Gesellschaft | 10.03.2008

„Ich wurde als Sechsjähriger von den Beatles elektrisiert“

Dominic Dillier ist Moderator bei DRS 3. Er macht Radio am Abend und spricht viel über Musik. Auch im Interview mit Tink.ch sprach der Radiomann über sein Lieblingsthema, und warum er es immer interessanter findet.
Dominic Dillier (links) im Gespräch mit dem Foo Fighters- Frontmann Dave Grohl. Fotos: DRS Der Moderator in seiner vertrauten Umgebung.

Du redest mit Leuten, die du nicht siehst. Was ist das für ein Gefühl?

Die Routine bringt es mit sich, dass ich manchmal sogar vergesse, dass mir 120 000 Menschen zuhören. Grundsätzlich aber versuche ich mir auszumalen, in was für einer Situation sich die Hörer befinden könnten, ob sie gerade unter der Dusche stehen, zu Nacht essen, oder zu Bett gehen. Doch muss man sich nichts vormachen: man weiss nie genau was die Hörer tun und ob sie wirklich zuhören. 

Als Moderator arbeitest du mit deiner Stimme. Welche Rolle kommt ihr zu?

Sie ist die Verpackung, der Inhalt aber ist wichtiger. Ich habe oft das Gefühl, dass die Stimme überbewertet wird, alles wird darauf fokussiert. Klar, ein Sprachfehler oder ein Fispelstimmchen bei einem Mann wären wohl schwierig, die Stimme soll radiophon sein. Aber letztlich ist es mir doch wichtiger, was Einer sagt, als wie er es sagt.

Hörst du deine Stimme gern?

Nicht besonders, ich höre sie einfach. Der Effekt, den Leute erleben, die ihre Stimme zum ersten Mal im Kopfhörer hören, ist bei mir natürlich längst verebbt. Für mich ist das Alltag, ganz normal.

Was machst du, wenn du schlechte Laune hast und moderieren musst?

Einst, frisch bei DRS 3, war ich im Morgenteam. Da glaubte ich noch, ich könne mit schlechter Laune am Mikrofon stehen, und setzte es mir gar ein wenig zum Ziel, weil es mich nervte, dass alle immer so aufgestellt waren am Morgen. Doch einen Miesepeter wollte schlicht niemand hören. Das war mir bald klar. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man nicht immer nur das Lachgesicht machen kann. Ich habe hier im Radiostudio den Ruf, nicht der zu sein, bei dem immer alles „Judihui“ ist. Es ist kein schlechter Ruf, denn es darf ja, gerade am Abend, auch mal etwas ernster sein.

Abends moderierst du Sendungen wie „Fokus“, „Sounds“ oder „World Music Special“ und sprichst viel über Musik.

Ja, rund 70 Prozent meiner Arbeit drehen sich um Musik. Mal rede ich über die Musik, die ich gerade am Radio gespielt habe, mal über Konzerte an einem Festival, dann wieder mit Musikern über ihre Musik. Ich schätze es sehr, am Radio über Musik zu sprechen. Sie ist schliesslich Schuld daran, dass ich diesen Beruf mache. Ich wurde mit sechs von den Beatles und mit neun von ACDC elektrisiert. Dann fing ich bald an, selbst Musik zu machen, spielte in Bands, organisierte Konzerte und schrieb über Musik. Ohne Musik wäre das Leben nicht lebenswert.

Wird es dir mit der Zeit nicht langweilig, immer über Musik zu berichten?

Im Gegenteil. Je länger ich beim Radio arbeite, desto schwieriger finde ich es, über Musik zu sprechen. Mit der Zeit merkst du, dass der Musiker das, was er sagen will, in seinem Song sagt. Und das ist eigentlich alles. Es gibt drum Leute, die gar nicht über ihre Musik reden wollen. Das muss ich respektieren. Es gibt aber auch sehr viele Profis, die wissen, dass es ein Geben und ein Nehmen ist mit den Medien. Mit ihnen kann man spannende Gespräche führen, solange man nicht nur über die einzelnen Songs und deren Aufbau philosophiert, sondern auch mal ein bisschen wegkommt von der Musik, um über die Person selbst und andere Dinge zu reden.

Musst du auch mal über Musik oder Bands berichten, die du nicht magst?

Natürlich, das kommt zwischendurch auch mal vor. In meinen Abendsendungen aber doch selten. Dort spiele ich Musik, hinter der ich stehen kann. Das ist mir sehr wichtig, denn für den Hörer bin ich es, der diese Musik spielt, auch wenn ich sie nicht selber auswähle. Was tagsüber auf DRS 3 läuft, das könnte ich nicht „verkaufen“. Ich habe grosse Mühe mit dem Mainstream.

Welche Art von Musik magst du?

Neue wie auch alte. Gute Musik muss echt sein, sie muss aus dem Bauch kommen. Obs nun eine bombastisch pathetische Musikproduktion ist, wie zum Beispiel jene von Muse, oder eine Stimme und eine Gitarre, wie bei den White Stripes – es braucht einfach ein Gefühl. Kurt Cobain war beispielsweise kein guter Gitarrist und auch kein ausgebildeter Sänger, aber er konnte ein Lebensgefühl vermitteln. Wahrscheinlich war es in seinem Fall ein Schmerz, den die ganze Welt oder zumindest alle Gleichaltrigen nachvollziehen konnten.

Zurück zum Radio. Was hörst du dir selbst an?

Sicher keine Musik, denn damit bin ich ja als Moderator oft genug konfrontiert. Wenn ich also Radio höre, dann meist Wortsendungen von DRS 1 und DRS 2, das „Rendezvous“ am Mittag und das „Echo der Zeit“ am Abend. Die lade ich mir oft auch als Podcast runter und höre sie mir unterwegs im Auto, Zug oder Flugzeug an.

Wie siehst du die Zukunft des Radios?

Das Radio muss sich verändern, wie alle Medien. Ich kann mir vorstellen, dass irgendwann alle Leute übers Internet oder über das Handy Radio hören und somit Zugang zu unzähligen Sendern aus aller Welt haben. Doch der Wunsch nach ein bisschen Heimat bleibt bestehen und deshalb auch das Radio, wie wir es jetzt kennen. Glaubwürdige Nachrichten werden auch in Zukunft gefragt sein. Hier in der Schweiz wie auch im Rest der Welt. Das Radio wird nicht aussterben, auch wenn sich die Verbreitungskanäle verändern.