Gesellschaft | 27.04.2008

Wer übernimmt die Verantwortung?

Text von Rosa Stucki
Tink.ch besuchte am 22. April das 5. Internationale Menschenrechtsforum in Luzern, wo die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Menschenrechten und Umweltschutz diskutiert wurde. In Special Workshops kamen aber auch noch ganz andere Themen zur Sprache.
Dr. Ibrahim Salama, Prof. Dr. Jörg Paul Müller, Moderatorin Andrea Vetsch, Jorge Daniel Taillant und Prof. Dr. Otfried Höffe in der Diskussionsrunde. Fotos: Hannelien Schütz "Wir alle leben auf einer Erde, aus der es kein entrinnen gibt. Wir teilen alle diese Erde. Bei allem handeln sollen wir bedenken, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben." Prof. Dr. Jörg Paul Müller bei seinem Referat "Die Mörder meiner Familie waren unsere Nachbarn" Esther Mujawayo-Keiner. Eine hohe Besucheranzahl im KKL Luzern.

1948 wurde erstmals ein offizielles Dokument verfasst, das die grundlegenden Menschenrechte in verschiedenen Artikeln festhielt. Seither wurden einige Änderungen vorgenommen, sodass heute die Menschenrechte beinahe alles umfassen und jeden ansprechen oder wie Dr. Paul Müller von der Universität Bern in seinem Referat meinte: „Menschenrechte sind heute ein kulturelles Welterbe der Menschheit, erworben in bitteren Auseinandersetzungen.“ Doch Gesellschaften ändern sich und Gesetze müssen den veränderten Bedingungen angepasst werden. Die Klimaerwärmung ist ein Beispiel für eine solche Veränderung.

Laut vielen renommierten Forscherinnen und Forschern ist der Mensch und sein Handeln eine der Hauptursachen für die klimatischen Veränderungen auf unserem Planeten. Dies führt automatisch zu Menschenrechtsverletzungen, da Viele Personen, die vom Klimawandel betroffen sind, dadurch ihren Wohnsitz oder auch ihre Nahrungsgrundlagen verlieren. Am 5. Internationalen Menschenrechtsforum (IHRF) am 22. Und 23. In Luzern April diskutierten Expertinnen und Experten sowie Politikerinnen und Politiker deswegen über die Frage, ob es ein Menschenrecht auf eine saubere Umwelt geben sollte.

Klimawandel fordert Menschenleben
Einer, der ein solches Menschenrecht befürwortet, ist Jorge Daniel Taillant, Direktor vom Zentrum für Menschenrechte und Umwelt in Cordoba, Argentinien. In seinem Referat zu Beginn des IHRF sagte er: „Wir müssen eine Gleichheit zwischen den industrialisierten Staaten und den Entwicklungsländern finden, da die Armen meistens als Erstes von den Folgen der Klimaerwärmung betroffen sind. Betrachtet einmal die Situation aus den Augen der Opfer.“ Im nachfolgenden Expertenpanel wurde die Frage, ob es ein Menschenrecht auf eine saubere Umwelt geben sollte, genauer unter die Lupe genommen. Astrid Epiney von der Universität Fribourg meinte: „Ich denke man sollte kein solches Recht verankern. Niemand weiss, was eine gesunde Umwelt ist. Wir wissen auch nicht, wer die konkreten Gegner sind und daher können wir auch nicht entscheiden, wer die Verantwortung übernehmen muss.“ Anne Peters von der Universität Basel war ähnlicher Meinung, und riet davon ab, den Umweltschutz indirekt über die Menschenrechte zu realisieren. „Sicherlich gibt es Menschenrechte, die einen Bezug zur Umwelt haben wie zum Beispiel das Recht auf Wohlbefinden oder das Recht auf Gesundheit. Dies sind aber menschliche Rechte und die Ideen, dass die Natur eigene Rechte haben könnte, finde ich absurd.“

Das Fazit aus diesen Referaten und Diskussionen war also, dass es bereits Verbindungen gibt zwischen einigen Menschenrechten und der Umwelt, es aber nicht unbedingt ein separates Menschenrecht auf eine intakte Umwelt geben muss. Wenn man dafür sorgt, dass die Rechte auf Gesundheit, Wohnsitz, Wohlbefinden und im Allgemeinen das Recht auf Leben eingehalten werden, fördert dies auch den Schutz der Umwelt und somit wiederum die Menschenrechte.

Treibstoff für bessere Zeiten
Am Nachmittag des ersten Forumstages gab es verschiedene Special Workshops zu weiteren Themen, die mit den Menschenrechten in Verbindung stehen. So zum Beispiel eine Diskussion mit Esther Mujawayo-Keiner von der Assoziation der Witwen des Genozids von Ruanda. Der Völkermord in Ruanda, der im April 1994 anfing und drei Monate dauerte, kostete ungefähr einer Million Menschen das Leben. Esther Mujawayo-Keiner ist eine Überlebende, doch sie verlor ihren Mann, Eltern, Schwiegereltern und fast ihre ganze Familie. Sie gründete mit anderen Witwen eine Organisation, in der sie nun als Beraterin für Kinder und Frauen arbeitet, die schwer traumatisiert sind. Im Workshop erzählte sie von ihrer Wut aber auch ihren Hoffnungen. „Die UNO ist wie ein Labyrinth. Sie ist zu gross und zu komplex. Ein Körper, der sich kaum bewegen kann, und wenn er es doch einmal tut, ist es schon zu spät.« Mit diesen Worten versuchte sie zu erklären, warum die UNO während dem Völkermord in Ruanda, anstatt einzuschreiten, das Land verlassen hat. „Jetzt verurteilt die UNO die Ruander, für das was sie getan haben, aber sie verurteilt nicht sich selber«, sagt Mujawayo-Keiner.

Auf die Frage ob sie einen weiteren Völkermord für wahrscheinlich halte, sagt sie „Nein, ich denke und hoffe natürlich nicht. Wir erreichten den tiefsten Grund. Es gibt nichts darüber hinaus.“ Man fragt sich, wie Esther und viele andere Menschen die Kraft hatten, nach dieser Katastrophe weiterzuleben und anderen zu helfen. Esther sagt dazu ganz lakonisch: „Fülle den Tank in den guten Zeiten, so dass, wenn die schlechten Zeiten kommen, du noch etwas Treibstoff hast, um weiter zu gehen.“

Zur Person: Esther Mujawayo-Keiner


Mit Souad Belhaddad hat Esther Mujawayo-Keiner zwei Bücher über den Genozid geschrieben: "Survivante" und "La Fleur de Stéphanie"

Links