierte, beschäftigt der Minarettstreit die gesamte Schweiz von St. Gallen bis Bern. Dabei drehen sich die Debatten unter anderem um die Frage nach der Religionsfreiheit sowie natürlich der Toleranz. Für jene plädierte Bundesrat Pascal Couchepin gegenüber dem Blick als er sagte: „Ich habe viel über dieses Thema nachgedacht. Wir sind immer kritisch gegenüber Neuem. Wir fragen nicht spontan: Was bieten sich für Chancen? Sondern als Erstes kommen die Ängste. Ich plädiere für ein wenig Naivität und Offenheit gegenüber Neuem in der Welt.“

Graue Wölfe
Ein Minarett ist in der Schweiz tatsächlich ein Fremdkörper, allerdings sind nicht bekannte Bauten und Kulturen ja hier um sie kennen zu lernen. Einen Beitrag dazu leistet der türkische Kulturkreis Olten, auch „Olten Türk Kültür Ocagi“ genannt. Der Verein in Wangen bei Olten besteht seit 1978 und bekam vor drei Jahren vom Bau- und Justizdepartement die Erlaubnis, ein Minarett zu bauen. Schon bald jedoch regte sich Widerstand gegen das Vorhaben, da über der Moschee des Vereins nicht nur die Flaggen der Schweiz und der Türkei wehten, sondern auch eine Flagge mit einem Grauen Wolf drauf.

Schnell wurde die Befürchtung geäussert, bei dem Grauen Wolf könnte es sich um das Symbol einer rechtsextremen türkischen Gruppierung handeln, und der Skandal war perfekt. Dass der türkische Kulturkreis in seiner 30-jährigen Vereinsgeschichte noch niemals negativ aufgefallen ist, wurde dabei ausser Acht gelassen. Auch die Verteidigung des Vereins, dass der graue Wolf ein sehr altes türkisches Symbol sei und in keinster Weise eine Bedrohung für andere Völker oder Religionen darstellen soll, half wenig gegen die geschürte Angst der Medien und einiger rechter Politikerinnen und Politiker. Dabei war der türkische Kulturkreis keineswegs früh dran mit seinem Gesuch um ein Minarett: In Genf steht seit 1978 eine Moschee mit Minarett, in Zürich sogar schon seit 1962.

Der Verein, auf dessen Dach auch immer das Gemeindewappen von Wangen an der Fahnenstange prangte, tut viel für die Integration von Türkinnen und Türken in der Gemeinde. So gibt es zum Beispiel jedes Jahr einen Tag der offenen Tür, an dem alle Gemeindemitglieder die Möglichkeit haben, den Kulturkreis kennen zu lernen. Oft veranstaltet der Verein auch Konzerte und Fussballturniere. Einer der Schwerpunkte der Vereinsarbeit ist jedoch das Angebot von Förderkursen für Schüler. Jedes Jahr schaffen etwa 25 junge Mitglieder des Vereins den Sprung in die Kantonsschule, nicht zuletzt dank den Bildungs- und Integrationsbemühungen des türkischen Kulturkreises. Im Vereinslokal gibt es ausserdem viele Freizeitangebote wie Billiard, Dart oder Tischfussball. Selbstverständlich wurde auch die Euro dieses Jahr auf einem grossen Bildschirm gezeigt.

Es mag wohl sein, dass dem Islam in der Schweiz ein intolerantes Image anhaftet, wer jedoch das zu Beginn dieses Textes genannte Argument vertritt, sollte eine Reise nach Istanbul wagen. Die Behauptung, dass der Bau von katholischen Kirchen in der Türkei nicht möglich sei, wird in dieser türkischen Metropole nämlich widerlegt. In Istanbul stehen nicht nur verschiedene katholische Kirchen, sondern auch zahlreiche Moscheen und Synagogen. Der Himmel über ihnen ist offenbar gross genug, dass sie ihn teilen können.