Gesellschaft | 02.06.2008

Zen-Momente

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Die Amazonen können gut gemeinsam schweigen. Vor allem auf Zugfahrten, die sie quer durch Europa führen.
Bild: Stefan Wallimann.

Die Eremitin und ich waren am Samstag an eine Prä-Euro-Veranstaltung eingeladen. Dabei mussten Teams in eine Art Tischfussball mit Scheibe gegeneinander antreten. Wir waren fürs Team Rumänien am Start, das es leider nicht bis über die Vorrunde hinaus schaffte. Wir tranken und grölten dennoch fröhlich mit und wunderten uns im Stillen darüber, wie diese paar jungen Leute es schafften, so dermassen laut zu sein. Die bange Frage liess nicht lange auf sich warten: Werde ich langsam alt? Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, fluchtartig verliess ich den Raum. Im Nebenzimmer, neben einem grossen Schildkröten-Gehege ohne Bewohner und in ein Gespräch mit einem anderen Partygast vertieft, fühlte ich mich bedeutend wohler. Stille kann so ungemein wohltuend sein. Laut gilt als Inbegriff von Fröhlichkeit, dabei sind es eigentlich die leisen Töne, die wirklich glücklich machen.

Die Eremitin und ich können stundenlang Zug fahren ohne ein einziges Wort zu wechseln. Gemeinsam sind wir schon von Athen nach Istanbul, quer durch Schweden oder von Zürich ins Ferne Budapest getuckert und auf jeder einzelnen dieser Reisen gab es Momente der Hingabe an die eigenen Gedanken. In solchen „Zen-Momenten“ widmen wir uns ganz unseren stillen Tätigkeiten, wir lesen, schreiben, malen oder hören Musik. Jede einzelne für sich, und irgendwie doch zusammen. Es sind Momente von grösster Vertrautheit, denn nur mit wirklich guten Freundinnen fällt das Schweigen leicht. Wir ruhen in uns selbst, pflegen unser Innerstes – und sind doch nicht einsam. Ich kenne nicht viele Menschen, mit denen ich das kann. Wie Zen-Mönche schon vor tausenden von Jahren erkannten: Die  Stille und Weite ist unsere eigentliche Natur. Denn Stille in Einsamkeit gibt ein Gefühl von Tiefe – Stille in Gemeinsamkeit ist weit.

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