Gesellschaft | 14.04.2008

Schweinische Erkenntnisse

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Eigentlich findet die Amazone Tiere überhaupt nicht interessant, aber ihre grosse Freude am Essen weist doch eindeutig auf eine gewisse Verwandtschaft mit einem Nutztier hin.
Bild: Stefan Wallimann.

Kinder finden Tiere faszinierend. Auch viele Erwachsene. Ich gehöre nicht zu ihnen, sondern leide im Gegenteil unter einem besorgniserregenden Fauna-Analphabetismus. (Im Stil von: Schwalbe? Wie sieht schon wieder eine Schwalbe aus?) Jedoch muss auch ich einräumen, dass es unter den Tiergattungen gewisse Sympathieträger gibt. Die Römerin zum Beispiel liebt das Schwein in seiner ganzen Wildheit schon seit Kindertagen. Manchmal träumt sie sogar von Schweinen. «Ich war in einer Guerillagruppe mit einem Schwein», erzählt sie am Wochenende in einer abendlichen Frauenrunde. «Das schreit ja geradezu nach einer starken Symbolik», meine ich. „Vielleicht verheisst es Glück?“, mutmasst die Eremitin.

In der Tat: Das Schwein mit seinem dicken Bauch steht bei uns für Glück und Wohlstand. Es steht allerdings auch für Völlerei und Faulheit – zwei Attribute, die Lockenkopf und ich uns durchaus zuschreiben würden. Lockenkopf und ich sind nämlich „Fress-Partnerinnen“. Regelmässige Fressorgien gehören zu unserem Ausgeh-Ritual. Gruppenschlemmen ist wunderbar. Ab und zu nimmt es allerdings auch etwas gar extreme Ausmasse an. Im Irish Pub unserer Stadt zum Beispiel: Lockenkopf und ich lehnen am Bistrotischchen und nippen an unserem Getränk. Am selben Tischchen lehnt noch ein anderes Grüppchen, das gerade ein geflechtetes Körbchen voller frittierter Leckereien serviert bekommt. Lockenkopf und ich tauschen neidvoll Blicke. Und während wir unser Gespräch fortführen, wandern unsere Augen immer wieder mal zu dem geflechteten Körbchen mit dem verheissungsvollen Inhalt. Irgendwann flüstert Lockenkopf mir ins Ohr: „Spekulierst du heimlich auch darauf, dass sie nicht alles aufessen?“ Und unter Gekicher malen wir uns aus, wie wir zu allen Tischen mit geflechteten Körbchen hingehen und die Resten inklusive Krümel verputzen. „Bald wären wir in der ganzen Stadt als die Restenfresserinnen verschrien!“

Und als wir uns an jenem Abend zum Abschied innig umarmen, gebe ich intuitiv ein paar wohlige Grunzgeräusche von mir. Lockenkopf erwidert den grunzenden Gruss und meint: „Ich glaube, in unserem letzten Leben waren wir zwei Hausschweine. Unser Platz war unter dem Tisch, wo wir geduldig darauf gewartet haben, dass uns das Glück hold ist und uns ein paar leckere Resten zufallen lässt!“

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