Kultur | 29.06.2008

Ein Tauchgang ins Europa von Gestern

Text von Claudio Notz | Bilder von Claudio Notz
Stefan Zweig, wohl vielen bekannt als Autor der "Schachnovelle", war Europäer mit Leib und Seele. Seine Erinnerungen in "Die Welt von Gestern" lassen eine vergangene Zeit wieder lebendig werden.
Rückblick auf einen langen Lebensweg: Cover von "Die Welt von Gestern".
Bild: Claudio Notz

In das Buch „Die Welt von Gestern“ von Stefan Zweig (1881 – 1942) einzutauchen, ist wie ein Tauchgang in ein Korallenriff, in dem die schönsten Seepferdchen herumschwimmen. Wie ein Seepferdchen, ganz optimistisch eingestellt und mit Schönheit bestechend, zeigen sich die klaren Gedanken Zweigs: Ein Europa ohne Grenzen, ohne Krieg, ohne Menschenverachtung. Und doch: Wer weiss, dass Zweig während der Zeit der beiden grossen Kriege Europas lebte, wird folgerichtig vermuten, dass auf dem Tauchgang nicht nur herzige Tiere zu entdecken gibt. Wer sich in die Weltmeere wagt, sieht sich ebenso schnell von giftigen Seeschlangen umzingelt.

Melancholischer Blick

So ist denn auch der Blick auf das Schöne und Gute, das Zweig in seiner Jugendzeit erlebt, getrübt. Mit melancholischem Blick schaut Zweig zurück auf eine der wichtigsten Phasen seines Lebens, die stellvertretend für die Jugendzeit einer ganzen Gruppe von intellektuellen Personen steht. Deren Leben findet in den bürgerlichen Institutionen Wiens statt: in erster Linie in den Kaffeehäusern, wo aktiv diskutiert und debattiert wird, im Theater, den Konzertsälen und den Bibliotheken.

Ein Zitat aus dem autobiografischen Werk zeigt den kulturellen Heisshunger von Zweig und seinen Gefährten: „Wir schlichen uns in Proben der Philharmoniker, wir stöberten bei den Antiquaren, wir revidierten täglich die Auslagen der Buchhändler, um sofort zu wissen, was seit gestern erschienen war. Und vor allem, wir lasen, wir lasen alles, was uns zu Händen kam. Aus jeder öffentlichen Bibliothek holten wir uns Bücher, wir liehen einander gegenseitig, was wir auftreiben konnten. Aber unsere beste Bildungsstätte für alles Neue blieb das Kaffeehaus.“

Künstler, Literaten und Musiker

Bliebe man bloss bei den Erinnerungen an die Jugendzeit, würde man dem Charakter der „Erinnerungen eines Europäers“ nicht annähernd gerecht werden. Die Vielschichtigkeit des Werkes ist allerdings nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen: So erinnert sich Zweig in seinem autobiografischen Werk an seine Freunde aus Künstler-, Literaten- und Musikerkreisen, sodann wird er politisch und kommentiert mit der für eine Pazifisten obligaten Portion von Bitterkeit die Anfänge des Nationalsozialismus und deren Auswirkungen auf den kleinen Bürger und Bauer.

Aus den Schilderungen der Freundschaft ist immer eine Bewunderung für das Schaffen oder die Menschlichkeit herauszulesen, die nicht bloss unkritisch reflektiert wird, sondern auch in eine Abneigung umschlagen kann. Als Beispiel einer Freundschaft der uneingeschränkten Bewunderung soll hier Rilke genannt sein, zu dem Zweig in Paris eine intensive Freundschaft pflegte, die im Laufe des Buchs immer wieder erwähnt wird.

Perle im Korallenriff

Sucht man ein zusammenhaltendes Band des fünfhundert Seiten starken Buches, so findet man dieses sicher eher im sprachlichen Können als in der thematischen Einheit. Man würde auch nicht erwarten, dass ein Buch, dessen Untertitel den Inhalt mit „Erinnerungen“ gleichsetzt, unter einen anderen Hut gesteckt würde als eben die Erinnerungen. Wie ein Strudel aber vereinnahmt einen der Rhythmus der Sprache, die als Perle im Korallenriff den Takt angibt, in dem die Seepferdchen Europas zu tanzen haben und den Leser dazu verführen, an einer Zeit und einer Welt teilzuhaben, die nach ganz anderen Regeln funktioniert als diejenige, welche die heutige Leserschaft kennt. Der Strudel der Sprache ist es denn auch, der laut gelesen dem Getöse des Alltags seine Kraft nimmt. Es ist aber auch die Sprache, die ein zusammenhängendes Europa entstehen lässt während einer Zeit, in der Europa alles andere als eine Union darstellte.

Info


Zum Autor: Stefan Zweig lebte vom 28. November 1881 bis zu seinem Freitod im Februar 1942. Zu seinen frühen Werken gehören Übersetzungen von den französischen Dichtern Verlaine, Baudelaire oder Verhaeren. Bekannt ist er vor allem für seine epischen Werke und Miniaturen geworden.

 

Zum Buch: Das Buch "Die Welt von Gestern": Erinnerungen eines Europäers sind bereits in ihrer 37. Auflage. Als Taschenbuch ist es beim Fischer Verlag für zirka 22 Franken erhältlich.