Gesellschaft | 14.04.2008

Für fast immer die Mörderin

Text von Annette Godinez
Acht Jahre alt war Isatu, als sie von einer Rebellengruppe verschleppt wurde. Als Kindersoldatin kämpfte sie drei Jahre gegen die Regierungstruppen in Sierra Leone (Westafrika). Dann gelang ihr die Flucht.
Mit Spielen, Tanz- und Gesangsaufführungen verarbeiten die Kinder und Jugendlichen ihre schmerzlichen Erfahrungen im Krieg. Fotos: Schweizerisches Rotes Kreuz Zuhören und da sein: In Gruppen oder einzeln sprechen die Kinder und Jugendlichen mit den Rotkreuz-Mitarbeitern über ihre schmerzlichen Erfahrungen. Interessiert hören die Jugendlichen dem Ausbildner im Zentrum des Roten Kreuzes in Sierra Leone zu. Jeweils morgens stehen Mathematik, Englisch oder Staatskunde auf dem Stundenplan, nachmittags erlernen sie einen Beruf.

„Als ich am 5. Januar 1995, einem Donnerstag, verschleppt wurde, war ich acht Jahre alt. Ich wurde in die Rebellengruppe „Vereinigte Revolutionäre Front“ (vgl. Infotext unten) einberufen. Noch ein Kind, war ich zum Töten verurteilt. Wir zogen plündernd und tötend durch Dörfer und Städte. Mein Körper ist voller Narben. Ich sah Vergewaltigungen, Morde und wie ganze Dörfer vernichtet wurden. Mit eigenen Augen musste ich zusehen, wie mein Onkel niedergemetzelt wurde. Das einzige Gesetz war die Gewalt. Ein Kommandant der Rebellen nahm mich zur Ehefrau. Dafür half er mir zu flüchten. Wenn dich ein Rebell auf der Flucht erwischt, bist du tot. Aber es gelang. Ich war frei. Ich sehnte mich nach meiner Mutter und meiner Familie. Als ich nach drei Jahren nach Hause kam, erfuhr ich, dass meine Mutter gestorben war. Der Schmerz war schier unerträglich. Wegen meiner Vergangenheit machten mir meine Familie und meine Gemeinschaft Vorwürfe. Ich war eine Schande für sie, denn alle wussten, was ich getan hatte. Manchmal hörte ich, wie sie «Rebellin» höhnten. Ich war alleine, abgestempelt als Mörderin.

Ich hörte von einem Zentrum in Kambia, das sich für ehemalige Kindersoldaten einsetzt und welches das Rote Kreuz 2002 gegründet hatte (vgl. Infotext unten). Das war meine einzige Chance. Ich absolvierte als einzige Frau in der Klasse eine Lehre als Maurerin. Warum sollte meine Familie mich, eine Mörderin, wieder in ihren Kreis aufnehmen? Wie sollten sie verstehen, dass ich nicht nur Täterin war, sondern auch ein Opfer des Krieges bin? Es war ein langer Weg, bis meine Familie ihr Misstrauen und ihre Abneigung mir gegenüber ablegten. Unermüdlich suchten Mitarbeitende des Roten Kreuzes das Gespräch mit ihnen. Langsam gelang es, die Distanz zwischen uns zu überbrücken. Mit einem kleinem Startkapital und einem Diplom verliess ich die Schule. Seither arbeite ich vor allem als Maurerin. Das reicht, um für mich selber zu sorgen.“

Copyright: „ready for red cross“ 2008

Info:


Ausbildung und Versöhnung

Seit 2004 unterstützt das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) die Arbeit des Roten Kreuzes in Sierra Leone. Dieses hat fünf Zentren eingerichtet, um vom Krieg gezeichnete Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Nebst einer warmen Mahlzeit erhalten sie eine Ausbildung. Haben sie ihre einjährige Lehre erfolgreich absolviert, gibt ihnen das Rote Kreuz ein Startkapital. Viele der Bewohnerinnen und Bewohner akzeptieren Ex-Kindersoldaten nicht, denn einige der Kinder mussten ihre eigenen Geschwister oder Eltern töten. Mit Diskussionen, Tanz- und Theateraufführungen ermutigt das Rote Kreuz die Dorfbewohnerinnen und -bewohner, den Kindern zu vergeben – und ihre Wiedereingliederung zu ermöglichen.
Gemäss Schätzungen mussten 2006 weltweit rund 250’000 Kinder als Soldaten kämpfen, obwohl sie völkerrechtlich geschützt sind.

Kampf um Diamanten
Sierra Leone liegt in Westafrika und ist etwa so gross wie die Schweiz. Von 1991 bis 2002 herrschte Bürgerkrieg. Die Rebellengruppe "Vereinigte Revolutionäre Front" kämpfte gegen die wechselnden Regierungen des Landes um ergiebige Edelsteinfelder. Beide Seiten versuchten, die Diamentenminen unter ihre Kontrolle zu bringen. Zehntausende Kinder und Jugendliche wurden Zeugen von Gräueltaten oder Opfer von Kriegshandlungen. Viele verloren ihre Eltern oder einen Elternteil. Schätzungsweise 19’000 Kinder wurden als Soldaten missbraucht.

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