03.06.2008

Einige meinten, ich spinne

Text von Lino Schaeren
Der 20-jährige Fabio Blaser aus Biel entschied sich, statt das 10. Schuljahr in der Schweiz zu absolvieren, ein Jahr in Südafrika zu verbringen. Tink.ch sprach mit ihm über sein spezielles Zwischenjahr.

Ist es dir schwer gefallen, dich für ein Zwischenjahr so weit weg von Zuhause zu entscheiden?

Fabio Blaser: Ja. Einfach so für ein Jahr wegzugehen war eine sehr schwierige Entscheidung. Man lässt alles zurück, was man kennt: Die vertraute Umgebung, die Familie, die Freunde, einfach alles. Ich wusste beim Zeitpunkt meiner Abreise nicht, was mich in Südafrika erwartet. Ich hatte keine Ahnung, in was für einer Familie und in welchen Verhältnisse ich landen würde. Aber diese Ungewissheit reizte mich, denn ich wollte wissen, wie ich zum Beispiel mit der hohen Kriminalitätsrate und den armen Verhältnissen umgehen kann.

Wie hat dein Umfeld auf deine Entscheidung reagiert? Du hast es ja erwähnt; Südafrika ist nicht gerade ungefährlich.

Es gab doch Einige aus meinem Verwandten- und Bekanntenkreis die meinten, ich spinne. Viele haben auch meine Eltern angegriffen und gesagt, sie seien verantwortungslos und würden mich in den Tod schicken. Trotzdem haben mich meine Eltern und meine Schwester bei meinem Vorhaben immer unterstützt. Wir besuchten als Familie schon viele fremde Orte wie Mexiko oder Guatemala, wir waren uns das Reisen gewohnt. Obwohl meine Eltern Afrika noch nie besucht hatten, standen sie mir überhaupt nicht im Weg.

Was für eine Rolle spielte Geld bei deinem Entschluss, nach Südafrika zu reisen?

Ich wurde bei meinem Vorhaben, ein Zwischenjahr in Afrika zu absolvieren, von der gemeinnützigen Organisation AFS (American Field Service) unterstützt. Die Familie, die mich aufnahm, bekam kein Geld als Entschädigung. Ich musste nur den Flug, die Kleidung und die Reisen im Land selber bezahlen. Unterm Strich wäre ein normales Jahr in der Schweiz teurer gewesen als dieses eine Jahr in Südafrika.

Mit welchen Zielen bist du nach Südafrika geflogen?

Die meisten Jugendlichen, die in diesem Alter einen Auslandaufenthalt machen, wollen dabei eine nützliche Fremdsprache lernen. Wenn ich meine Englischen Sprachkenntnisse hätte verbessern wollen, wäre ich aber wohl eher nach England oder Amerika gereist. In Südafrika gibt es elf verschiedene Landessprachen, ich wusste also bei meiner Abreise nicht, ob ich mein Englisch oft verwenden würde. Mein Ziel war es, zu sehen, wie die Menschen in diesem Land mit der grossen Armut umgehen, wie sie ihr Leben leben. Ich bin also der Kultur wegen nach Südafrika gereist.

Wie wurdest du in der Familie und deinem dortigen Umfeld aufgenommen?

Ich wurde von meiner Gastfamilie sehr herzlich empfangen. Gleich bei meiner Ankunft verpassten sie mir den neuen Namen „Tfhepo“, was in Sotho (eine der elf Landessprachen) „Hoffnung“ bedeutet. Da wo ich wohnte, lebten vor allem Schwarze. Ich war sehr schnell in den Freundeskreis der Familie integriert. Mein älterer Bruder schleppte mich überall hin mit.

In der Schule waren die Weissen und die Schwarzen meist für sich. Da ich oft mit den Leuten aus meinem Quartier zusammen war, verbrachte ich die meiste Zeit bei den Schwarzen. Dies konnten viele Weisse einfach nicht verstehen. Dies zeigte mir, dass die Apartheid, die zehn Jahre zuvor beendet worden war, noch nicht ganz aus den Köpfen der Menschen verschwunden war. Auch als ich eine schwarze Freundin gefunden hatte, mussten wir unsere Beziehung abbrechen, da ihre Eltern mit meiner Hautfarbe nicht einverstanden waren.

Was sind die wichtigsten Erfahrungen, die du mit in die Schweiz nehmen konntest?

Seit meinem Zwischenjahr betrachte ich die Welt mit anderen Augen, weil ich jetzt auch eine Welt kenne, von der wir in der Schweiz weit entfernt sind. Ich habe grosse Kriminalität erlebt, und wie die Leute damit umgehen, ich war mit dabei, wenn mehrere Tage kein Essen auf dem Tisch stand und habe mit den Menschen mitgelitten. Trotz all diesem Leid durfte ich aber auch erleben, mit welcher Lebensfreude die Südafrikaner den Alltag bewältigen. Und obwohl ich nicht der Sprache wegen nach Südafrika gereist bin, brachte das Jahr den netten Nebeneffekt mit sich, dass ich meine Englischkenntnisse stark verbessern konnte und deshalb eine ausserschulische Prüfung erfolgreich bestand.

Würdest du heute trotz der schwierigen dortigen Situation nach Südafrika zurückkehren?

In Südafrika herrscht im Moment praktisch Krieg, das ist klar. Ich hätte trotzdem keine Angst, heute nach Südafrika zu reisen. Ich habe ja jetzt eine Familie, die da lebt. Ich hätte natürlich Angst vor dem Krieg, dem ich unfreiwillig sehr nahe begegnen würde, aber ich denke, dass ich nicht um mein Leben fürchten müsste.

Würdest du anderen Jugendlichen auch empfehlen, ein ähnliches Zwischenjahr zu absolvieren?

Eines ist klar: Um eine Sprache zu lernen, ist das Land nicht sonderlich gut geeignet. Wer Englisch lernen will, sollte sich lieber für England, Amerika oder Australien entscheiden.

Wenn aber jemand grosses Interesse daran hat, eine neue Kultur kennen zu lernen, ist Südafrika sicher sehr gut geeignet. Man muss sich jedoch schon im Voraus im Klaren sein, auf was man sich einlässt, denn es ist wichtig, dass man auch in schwierigen Situationen nicht aufgibt. Wenn der Wille aber zu hundert Prozent da ist, steht einem unvergesslichen Erlebnis nichts mehr im Wege. Denn Afrika kann nicht nur gefährliche Erlebnisse bieten, es gibt auch sehr viel Schönes und Erlebenswertes zu entdecken.


Links: www.afs.ch Beschreibung: AFS – Sprachaufenthalte weltweit

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