Politik | 29.07.2008

Ein amerikanischer Freund

Text von Marc Vogel | Bilder von Barackobama.com
Am 24. Juli stattete Barack Obama Berlin einen Besuch ab und versammelte so 200 000 Menschen vor der Siegessäule. Eine Mischung aus amerikanischer Show und Familienbesuch.
Von Berlin gabs leider noch keine Bilder, deswegen: Barack Obama bei einer Rede in den Vereinigten Staaten.
Bild: Barackobama.com

„Thank you. Thank you all for coming!“ Charismatisch, eindrücklich und präsidial, wie er schon seit Monaten aus den Medien zu uns über den Atlantik blickt, so wirkte Barack Obama  auch in natura. Im Rücken symbolträchtig Siegessäule und Brandenburger Tor begrüsste Obama, demokratischer Präsidentschaftskandidat (!) und Hoffnungsträger eines neuen amerikanischen Traumes, die rund 200 000 Zuhörer am 24. Juli in Berlin.

Amerikanische Show

Tage zuvor. Ein amerikanischer Freund würde zu Besuch kommen. Und die Amerikaner sind ganz besondere Freunde. Vor Wochenfrist noch war der irakische Regierungschef Nuri El-Maliki zu Gast gewesen, mit weitaus weniger Aufsehen und Echo. Denn da hatte der amerikanische Politzirkus ja bereits begonnen. Die Wahlkampfmaschine Obamas startete jedoch holprig. Seine «transatlantische Grundsatzrede« sollte eigentlich direkt am Brandenburger Tor stattfinden. Das Brandenburger Tor als Sinnbild der Überwindung des Kalten Krieges. Worauf Bundeskanzlerin Angela Merkel allerdings ihr „Befremden“ äusserte. Ein Auftritt an so einer symbolischen Stätte könne als eine deutsche Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf missverstanden werden, liess Regierungssprecher Thomas Steg verlauten. Um Wahlkampf ging es neben allen Sympathiebekundungen natürlich, wie überall wo Obama derzeit erscheint.

Von der Klagemauer zur Berliner Mauer
Seine achttätige Reiseagenda (Afghanistan, Irak, Israel, die palästinensischen Gebiete) spricht da klare Worte. Die einzige öffentliche Rede sollte nun aber im Berliner Tiergarten an der Siegessäule stattfinden. Dies führte zu Bedauern in Paris und London, da diese gerne dieser Ehre zuteil geworden wären. Aber Berlin wurde natürlich nicht zufällig Ort dieses geschichtlichen Ereignisses. Die Berater Obamas sehen in Angela Merkel die einflussreichste Poltikerin Europas. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy sei noch nicht lange im Amt und der britische Premier Gordon Brown stecke derzeit in einer politischen Krise. Zusätzlich hätte die Geschichte des Brandenburger Tors der geplanten Grundsatzrede mehr Gewicht als beispielsweise der Pariser Eiffelturm verliehen.

Ein neues Zeitalter

Nun war er also da. Der 46-jährige Liebling der Massen, der den Umbruch in ein neues, besseres Zeitalter schaffen soll. Er wäre der erste dunkelhäutige Präsident. Wäre, weil noch gibt es in dem zwar blassen John McCain einen Konkurrenten, dem durchaus gute Chancen zugerechnet werden. Hier in Europa scheint daran keiner zu denken. Unser amerikanischer Freund wird ähnlich euphorisch und bewundernd empfangen wie 1963 John F. Kennedy mit seiner berühmten Rede vor dem Schöneberger Rathaus, der aber damals bereits seit zwei Jahren amerikanischer Präsident war.

Familienbesuch
Wie ein Familienbesuch mutete dieser hohe Besuch an. Morgens wurde Obama abgeholt am Flughafen. Traf sich zuerst mit Bundesmutter Merkel, Small Talk im grossen Stil (Deutsches Engagement in Afghanistan, Klimawandel, und so weiter.). Es ging weiter zu Aussenminister und Vaterfigur Frank-Walter Steinmeier, der „eine gemeinsame Philosophie in der Aussenpolitik“ erkannte. Das Gästezimmer Obamas befand sich im Hotel Adlon. Hier in der prunkvollen Nobelherberge nahe der Siegessäule ein abschliessendes Treffen mit Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Themen seien hauptsächlich der amerikanische Wahlkampf und die Stadt Berlin gewesen, so Wowereit nach der Begegnung. Geschenke wurden ausgetauscht. Eine Bären-Figur der traditionsreichen Königlichen Porzellan Manufaktur Berlins für Barack Obama und für Berlin Glanz und Glamour. Anschliessend kurzes Jogging.

I love Berlin
Um 19 Uhr dann der gross erwartete Auftritt vor der Siegessäule, Obama traf sich sympathisch lächelnd mit Normalsterblichen. Die Anwesenden lauschten gespannt den Worten, applaudierten ihm, wünschten ihm so alles erdenklich Gute für den harten Wahlkampf, der erst in den nächsten Monaten in die heisse Phase kommen wird. „I love Berlin“, so sein Dank. Nach dem grossen Auftritt herrschte für einmal familiäre Einigkeit in den Reihen der deutschen Parteien. Edmund Stoiber, CSU-Ehrenvorsitzender, würdigte Obamas Verkörperung von «Charisma und Führung«. SPDler Klaus Schütz lobte, Obama  habe die Menschen von ihren Zweifeln an Amerika befreit und Linksfraktionschef Gregor Gysi erklärte: „Obama vertritt eine neue Generation und strahlt einen anderen Zeitgeist aus, allerdings befangen im bisherigen System.“ Barack Obama, der Weltbürger. Nach seiner Rede verliess Obama überraschend noch einmal sein Hotel und ass im Nobel-Restaurant „Borchardt“ zu Abend. Der Menuplan wurde nicht veröffentlicht. Allerdings steht auf der Speisekarte eines Weltbürgers wohl mehr als nur Burger und Fritten.

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