Gesellschaft | 20.05.2008

Geschichtenbazar

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Lockenkopf wird als Gärtnerin ins Bordell gerufen und die Kaktusblüte arbeitet seit Neustem am Flughafen, wo es von Geschichten nur so wimmelt.
Bild: Stefan Wallimann.

„Beschütze meine grosse kleine Welt mit deiner schützenden Hand“ (Songzeile)

Mein neuer Nebenjob als Betreuungsperson am Flughafen ist zwar nicht sonderlich gut bezahlt, doch mein Lohn ist etwas viel Wertvolleres: Er schenkt mir viele kleine Geschichten. Menschen aus aller Welt nehmen für eine Viertelstunde auf „meinem“ Rollstuhl Platz und während ich sie durch den Flughafen schiebe, erzählen sie mir aus ihrer „grossen kleinen Welt“. Darunter sind viele Menschen, die mich mit ihrem Mut beeindrucken, weil sie sich trotz  körperlicher Gebrechen nicht vom Reisen abhalten lassen. Für mein eigenes Leben ist das sehr inspirierend.

Dabei ist mir aufgefallen, dass sich die Geschichten meiner Arbeitskollegen von meinen eigenen unterscheiden. Da gibt es lustige Geschichten, die unter meinen Arbeitskolleginnen in Windeseile die Runde machen. Diejenige eines 90-Jährigen Thailand-Reisenden zum Beispiel, der an der Sicherheitskontrolle dabei zuschauen muss, wie die Beamten sein Gepäck kontrollieren und dabei ein riesiger Dildo zum Vorschein kommt. Oder die etwas morbide Geschichten von Menschen, die ihre toten Angehörigen im Koffer transportieren, um die horrenden Kosten für einen Leichentransport zu sparen.

Ist es nicht so, dass jeder Mensch jene Geschichten anzieht, die irgendetwas in ihm zum Klingen bringen? Oftmals gleichen sich diese Geschichten sogar im Kern. Jeder Blick auf die Welt erfordert wieder ein anderes Set an Geschichten.
Schon oft habe ich darüber nachgedacht, dass Lockenkopf für mein Schreiben so etwas wie eine „Geschichtenlieferantin“ ist. Das liegt vielleicht daran, dass ihre Geschichten im Grundton meistens etwas Lustiges oder etwas Skurriles haben, das sich gut erzählen lässt. Wenn Lockenkopf beispielsweise als Gärtnerin ins Bordell bestellt wird, um bei „Chez Big Mama“ die Blumenkisten anzupflanzen, glaube ich nicht, dass mir das jemals hätte passieren können.

Diese Bordell-Geschichte ist irgendwie so absurd, das sie eigentlich nur Lockenkopf in die Welt hinaustragen kann. Selbst der Name ist typisch. Die Bordellinhaberin hätte ja auch Rosi heissen können oder Vicky, aber nein, sie heisst ausgerechnet „Big Mama“. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich geschworen, dass Lockenkopf diese Geschichte kurzerhand selbst erfunden hat. Aber vielleicht ist es ja auch irgendwie so. Wir ziehen jene Geschichten an, die wir selbst hätten erfinden wollen. Oder, anders ausgedrückt: Es werden uns nur jene Geschichten geschenkt, bei denen uns die Ehre zusteht, sie weiterzuerzählen.

Um mehr über sich zu erfahren, müsste man also eigentlich nur die eigenen Geschichten etwas genauer unter die Lupe nehmen. Und was mir bei meinen Geschichtengeschenken am Flughafen auffällt: Meine Rollstuhlpassagiere reisen eigentlich vor allem, um Freunde oder Familienmitglieder zu besuchen. Innert zwanzig Minuten sehe ich zuerst am einen Ort Tränen des Abschieds und am anderen Ort, mit einem anderen Passagier, Tränen der Freude über eine Ankunft. Von Zeit zu Zeit kommt mir das ganz schön schräg vor. Aber es beweist mir eines: Die meisten Menschen reisen nicht aus Ablenkung, Geschäftstüchtigkeit oder Geldgier, sie reisen nicht für einen Tapetenwechsel oder den Traumjob.  Sie reisen, weil sie mit jenen Menschen zusammen sein wollen, die sie lieben.

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