Gesellschaft | 21.04.2008

Individuell

Text von Marc Vogel | Bilder von Nathalie Kornoski
In der neuen Folge der Serie "Leere Worte" befasst sich der Kolumnist mit einem Begriff, an dem heute niemand mehr vorbeikommt: Individuell. Eine persönliche und philosophische Spurensuche.
Bild: Nathalie Kornoski

Ich komme an euren Häusern, an euren Wohnungen vorbei und blicke durch die Fenster. Sehe in euer Leben: Teure Einrichtungen, den laufenden Fernseher, den roten 70er-Jahre Ohrensessel, erkenne euch im Lichtkegel. Nun frage ich mich, wer ihr wohl seid, was ihr gerne mögt, was euch aufregt und was euch bewegt.
 
Aristoteles erklärte bereits in der Antike den Menschen als Individuum, als etwas, das nicht teilbar ist. Jeder Mensch war aufgrund dieser Definition einzigartig. Damit einher ging die so genannte Individualität: Alle haben einen bestimmten Grad an Besonderheit oder Eigentümlichkeit. Was sich aber früher natürlich entwickelte, wird heute regelrecht bewirtschaftet. Individuell zu sein, sich von den „Anderen“ zu unterscheiden, ist zum schicken Modeaccessoire verkommen.

Wohinter früher Philosophen Weltanschauungen und Ideale versteckt fanden, womit die revolutionären 50er und 60er-Jahre Bewegungen Protest gegen die Unterdrückung konservativer Werte übten, darin liegt heute nur noch der primitive Trieb zur Selbstinszenierung. Die eigene Exotik wird plakativ kommuniziert, mittels ausgefallener Freizeitbeschäftigung oder auch gerne durch unaussprechbare Namen für den Nachwuchs. Tipps und Tricks zur Exklusivität listen sich in Lifestyle-Magazinen seiten- und bilderweise auf: 1. Schneid dir einen Pony und presse dich in enge, luftabschneidende Hosen. 2. Mit Zitronengras kochen ist jetzt schick. 3. Höre extravagante Musik oder noch besser: Erfinde einen neuen Musikstil. Hauptsache auffallen, aus der grossen, grauen Masse herausstechen. Der Haken ist nur, dass der gesellschaftliche Wahn alle antreibt. So wird die zwanghafte Individualisierung zur neuen Uniformität. Individuell ist nicht mehr, wer anders denkt und fühlt, sondern wer tut, was eine kollektive Mehrheit bestimmt.

Ein Mann in mittleren Jahren blickt mich nachdenklich durch sein Fenster an. Dann richtet er sich die Frisur im Widerschein des Fensters und dreht sich schliesslich weg. Mein Spiegelbild blickt mich an. Plötzlich denke ich an Nietzsche: «Werde, der du bist.« Und gehe weiter.