Gesellschaft | 07.04.2008

Wie das Blut fliesst

Text von André Müller
Blut spenden, wie geht das eigentlich? In diesem Text wird erklärt, wofür der Blutspendedienst des Schweizerischen Roten Kreuzes zuständig ist, und wie er es schafft, jährlich 350'000 Blutkonserven an Spitäler in der ganzen Schweiz zu liefern.
Die Blutspende selbst darf höchstens zwölf Minuten dauern. Vorheriges Trinken und Armkontraktionen bewirken, dass das Blut schneller fliesst. Fotos: Petra Joller In einem riesigen Kühlschrank werden die Blutkonserven bei 4°C gelagert, bis sie an die Spitäler ausgeliefert werden. Die klare Etikettierung ermöglicht einen schnellen Einsatz in hektischen Situationen. Die Verarbeitungsmaschine teilt das Blut in seine Bestandteile auf. Ein optischer Sensor überprüft, ob nur Plasma abgepresst wurde.

Ich spende Blut, jemand empfängt es und überlebt dadurch eine schwierige Operation. Soviel wissen wir alle dank unseren medizinischen „Vorkenntnissen“ durch Grey’s Anatomy. Doch wie gelangt unser gespendetes Blut überhaupt zu Derek Shepherds Crew? Anita Tschaggelar, Leiterin Blutspendemanagement im Blutspendedienst (BSD) Bern, erklärte dem Magazin „Ready For Red Cross“ den langen Weg des Blutes von A bis Z.

Vor der eigentlichen Blutspende müssen alle Spenderinnen und Spender einen ausführlichen medizinischen Fragebogen ausfüllen, welcher Aufschluss über ihre Gesundheit gibt. Anschliessend findet ein persönliches Gespräch mit dem medizinischen Fachpersonal über die beantworteten Fragen statt, die sogenannte Anamnese. Weiter werden Blutdruck, Puls, Temperatur und Hämoglobinwert gemessen. Sind die Werte zu hoch oder zu niedrig, darf kein Blut entnommen werden.

Diese Prozedur müssen alle über sich ergehen lassen, auch wenn sie zur Stammspenderschaft gehören. Die Angaben dienen dem Schutz der Gesundheit von Spenderinnen, Spendern sowie den Empfängerinnen und Empfängern. Beispielsweise dürfen nur Personen mit einem Körpergewicht ab 50 kg spenden. Wer bereits einmal eine Gelbsucht (Hepatitis) durchgemacht hat, muss zuerst einen Antikörpertest machen lassen. Ist dieser positiv dürfen sie nicht Blut spenden. Das Risiko, dass bei der Übertragung Hepatitisviren in den Blutbeutel und somit in den Blutkreislauf jener gelangen, die das Blut benötigen, wäre zu hoch. Viele hochansteckende Krankheiten werden zwar später im Labor getestet, doch können beispielsweise AIDS-Erreger erst einige Wochen nach der Ansteckung erkannt werden. Folglich ist die korrekte Beantwortung des Fragebogens sehr wichtig, um die Empfängerseite nicht zu gefährden.

Die Spende
Sind alle Werte in Ordnung, geht’s weiter zur eigentlichen Blutspende. Man legt sich auf das Liegebett und die Fachperson sucht eine möglichst dicke und gerade Vene im Unterarm, um die Nadel einzustechen. Die ersten Bluttropfen werden in einem Vorbeutel abgefangen, damit keine Hautbakterien in den Blutbeutel gelangen können. Dieser Beutel fasst standardmässig 4.5 Deziliter. Wenn er nach 12 Minuten noch nicht gefüllt ist, wird die Blutspende abgebrochen, weil offensichtlich etwas mit dem Blutfluss nicht stimmt. Um dies zu verhindern, sollte vor der Blutspende genug getrunken werden. Nach der Spende ruht man sich einige Minuten aus, dazu gibt es ein Getränk und einen Imbiss. Eine finanzielle Entschädigung bietet der BSD aus Sicherheitsgründen nicht. Tschaggelar erklärt: „Könnte man mit einer Blutspende Geld verdienen, würden einige Leute vielleicht ihren Fragebogen nicht korrekt ausfüllen, um an das Geld zu gelangen.“

Die Verarbeitung
Die Blutbeutel werden sofort hermetisch abgeschweisst und ins Hauptgebäude des BSD gebracht. Eine Zentrifuge spaltet das Blut in seine Einzelteile auf, indem sie die Beutel mit mehr als 40 Umdrehungen pro Sekunde im Kreis dreht. Die enorme Zentrifugalkraft drückt dabei die schwereren roten Blutkörperchen (Erythrozyten) nach unten. Das Plasma schwimmt obenauf und kann einfach abgepresst werden. Die weissen Blutkörperchen (Leukozyten) werden entfernt und vernichtet. Seit man weiss, dass die Erreger der Creutzfeld-Jakob-Krankheit sich auf den Leukozyten befinden und so übertragen werden könnten, hat die Gesundheitsbehörde diese Sicherheitsmassnahme angeordnet.

Die Bluttests
Zur gleichen Zeit wird im Labor das Spenderblut untersucht. Die Laborangestellten bestimmen die Blutgruppe und den Rhesusfaktor jeder Probe. Alle Spenderinnen und Spender erhalten einen Blutspendeausweis, der diese Informationen enthält. Zudem wird das Blut auf HIV, Hepatitis B und C (Gelbsucht) sowie Syphilis getestet. Bei einem positiven Befund wird die Probe vernichtet und die Spenderinnen und Spender selbstverständlich informiert. Zu guter Letzt wird der ALAT gemessen, der Leberenzymwert. Abnormale Werte deuten ebenfalls auf eine Hepatitis hin, was auf Deutsch eben Leberentzündung heisst. In Spitzenzeiten durchlaufen so an die 1’000 Blutproben pro Tag das Berner Labor.

Die Lagerung
Bis die getesteten und aufgetrennten Blutprodukte in die Spitäler gelangen, werden sie in der Lagerhalle bei konstanter Temperatur etikettiert und aufbewahrt. Das Plasma wird bei –34°C schockgefroren und ist so zwei Jahre haltbar. Im Plasma bilden sich sichtbar viele Stoffe ab: so lässt zum Beispiel die Einnahme der Antibabypille (ein Hormon) das Plasma grünlich erscheinen. Stand am Tag vor der Spende eine Berner Platte auf dem Speisezettel, färbt sich das Plasma weiss, wegen dem hohen Fettgehalt.
Die Erythrozyten lassen sich nur 49 Tage lagern. Weil es lebende Zellen sind, dürfen sie nicht eingefroren werden. Auch wenn man sie bei konstanten Temperaturen um 4°C und in einer speziellen Nährlösung aufbewahrt, sterben sie nach und nach ab. Sie werden nach Blutgruppen und Alter sortiert gelagert. Während von den häufigen Blutgruppen meist genügend Einheiten vorhanden sind, entstehen bei den selteneren manchmal Engpässe, besonders nach Grippewellen oder in der Ferienzeit. Mindestens von der Blutgruppe 0- sollte aber immer genug auf Lager sein. Sie ist die Allgemeinverträglichste und wird bei Unfällen verabreicht, wo die Blutgruppe der Patienten noch nicht bekannt ist.


Der Vertrieb

Täglich fährt der BSD vorbestellte Standardlieferungen in die Spitäler. Ausserdem steht ein 24-Stunden-Dienst für Notfälle zur Verfügung. Insgesamt liefert der BSD Bern 90’000 Blutkonserven im Jahr, schweizweit sind es rund 350’000 . Pro Beutel rote Blutzellen zahlen die Krankenhäuser aktuell 212.50 Franken wie vom Bundesamt für Gesundheit festgelegt. Auf den ersten Blick scheint der Preis ziemlich hoch zu sein für eine Non-Profit-Organisation wie den BSD beziehungsweise das Rote Kreuz. Doch decken diese Einnahmen die Kosten für den ganzen Betrieb und ermöglichen die Erneuerung der vielen Geräte die verwendet werden müssen, um die Blutprodukte sicher herzustellen und zu testen.

Das Schweizerische Rote Kreuz hat seit 1951 den Bundesauftrag, den Blutspendedienst in der Schweiz zu koordinieren und sicherzustellen. Das bedeutet natürlich auch, dass unser Blut kaum zu „den jungen Ärzten“ ins Seattle Grace Hospital gelangt. Doch wir können uns sicher sein, dass wir mit unserer Spende mindestens einem Menschen einen grossen Gefallen tun, denn ohne Blutkonserven lässt sich wohl kaum eine Operation am offenen Herzen durchführen. Klar wird auch, dass Ärztinnen und Ärzte ohne die Blutspendedienste und unsere freiwillige Blutspende nicht in der Lage wären, ihre Arbeit richtig auszuführen. Dies gilt für Meredith Grey und Derek Shepherd genauso wie für Dr. House. Dessen dürfen wir uns ruhig bewusst sein, wenn wir am nächsten Montagabend den Fernseher anwerfen.

Blutgruppen


Um 1900 entdeckte der Arzt Karl Landsteiner, dass jede rote Blutzelle gewisse Merkmale auf ihrer Oberfläche haben kann, welche er mit A und B bezeichnete. Diese sind kombinierbar (0 = keines, A, B, AB = beide). Verabreicht man einem Patienten mit Blutgruppe A Spenderblut der Blutgruppe B, meldet sein Immunsystem einen Fremdkörper und bekämpft diesen. Antikörper hängen sich an die Blutkörperchen und verklumpen diese. Dies hat meist den Tod zur Folge. Landsteiner fand später auch den Rhesusfaktor, ein weiteres Blutmerkmal. Ist es vorhanden, wird der Blutgruppe ein + (Plus) angehängt, sonst kommt ein – (Minus) dazu. Zum Beispiel: A+ oder B-.

 

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