Kultur | 28.06.2008

„Unsere zweite Platte war Schrott“

Schon zwanzig Jahre sind vergangen, seit die Manic Street Preachers zu viert berühmt wurden. Trotz des mysteriösen Verlusts ihres Gitarristen Richey James Edwards durchquerten sie die zwei letzten Dekaden ohne Skandale. Was sie nun aus dieser langen Zeit gelernt haben erklärt uns Bassist Nicky Wire, mit geschlossenen Augen, am Openair St.Gallen.
Nicky Wire von den "Manics" ist zwar schon seit 20 Jahren auf Tour...
Bild: Anton Coene ...hat aber kein bisschen an Energie verloren! Hier beim Solo am Openair St. Gallen Tim Broddin

Hey Nicky, alles ok?

Alles im grünen Bereich soweit. Ich konnte gestern zeitig ins Bett gehen. Ich habe zwar deshalb den Match verpasst, aber das macht mir nichts aus. In England hätte ich jetzt aber wahrscheinlich ernste Probleme am Hals.

Magst du Fussball?

Ja, sehr sogar! Aber gestern entschieden wir uns dennoch, in Zürich ein wenig spazieren zu gehen statt das Spiel zu gucken.

Die letzten paar Monate waren sicher aufregend euch. Ihr habt vom New Musical Express (NME) den „Godlike Genius Award“ verliehen bekommen. Hättet ihr euch das vor 10 Jahren erträumen lassen?

Das ist sicher eine grosse Ehre für uns, denn als wir jünger waren, lasen wir oft den NME. Hättest du uns vor 20 Jahren prophezeit, dass wir einst Besitzer dieses Awards sein würden, dann hätten wir dir wohl nicht geglaubt. Auch diesen Januar, als wir den Award tatsächlich bekam, haben wir überhaupt nicht damit gerechnet. Wir sind im Moment sehr, sehr glückliche Jungs.

Wenn wir gerade von Veränderungen reden: Nachdem die Single „You Love Us“ 1982 erschien, schien es, als ob ihr das Spiel mit der Presse fast ebenso gut beherrscht wie zuvor die Sex Pistols. Doch die Manipulationen kamen seither auch immer wieder von Seiten der Presse, vor allem wenn man eine noch junge Band ist, hat man es zum Teil schwer. Ein gutes Beispiel dafür wäre der NME, der neue Bands in Hypes verwandelt um sie später niederzuschlagen.
Ich denke das ist dann aber eher die Schuld der Bands, die heute einfach an Nichts mehr interessiert sind. Es geht ihnen nicht mehr genug um Leben und Tod. Eine Band unserer Generation kümmerte sich noch um solche Sachen. Und es ist nicht einfach eine Show die wir aufsetzen. Wir haben immer an das geglaubt, was wir sagen. Ich denke, unsere Generation von Musikern wie Oasis, Blur, wir machen immer noch gute Musik. Wir haben noch Etwas zu sagen.

Würdest du sagen, dass junge Bands mittlerweile zu angepasst sind, und ihre Meinungen nicht mehr laut genug äussern?

Oh ja! Vor allem in England waren die letzten zehn Jahre sehr dekadent. Bands beschäftigen sich zurzeit nur damit, sich zu verlieben, Drogen zu konsumieren und Party zu machen. Das kann ich verstehen, denn die letzten zehn Jahre ging es unserem Land wirtschaftlich sehr gut. Aber jetzt ist es an der Zeit,  ins Studio zu gehen und anständige gute Musik zu machen. (lacht)

Was ist mit The Enemy? Könnten die eure musikalischen Nachfolger sein?

Ich bin ein grosser Fan von ihnen! Sie haben uns letztes Jahr auf unserer Tournee begleitet und sie waren einfach fabelhaft, jede einzelne Nacht!

Tom (Clarke, Sänger) ist sehr intelligent. Er gesellte sich während dem NME Award Konzert zu uns. Nun hoffe ich, dass ihr zweites Album so gut sein wird wie ihr Erstes. Unsere zweite Platte war es nicht, sie war Schrott! (lacht)

Ihr habt verschiedene Phasen durchgemacht, von Punk zu Glamrock. Was steht als Nächstes an?

Das Album, das in unseren Köpfen herumschwirrt, besteht aus schnellen und harten Riffs und zugleich ruhigen akustischeren Stücken. Ein sehr kontrastreiches Album. Ob wir es aber tatsächlich so realisieren werden, steht in den Sternen.

Was hast du nach all diesen Jahres des Musikmachens gelernt?

Die Sache, die mir wirklich bewusst wurde, ist, dass wir drei (Nicky, Sänger James Dean Bradfield und Schlagzeuger Sean Moore, Anm. d. Red. ) die besten Freunde sind und es immer bleiben werden. Wir kennen uns schon so lange. Ich ging zusammen mit James zur Schule, als ich vier war. Genauso mit Richey (Richey James Edwards war der Gitarrist der Band. Er verschwand 1995 spurlos, Anmd. d. Red.) . Wir vier, wir haben einander wirklich lieb gewonnen. Es ist sehr selten, dass du über so lange Zeit befreundet bleibst. Das ist die Hauptlehre die ich aus den letzten zwanzig Jahren ziehen kann.

Gibt es ein Motto, das dich über die Jahre begleitete?

Ja, Richey wiederholte immer wieder: „Be Pure, Be Vigilant, Behave.“

(„Sei echt, sei aufmerksam und benimm dich.“)

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