Kultur | 17.03.2008

Kaputtes Porzellan und Teenager-Schwärmereien

Text von Marc Vogel | Bilder von www.torontolife.com
Sechs Jahre nach "Songs From The Second Floor" kommt der Schwede Roy Andersson nun mit einem Episodenfilm ins Kino. "You, The Living" startet am 4. April in der Deutschschweiz.
Ein Ausschnitt aus Ausschnitten: Szene aus "You, The Living".
Bild: www.torontolife.com

Wir sitzen vor einem herrschaftlichen, üppig gedeckten Tisch. Der stumme Familienclan auf den Stühlen schaut gespannt das Spektakel. Ein Mann, klein und untersetzt,  schleicht konzentriert um den Tisch, hebt sanft prüfend die feine, weisse Tischdecke. Er möchte das Unmögliche versuchen. Wie der Mann dann samt Silberbesteck, mundgeblasenen Weingläsern und antikem Porzellan zu Boden kracht, war absehbar und dennoch hatte man zuvor einen kurzen Moment an das Wunder geglaubt. Dass er in der anschliessenden Gerichtsverhandlung der Zerstörung von wertvollem zweihundertjährigem Porzellan schuldig gesprochen und verurteilt wird, ist nur gerecht. Elektrischer Stuhl, so die logische Konsequenz. Und während der Verteidiger in Tränen ausbricht, feiern die Richter überschwänglich den Sieg der Gerechtigkeit.

Schräg und versponnen
Dies ist nur eine von vielen kleinen, skurrilen Geschichten, die sich innerhalb von Roy Anderssons „You, The Living“ in einem schwedischen Kaff abspielen. Als geduldiger Zuschauer fühlt man sich hierbei wie in einem Museum. «Lebende Gemälde« seien diese an die 50 gezeigten Episoden. So bezeichnet sie treffend der Pressetext des Festival du Film Fantastique (NIFFF) in Neuenburg, wo der Film 2007 im internationalen Wettbewerb konkurrierte.  Zurückzuführen ist dieser Effekt auf die statischen Einstellungen, die Kamera bleibt fix an ihrer Position: Der Zuseher blickt wie durch ein Fenster in einen Raum, die Menschen darin bewegen sich langsam, zögernd, oder gar nicht. Ihre Geschichten sind Momente des Alltags, denn ausgehängt sind diese teils irre komischen, zutiefst schrägen und versponnenen, aber auch teilweise recht lahmen und langweiligen Kunstwerke im Museum der Gegenwartskunst. Die Ausstellung könnte etwa „Alltag und mehr“ heissen. Ein Teenagemädchen himmelt verliebt und verletzt ihren fernen Geliebten an. Ein etwas verlaustes Pärchen zieht streitend umher, der Mann versucht vergeblich den Disput zu schlichten. Oder während eines Regenschauers, wenn Passanten sich unter ein überdachtes Bushäuschen stopfen und einem armen Tropf keinen Unterschlupf mehr gewähren können. Steckt mehr hinter diesem Alltag?

Schwächen und Wunden
Der Blick aus einer statischen Kameraperspektive deckt sich auch mit dem punktuellen Einblick, den das Publikum in das Leben dieser Menschen gewinnt. Und hier liegt auch die Schwäche des Films: Es will nicht recht gelingen, sich in die Figuren einzufühlen. Zu kurz treten sie auf, offenbaren uns zaghaft ihre Schwächen und Wunden, um dann im nächsten Augenblick wieder endgültig zu verschwinden. Manche sympathische oder unsympathische Charaktere bleiben einem so verwehrt, obwohl man sie gerne länger begleitet hätte.
Wie bei einem Museumsbesuch jeder Besucher anschliessend sein persönliches Lieblingsbild hat, so geht es dem Zuseher auch nach „You, The Living“. Verstand und gefiel einem doch manches  nicht, so denkt man trotzdem gerne an das eine oder andere wunderbare Gemälde zurück. Und das Tischtuch unter Besteck und Geschirr wegzuziehen, ist nun wirklich eine Kunst. Auch mit allfälligen Scherben.