Kultur | 31.03.2008

„Nach 20 Jahren touren brauchst du wirklich einen Psychologen“

Tink.ch folgte dem Lockruf der Bierbrauerei Miller und bekam einiges zu sehen: Graffitisprayer, Trommelkünstler und eine Audienz bei Mando Diao.
Diesen Luxus leistet er sich: Samuel Giers trifft seine Therapeutin einmal die Woche. Fotos: Raphael Hünerfauth Der Schlagzeuger im Gespräch mit Melanie Pfändler von Tink.ch. Frontmann Björn Dixgård während dem Konzert in der Maag Music Hall. Sie waren das Highlight des von Miller-Beer inszenierten Abends: Die Schweden von Mando Diao.

Der Versuch, sich gegenseitig mit geschicktem Auftreten zu übertrumpfen, ist in der Wirtschaft ein grundlegendes Phänomen. Die Spirale dreht sich immer weiter nach oben, die Konkurrenz wird härter: Da ist Innovation gefragt, besonders im Hinblick auf PR und Werbung. Die Miller Brewing Company liess sich etwas Spezielles einfallen. Wie in der berühmten Sage des Rattenfängers von Hameln folgten die Massen ihrem Ruf und pilgerten in die Zürcher Maag Music Hall. Unter dem Slogan „The Miller way of live“ stellte der Biergigant ein verlockendes Programm auf die Beine und zeigte, wie es auf der Homepage heisst, „das Aussergewöhnliche auf eine ganz natürliche Art“. Tatsächlich hielt sich der Moderator, der durch den Abend führte, mit Eigenlob und Werbung zurück und richtete den Fokus auf die auftretenden Künstler. Für Abwechslung war gesorgt: Schon am Eingang konnte man Graffitisprayern über die Schulter gucken und BMX-Fahrer lieferten waghalsige Tricks in der Halfpipe. Auf der Bühne wechselten sich eine 18-jährige Hacky Sack-Weltmeisterin, eine Breakdanceformation und eine rasante Trommelshow ab. Zu später Stunde folgten Auftritte der Schweizer Bands Karaoke from Hell und Pegasus. Das eigentliche Highlight war jedoch der Auftritt der skandinavischen Indierockband Mando Diao. Während die Zuschauer den Shows beiwohnten oder sich bei einem Bier entspannten, tummelten sich die fünf schönen Schweden in den Katakomben der Halle. Vor der Show traf Tink.ch den Schlagzeuger Samuel Giers zu einem Gespräch über Ruhm, den magischen Klick und Telefonsessions mit Psychologen.

Ich möchte gerne mit einem Zitat einsteigen –  nicht von einer berühmten Person, sondern von einem australischen Freund von mir. Als er erfuhr, dass ich euch interviewe, schrieb er mir folgende Nachricht: „Oh my god. Oh my god. Oh my god. Oh my god. Let me just compose myself before sending you another message.“ Und dann, eine halbe Stunde später: „Hey Mel, you interviewing Mando Diao is probably the greatest thing that will ever happen in both of our lifetimes.“ Wie fühlst du dich, wenn du so etwas hörst?
Samuel: Es fühlt sich gut an, ganz klar. Aber du gewöhnst dich nie wirklich daran. Es ist ein sehr seltsames Gefühl, auch wenn wohl jeder auf eine irgendeine Art geliebt und geschätzt werden möchte. Es ist auf alle Fälle gut zu wissen, dass wir uns diesen Erfolg verdient haben: Wir spielen unsere Musik, wir tun also wirklich etwas. Wir arbeiten hart, da ist es schön, etwas zurückzubekommen. Aber manchmal fühlt es sich schon komisch an, wenn dir Fans um die ganze Welt folgen.

Fühlt sich das nicht auch ein bisschen surreal an? Ihr seht euch selbst wahrscheinlich nicht viel anders als noch vor 5 Jahren…
Ich versuche, derselbe zu bleiben. Aber klar, du veränderst dich. Wir versuchen dieselben netten Leute zu sein wie eh und je, aber manchmal bist du einfach müde, wie jeder andere auch. Wir tun dies nicht allzu häufig, doch ich denke, es ist wichtig, hie und da anzuhalten, nachzudenken und glücklich zu sein, mit dem, was du erreicht hast.

Ist es dir schon mal passiert, dass du das aus den Augen verloren hast?

Manchmal verlierst du das Gefühl zu wissen, wer du wirklich bist – als Mensch, nicht als Schlagzeuger in einer Band. Das macht mir manchmal ein bisschen Angst. Da ist es gut, wenn du zur Therapie gehen kannst.

Ach, wirklich?
Ja echt! Ich gehe jede Woche hin.

(Wir lachen beide.) Das ist eine gute Sache! Folgt er dir auf der Tour oder wie?
Wenn du 20 Jahre getourt hast, brauchst du wohl wirklich einen Psychologen, der dir folgt. Meine Therapeutin ist zuhause in Stockholm  Aber ich rufe sie manchmal an und habe Telefon-Sitzungen. Ich glaube, jeder könnte das brauchen um zu reflektieren, wer man ist und wieso man etwas bestimmtes tut.

Auf diese Frage wollte ich hinaus: Wieso macht ihr Musik?
Ich glaube, das liegt daran, dass wir die Musik einfach so sehr lieben. Wir legten alle los als wir 10, 11 Jahre alt waren, weil es uns gefallen hat und dann fingen wir an, es immer noch mehr zu lieben. Vor Mando Diao spielte ich in etwa zehn verschiedenen Bands, vor allem aus Spass. Ich habe gar nie darüber nachgedacht, Musiker oder Rockstar zu werden, bevor ich in dieser Band war. Ich spürte, dass da etwas anders ist als bei den anderen Bands, etwas Spezielles.

Kannst du das genauer beschreiben?
Es hat einfach irgendwie Klick gemacht zwischen uns, besonders, als CJ (Carl-Johan) ein halbes Jahr später zu uns gestossen ist. Er hat angefangen zu spielen und plötzlich war es da… Es ist schwierig, das genaue Gefühl zu beschreiben – es war einfach da.

Ihr tut also was ihr liebt.
Ja, genau. Das Schlechte ist nur, dass niemand von uns wirklich ein Hobby hat.

Vielleicht könntet ihr anfangen, Bonsaibäume zu züchten.
(lacht) Ja, irgendetwas. Nur leider haben wir keine Zeit uns zu langweilen, wir sind ja immer unterwegs.

Ihr habt euch früher bestimmt auch manchmal vorgestellt, wie es wäre, berühmt zu sein. Entspricht die Realität euren Vorstellungen? Du weisst schon, dieses ganze glamouröse Rockstar-Ding, mit Mädchen, grossen Shows…

Hmm… Ich glaube, es ist beides. An manchen Tagen ist es… – gut.

Richtig Rock’n’Roll.
Ja, ja… Aber wir versuchen immer, nicht zu einem Rock’n’Roll-Klischee zu werden. Ich glaube, das existiert so gar nicht mehr. Klar, manchmal betrinken wir uns oder so, wie jeder andere auch, aber wir nehmen unsere Musik sehr ernst. Es ist nicht so glamourös, wie man es sich erhofft. Ich glaube, umso berühmter du wirst, desto mehr Freiheiten hast du auch. Du kannst zuhause in Stockholm rumsitzen und hast einen Privatjet, der dich eine Stunde vor der Show nach Zürich fliegt, du spielst und fliegst wieder heim. Das könnte manchmal ganz nett sein. Es kann aber auch Vorteile haben, unterwegs zu sein. Du kommst in eine bestimmte Stimmung und kannst dich richtig auf dein Spiel und das Zusammensein als Band konzentrieren.

Ich glaube, viele dieser Nebenerscheinungen können dich auch von den entscheidenden Dingen, der Musik, ablenken…

Ja, total! Vielleicht ist es besser, zu sagen: Okay, wir sind jetzt drei Monate auf Tour, danach sind wir einen Monat im Studio. Das lässt sich ja nicht wirklich gut kombinieren.

Wo siehst du dich in 20, 30 Jahren?
Ich hoffe, ich werde immer Musik machen, in irgendeiner Form. Aber ich hoffe, wir lassen uns auch mal pensionieren – das kannst du allerdings nie wissen. (lacht) Manche scheinen ja echt Mühe zu haben, aufzuhören. Hoffentlich tun wir es, bevor es abwärts geht. Aber umso länger du spielst, desto härter wird es. Es ist wie eine Droge und du kennst ja auch nichts anderes – vielleicht kannst du einfach nicht mehr ein ganzes Jahr zuhause verbringen. Aber ich hoffe, dann genug Geld zu haben, um selbstständig herumreisen zu können, mit meiner Frau oder so, und die Orte besuchen, die ich noch nicht gesehen habe.

Wenn das mit Mando Diao nie passiert wäre: Was war dein Plan B, wo wärest du jetzt?
Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Als ich zur Band stiess, hatte ich keine wirklichen Pläne. Die Vorstellung, dass ich das nicht tun würde, ist ziemlich erschreckend, weil ich nicht weiss, was sonst passiert wäre. Wenn du aber einmal in einer erfolgreichen Band gespielt hast, kannst du immer auf etwas zurückkommen, das mit Musik zu tun hat, zum Beispiel in einer Plattenfirma. Aber da gibt es viele Möglichkeiten. Du kannst ja zum Beispiel auch Kinder unterrichten.

Also haben dir deine Eltern nie gesagt: „Na los, Junge, such dir eine richtige Arbeit oder geh studieren.“
Einmal haben sie das gesagt. Sie haben es mir nicht befohlen, aber sie haben gefragt, ob ich vorhabe, an die Uni zu gehen. Ich habe geantwortet, dass ich dieser Band eine Chance geben will, ein Jahr lang. Das tat ich…

… und es kam ja ganz gut raus.

Samuel lacht versonnen – da kommt der Tourmanager dazu und meint, dass er vor der Show noch etwas essen müsse. Zeit für die letzte Frage:

Diese letzte Frage stelle ich jeder Band. Du hast schon so viele Interviews hinter dir – gibt es eine Frage, von der du denkst: „Mann, wieso fragt mich das eigentlich nie jemand, das wäre wirklich entscheidend!“ Was würdest du dich selbst fragen?

Ach, manchmal nerven mich diese Interviews wirklich, die nichts mit Musik zu tun haben. Ich meine, ich verstehe, dass manche Zeitungen sich auf andere Dinge fokussieren, aber wenn es dann nur noch darum geht, ob wir viele Groupies haben oder was meine Lieblingsfarbe ist. Das ist okay, wenn es für eine spezielle Rubrik in einem Kindermagazin ist, aber manchmal ist es echt dumm, trivial. Du kannst unsere Band googeln und manche Dinge in zwei Sekunden herausfinden. Solche Fragen will ich echt nicht beantworten.

Was würdest du denn gern beantworten? Gibt es eine spezifische Frage, die ich stellen muss, wenn ich wissen will, wer du wirklich bist, was Mando Diao ist?
Da fällt mir gerade nichts ein. Es kommt auch immer auf die Tagesform an. Die Frage, weshalb ich Musik mache, war richtig gut, die solltest du in jedem Interview stellen! Du hättest vielleicht auch fragen können, was einen guten Mando Diao Song gut macht.

Da bin ich ja mal gespannt.
Ich glaube, die Mischung macht es aus. Die Melodie, der Groove. Darauf baut unsere ganze Musik auf.

Ist das also auch die Antwort darauf, weshalb ihr die beste Band der Welt seid – wie jemand von euch mal behauptet hat?

Genau, das würden wir wirklich gerne von uns denken. Ich glaube, es ist wichtig, nach den Sternen zu greifen. Wenn du in einer guten Band spielst, nützt es dir nichts zu behaupten, dass andere Bands so viel besser sind als du, du musst daran arbeiten, erfolgreicher zu werden. Egal, was du im Leben tust, es ist wichtig, daran zu glauben. Klar, manchmal fühlst du dich unsicher, das geht mir auch so.

Das Interview endete nach meiner Empfehlung, in diesem Fall schleunigst die Psychologin anzurufen, mit einem gemeinsamen Lachen – und dem Gegenbeweis zur allgemeinen Annahme, dass die Mitglieder von Mando Diao arrogant und unnahbar sind. Dasselbe kam zwei Stunden später auf der Bühne zum Ausdruck: Die Energie der fünf talentierten Schweden war beinahe greifbar; ihre Leidenschaft für die Musik schwappte in kürzester Zeit auf die Zuschauer über. Der Band gelang ein geschickter Mix aus altem und neuem Material, die Lightshow wirkte unterschwellig genug, um nicht vom Wesentlichen abzulenken. Und auch die Teenies, die acht Stunden vor der Halle ausgeharrt hatten, wurden für ihre Geduld belohnt: Die beiden Frontmänner Gustaf Norén und Björn Dixgård lösten bei den Mädchen in der ersten Reihe Begeisterungsstürme aus. Ihre starke Bühnenpräsenz hätte jedoch auch skeptischere Betrachter überzeugt – auch wenn diese den Auftritt wohl nicht mit hemmungslosem Kreischen kommentiert hätten. Die Veranstalter konnten sich ebenfalls glücklich schätzen: Schreiende Kehlen werden durstig, verschwitzte Partygänger brauchen Abhilfe: Da kommt ein kühles Bier natürlich gerade recht und bleibt auch in bester Erinnerung. Fazit: Ein ausgeklügelter Abend, sowohl auf, als auch hinter der Bühne.

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