Kultur | 13.05.2008

„Schön wärs“

Text von Simon Gwinner
Baby Genius alias Ivo Amarilli ist 20 Jahre alt, kommt aus Luzern und war in der letzten Zeit wohl der am meisten gehypte Musiker der Schweiz.
Baby Genius alias Ivo Amarilli hat mit seiner Musik einen Hype ausgelöst. Fotos: Little Jig Ivo begann mit 15 zu musizieren und hielt nie viel vom Notenspielen.

Wie ist es eigentlich, einen Teil der selbsternannten Rockcity Luzern zu sein?

Mit meiner alten Band bin ich in die Szene hineingekommen und habe auch ein Schweizermusikprogramm beim Luzerner Alternativradio Radio 3Fach gemacht. Doch die Idee, Luzern als Rockcity aufzuziehen ist gescheitert und kommt nur noch in den Medien vor. Es gibt so viele andere Städte in der Schweiz, die genau gleich gute Musik machen wie zum Beispiel Winterthur oder Lausanne. Ich komme zwar aus Luzern und mache Musik, aber ich spüre in der Stadt keinen grossen Zusammenhalt mehr. Die Idee ist eigentlich cool aber auch ein bisschen arrogant gegenüber anderen Städten in der Schweiz. Die Schweiz ist so klein, dass lieber alle Städte zusammenhalten sollten und vor allem dieser Röstigraben aufgelöst wird, damit welsche Bands hier spielen können und umgekehrt.

Wie bist du zur Musik gekommen?

Angefangen hat alles mit 15. Ich wollte Musik machen, habe mir ein Schlagzeug gekauft und spielte in der Band Red Carpet. Meine Vorbilder waren die Luzerner von Mothers Pride und andere Bands aus den 90ern, die Britpop spielten. Später kaufte ich mir dann eine Gitarre. Ich arbeite nicht gross mit Noten sondern probiere ein bisschen herum und merke mir die Sachen die gut klingen. Dazu singe ich noch und so entstand ein Song den ich einem Freund vorspielte und das war der Anfang von Baby Genius.

Was bedeutet eigentlich der Name Baby Genius. Hat er eine bestimmte

Bedeutung?

Ich ging die Trackliste von einem Album einer meiner Lieblingsbands durch und ein Songtitel hiess dann Baby Genius. Ich fand den Namen cool und auch ein bisschen provozierend.

Was bedeutet dir dein Debütalbum?

Sehr viel. Es war schon immer mein Traum, eine eigene Platte aufzunehmen. Doch ich getraute mich nicht recht meine Musik anderen vorzuspielen. Ich hatte nie ganz grosse Künstler als Vorbild sondern eher solche die ich auch kenne wie zum Beispiel Tobi Gmür von Mothers Pride oder die Jungs von Neviss. Es war natürlich auch genial mit Tobi Gmür und den Jungs von Neviss mein erstes Album aufzunehmen. Obwohl ich nicht viel Geld hatte, wollte ich das einfach machen. So kann ich auch noch in 40 Jahren sagen, dass ich ein eigenes Album aufgenommen habe. Doch wie man sieht, hat es jetzt sogar noch ein bisschen grössere Anmasse angenommen.

Wie gingst du eigentlich mit dem Hype um?

Angefangen hat eigentlich alles so: Ich hatte meine CD im Sommer 2007 fertig und musste mir ein Label suchen. So verging ein halbes Jahr. Ich gab dem Journalist und Freund Mathias Menzl eine CD und fragte ihn, ob er mir einen Presse Text für meine Myspace-Seite schreiben könnte. Er hörte rein und meinte: „Komm wir machen aus dir eine Internetsensation und hypen dich ein bisschen auf 78s.ch“ (Ein bekannter Schweizer Musikblog, Anm. d. Red.). Die Leute von 78s.ch hatten dann die Idee mit den Covervideos. So ging das dann weiter und es erschien auch ein Artikel im „20minuten“. Danach sprachen mich viele Leute auf diese Covervideos an. Es war speziell und skurill, denn alle Leute redeten von mir, egal ob positiv oder negativ. Aber es kam in den Medien gut an.

Siehst du dich selber als „Pete Doherty der Schweiz“ wie in verschiedenen Medien beschrieben oder nervt dich das eher?

Es ist eine gute Headline, aber ich sehe keine Gleichsamkeiten zwischen mir und Pete. Ich bin weder abgefuckt noch nehme ich harte Drogen. Ich mache zwar Musik die britisch klingt, aber mehr ist da nicht.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Momentan spielen wir noch viele Konzerte und im Sommer hoffentlich noch an ein paar Openairs. Gegen Ende des Sommers gehen wir eine Woche ins Studio um eine Vorproduktion von unserem neuen Song aufzunehmen. Im Herbst machen wir dann eine kleine Tour durch Deutschland und im März nächsten Jahres wird mein Album dort veröffentlicht werden. Ende Januar gehen wir noch mal ins Studio, um die neue Platte aufzunehmen und ich denke ich werde noch einmal einen obendrauf legen!

Was wäre, wenn du den internationalen Durchbruch schaffen würdest?

Wenn ich jetzt einen geilen Deal hätte mit einer grosser Plattenfirma die sagt, wir bringen dich in ganz Europa gross raus und eine Riesen-Marketingkampagne machen und mir noch einen grossen Lohn zahlen würde – nur fürs Musik machen, dann würde ich das Studium auch etwas nach hinten schieben. Wenn jetzt eine grosse Plattenfirma so viel Geld in mich hineinstecken würde, würde ich mich auch ein bisschen „prostituieren“ , damit ich in der ganzen Welt gross herauskommen würde. Aber zuerst fixiere ich mich mal auf die Schweiz und vielleicht noch auf Deutschland.

Was ist deiner Meinung nach der grosse Unterschied zwischen der Musikszene in der Schweiz und der von England?

England ist halt viel grösser und hat einen viel grösseren Musikmarkt. Die Lovebugs verkauften zum Beispiel etwa 40’000 CDs. Das ist eigentlich wenig, obwohl die Lovebugs eine der erfolgreichsten Bands in der Schweiz sind. Und jetzt kommt so eine Indieband wie wir, und verkauft nur etwa 300 CDs. In England kann man wenig bekannt sein, aber es gibt halt trotzdem viel mehr Leute die deine Musik hören. Kollegen, die mich nicht so gut kennen, fragen manchmal: „Cooli Musig machsch, chasch jetzt devo läbe?“ Da muss ich halt meistens Antworten: „Schön wär’s.“

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