Gesellschaft | 30.06.2008

Wenn der Fluss plötzlich aufwärts fliesst

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
«Sicher ist einzig die Veränderung" meint die Kaktusblüte und plädiert für weniger Angst vor grossen Richtungswechseln.
Bild: Stefan Wallimann.

In Asien gibt es Flüsse, die bei Monsun die Fliessrichtung wechseln können. Und so wie das Wasser in extremen Situationen die Fliessrichtung wechseln kann, machen auch Menschen allerlei Veränderungen durch. Ansichten und Gewohnheiten verändern sich, Verantwortungsgefühle wandeln sich, Freundschaften werden geschlossen und wachsen, das Kräfteverhältnis wird plötzlich ein anderes. Sicher ist einzig die Veränderung. Nur kümmert das unsere moderne Gesellschaft herzlich wenig: In Industrienationen ist das Bedürfnis nach Sicherheit gross und damit auch das Gefühl, das eigene Leben jederzeit kontrollieren zu können. Je mehr wir mit dieser Kontroll-Erwartung an unser Leben herangehen, desto mehr haben wir Angst vor der unwiederbringlichen Veränderung.

Auf die eine oder andere Art fürchten wir uns also alle vor Veränderungen. So auch in der Liebe. Wer kennt sie nicht, die leise Angst vor  einer neuen Liebe? Wir sagen, wir fürchten uns vor der Liebe – doch eigentlich fürchten wir uns vor der Veränderung, die sie in unserem Leben bewirken könnte. Denn anders als ein paar neue Schuhe oder eine neue Stelle gilt die Liebe in unserer Kultur als jene Kraft, die am meisten Potenzial hat, uns und unser Leben unwiderruflich zu verändern. Vielleicht sitzt uns die Angst im Nacken, nicht mit diesen reissenden Gefühlsströmen umgehen zu können. Dabei vergessen wir häufig, dass die Liebe uns immer nur zu uns selbst führt und nicht von uns weg. Es sollte also zu einer guten Lebensführung gehören, ab und zu ganz bewusst zuzulassen, dass die Fliessrichtung des eigenen Lebensflusses sich ändern kann.

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