Kultur | 26.05.2008

Künstler und Monster

Text von Claudio Notz
Eric-Emmanuel Schmitt, der Autor von "Oskar und der Dame in Rosa", versucht sich in seinem neuen Buch "Adolf H. Zwei Leben" an zwei Hitler-Figuren und schlägt dabei einen unterträglichen Erzählton an.
Verrät bereits Vieles: Das deutsche Cover von "Adolf H. Zwei Leben". Fotos: Claudio Notz

Die Idee klingt interessant: Aus dem Leben einer historischen Person zwei Leben zu machen, die weder strikt biografische noch vollkommen fiktionale Züge tragen. Die Person, die sich Eric-Emmanuel Schmitt für seinen jüngsten Roman dafür ausgewählt hat, ist keine andere als Adolf Hitler, der in den Köpfen der Menschen als Typus des Abschaums herumgeistert.

In seinem Buch „Adolf H. Zwei Leben“ erzählt der Bestellerautor einmal von Adolf H., dem Künstler und ein anderes Mal von Hitler, dem Diktator, mitsamt seiner Vorgeschichte, die uns allen aus Geschichtsbüchern so präsent ist. Dabei überlagern sich die beiden Figuren: die Sprünge vom Diktator zum Künstler sind manchmal so schnell, dass man versucht ist, den designierten Diktator für den Künstler zu halten und umgekehrt. Obwohl die zwei Leben durch die unterschiedliche Namensgebung eigentlich leicht zu trennen sein sollten, muss man sich immer wieder vergewissern, welchen der beiden Gesellen man vor sich hat.

Eine Person, von sich getrennt

Der Ursprung der beiden Figuren ist der junge Erwachsene Adolf H., der die Aufnahmeprüfung an die Wiener Kunstakademie in Wien versucht und – im Fall von Adolf H. – schafft. Hitler, die andere Figur im Buch, versagt bei der Prüfung und wird abgewiesen. Diese zwei Figuren gehen von diesem Zeitpunkt der Lebenserzählungen an verschiedene Wege. Der bald darauf folgende erste Weltkrieg entscheidet, vor allem im Falle von Hitler, die weitere Geschichte. Soweit scheint die Konzeption der zwei Leben äusserst interessant. Und sie würde es wohl auch bleiben, wäre da nicht ein ziemlich mühsamer auktorialer Erzähler, der sich in den abwechselnden Passagen mal auf diese, dann auf die andere Ausprägung der Figur Adolf fokussiert.

Was wäre, wenn

Der Erzählton, der die zwei Gesichter von Hitler präsentiert und den aufkommenden Faschismus jeweils verschieden aber immer relativ undifferenziert dokumentiert, ist nahezu unausstehlich. Das gewagte Unternehmen, Hitler zu verstehen, missglückt an diesem Punkt. Und es hätte doch so gut angefangen. Nur schon die Frage, die sich der Leserschaft der zwei Leben implizit erschliesst: Was wäre, wenn Adolf Hitler nicht durchgefallen wäre bei der Aufnahmeprüfung zur Kunstschule, sondern so wie Adolf H. ein erfolgreicher Schüler der Kunstakademie in Wien geworden wäre? Schmitt schafft es leider nicht, darauf eine schlüssige Antwort zu geben und so wird „Adolf. H. Zwei Leben“ zu einem Buch, bei dem man spätestens nach der Hälfte lieber aufgeben möchte statt weiterzulesen.


"Adolf H. Zwei Leben" von Eric-Emmanuel Schmitt ist im Februar 2008 in der deutschen Übersetzung (von Klaus Laabs) beim Ammann Verlag in Zürich erschienen. In den meisten Buchhandlungen ist es zu einem Preis von rund 43.90 Franken zu erstehen.

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