Gesellschaft | 21.04.2008

Der Karren sinkt tiefer in den Dreck

Text von Karin Reinhardt | Bilder von Nathalie Kornoski
Die Entwicklungshilfe der letzten Jahrzehnte ist geprägt von wenig Erfolgen und vielen Schuldzuweisungen. Die Autorin, die sich eingehender mit dem Thema befasst hat, hat den aktuellen Stand für Tink.ch zusammengefasst.
Bild: Nathalie Kornoski

Gerade momentan arbeite ich an einer unglaublich spannenden statistischen Analyse über Entwicklungshilfe. Forrrschungsarbeit politische Ökonomie. Das bringt – abgesehen von einem Haufen Ärger und Gefluche – mich dazu, über Entwicklungshilfe nachzudenken. Entwicklungshilfe heisst ja heutzutags Entwicklungszusammenarbeit, weil Hilfe nämlich impliziert, dass es eine Hierarchie zwischen Geber und Nehmer gibt. Der reiche Norden gibt, der arme Süden nimmt. Wohlhabend  vs. Bedürftig, Weiss vs. Schwarz, Gebildet vs. Ungebildet. Eingebildet vs. Afrika. Entwicklungszusammenarbeit hingegen zeigt, dass sich zwei gleichberechtigte Partner zum Dialog treffen. Gebracht hat weder die Hilfe noch die Zusammenarbeit was. Sagen die einen. Stimmt nicht, widersprechen die anderen.

Dimitri (Ein etwas uncharmanter Spitzname für Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, wohl aufgrund ihrer äusseren Ähnlichkeit mit Clown Dimitri, Anm. d. Red.) vom EDA meint, man müsse endlich erkennen, dass Entwicklungszusammenarbeit viel geholfen habe und übrigens auch der Schweiz etwas nütze. Der Ex-Kollege von der Goldküste (nicht Elfenbein, nota bene) hingegen findet insbesondere die finanzielle Unterstützung von Afrika herausgeschmissenes Geld. Man solle die Afrikaner sich selbst überlassen und die wenigen, die aus dem Elend ins Paradies flüchten, gefälligst schleunigst wieder zurückschicken. Prominente Unterstützung für seine Hier-ist-Hopfen-und-Malz-verloren-These erhält er von einem Weltbänkler, der uns davor warnt, die Welt zu Tode zu retten. Und meint damit Afrika.

Schuldzuweisungen
Jedes Käseblatt informiert mittlerweile darüber, dass der Schwarze Mann auch nach 40 (!) Jahren Entwicklungshilfe unterentwickelt bleibt. Und nicht nur er, sondern auch seine Frau, seine andere Frau, seine Kinder und Kindeskinder und überhaupt der ganze Stamm. Darin liegt nämlich der Hund begraben, in der Stammeskultur. Weil sie nicht begriffen haben, dass der Staat der Vater ist und nicht der Dorfälteste, fruchtet das Geld aus dem Norden nicht. Und weil sie so loyal zur erweiterten Familie sind, sind sie auch korrupt. Deshalb fliesst das Geld aus dem Norden an die kreuzfalschen Stellen. Aber weil der Norden Afrika aus dem Weltmarkt ausschliesst, braucht Afrika überhaupt erst das Geld aus dem Norden und dieses ist erst noch zu wenig. Und weil der Norden die Kultur Afrikas zerstört (mit den Kolonien und Coca Cola und dem Fernsehgerät), sind viele Afrikaner heute so verwirrt, dass sie das Geld aus dem Norden ganz für sich alleine brauchen (Typ Gaddafi, der Palastbesitzer).

Die Mehrheit aber wird nie etwas davon zu Gesicht bekommen (Typ Tsotsi, der Slumbewohner). Eigenes Geld verdienen können sie aber auch nicht, da sie über keinerlei Arbeitsmoral verfügen und somit nicht mal das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe was bringt. Wege aus der Misere gäbe es viele, sind sich die Geber einig. Doch welchen man einschlagen soll, weiss niemand. Und während hier munter diskutiert wird, wie man den Karren aus dem Dreck ziehen soll, sinkt er dort immer tiefer rein.