Gesellschaft | 21.04.2008

„Ich glaube an das Gute im Menschen“

Text von Lino Schaeren | Bilder von Lena Tichy
Der Obdachlose Markus* ermöglichte Tink.ch einen Einblick in ein den meisten Menschen unbekanntes Leben. Er erzählte Tink von seinem Glauben und was für ihn im Leben wichtig ist.
Markus* hat keinen festen Wohnsitz und geniesst sein Leben so, wie es ist. Da er sich für Tink.ch nicht fotografieren lassen wollte, haben wir das Bild nachgestellt.
Bild: Lena Tichy

„Ich glaube an das Gute im Menschen. Ich bin nicht religiös. Ich war es nie und werde es nie sein. Ich meine, an was für einen Gott sollte ich in meiner Situation glauben? Ich lebe ja die meiste Zeit auf der Strasse. Ich habe mich an meine minimalen Mittel gewöhnt und beklage mich nicht. Es braucht nicht viel, um mich glücklich zu machen. Wenn ich wie jeder andere Mensch behandelt werde und ein paar nette Blicke ernte, stimmt mich das fröhlich. Ich meine, das ist nicht selbstverständlich. Wahrscheinlich für viele nicht zu glauben, aber ich habe einige Freunde, teils aus ähnlichen Verhältnissen wie ich, teils aus besseren. Sie geben mir in meinem Leben Kraft. Ich denke, der Sinn meines Lebens ist es, offen zu meiner Situation zu stehen. Ich will den Menschen zeigen, dass wir kein Abschaum sind. Ich lache immer wieder, wenn ich von jemandem als gefährlich eingestuft werde, nur meines Aussehens wegen. Was ist denn das für eine Verurteilung eines Menschen? Das hat wohl vor allem damit zu tun, dass unsere Erscheinung angsteinflössend ist. Alles was nicht ganz normal ist verursacht im ersten Moment Angst. Ich bin aber ein gutmütiger Mensch und möchte auch so behandelt werden.

Ich ging nie zur Kirche, das wird auch in Zukunft so bleiben. Was soll ich dem lieben Gott denn erzählen? Ich habe genug zu essen und zu trinken, im Moment brauche ich nicht mehr. Ob sich mein Leben irgendwann von Grund auf ändern wird, weiss ich nicht, es ist eher unwahrscheinlich. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn ich geniesse es so wie es ist.“

Zur Person


Markus* (Name geändert) hat keinen festen Wohnsitz. Tink.ch traf den 37-Jährigen am Bieler Bahnhof, wo er zusammen mit einigen Kollegen seinen Tag verbrachte.