Kultur | 17.03.2008

„Es ist nicht einfach, Dinge einfach zu machen“

Text von Martin Sigrist
Die isländischen Múm präsentierten in der Kaserne Basel ihr neues Album "Go Go Smear The Poison Ivy". Tink.ch traf ihr Mitglied Gunnar Örn Tynes und sprach mit ihm unter anderem über Freiheit, Giftefeu und Freunde.
Gunnar Örn Tynes, das vierte Mitglied von Múm. Fotos: Martin Sigrist Gunnar mit dem Tink-Mitarbeiter Martin Sigrist.

Ihr kommt aus Island, das weckt Erwartungen. Klingt ihr nach Island?
Das ist ein Problem, das lässt sich kaum sagen. Die Schweiz ist schon klein, und Island erst recht, bei uns leben gerade mal 300’000 Leute. Und trotzdem gibt’s bei uns so viel verschiedene Musik, so viele verschiedene Gefühle. Wo immer du herkommst, wo du Zeit verbringst, das prägt dich. Du absorbierst alles, was um dich herum passiert. Ich mag es aber nicht, wenn Leute ein gewisses Bild von Island haben und davon nicht abrücken wollen ohne wirklich schon mal dort gewesen zu sein. Island lässt sich kaum kurz zusammenfassen, aber es ist klein, chaotisch und es passiert viel.

Welche Vorurteile und Klischees begleiten dich?

Ich habe Soziologie studiert und weiss, wie schlecht und schmerzhaft Vorurteile sein könnten. Aber Klischees sind auch ein guter Spiegel für die Gesellschaft, sich damit zu befassen ist eine Art von Selbstanalyse und überhaupt ist ja an allen Klischees etwas Wahres dran. Was ich nicht verstehe, ist, warum Leute immer wieder mit Elfen kommen. Das ist doch viel zu abstrakt und wirklich daran glauben tut wohl eh keiner in Island. Wahr ist, dass Isländer meistens vulgär und sehr unbekümmert sind. Das ist alles eigentlich gar nicht negativ. Aber dieses Bild des dummen wilden Isländers, das in Filmen wie „Hostel“ gezeigt wird, das nervt schon.

Diese Unbekümmertheit, die du erwähnst, kennst du die auch?
Auf jeden Fall. Wir alle in der Band ticken da ähnlich. Ein gutes Beispiel ist die Arbeit an unserem letzten Album. Wir wollen oft den Ort wechseln wenn wir arbeiten, wir müssen reisen, spätestens nach einen Monat brauchen wir Abwechslung. Wir waren auch mal in der drittgrössten Stadt Islands, 4’000 Einwohner. Wir hatten zwar keine genauen Pläne, wollten einfach ein Haus suchen um dort zu arbeiten. Wir haben am selben Tag rumgefragt und erfahren, dass die örtliche Musikschule während der Sommerferien  geschlossen sei. Da sich ja bekanntlich alle kennen wurde kurzerhand an dem Abend der Rektor der Schule angerufen und so haben wir gleich die Schlüssel bekommen. Natürlich war die ganze Schule voller Instrumente. Das zeigt, dass alles so einfach gehen kann. Es muss überhaupt nicht kompliziert sein, gute Lösungen zu finden. Aber unsere Musik hat natürlich auch komplexere Einflüsse.

Eure Musik ist einfach im Hinblick auf die Auswahl der Instrumente.
Das ist doch ein Kompliment. Es ist nicht einfach, Dinge einfach zu machen. Das ist nicht immer die einfachste Lösung. Oft wäre es einfacher, die Dinge vermeintlich komplizierter zu machen um den Leuten Rauch in die Augen zu wedeln und dann zu behaupten, dass halt alles so komplex sei und es niemand verstünde. Damit liesse sich vielleicht viel Unvermögen verstecken.

Ist eure Musik einfacher geworden?
Sie ist sicherlich einfacher geworden in der Entstehung. Wir haben vermehrt einfach alles aus unseren Köpfen auf den Tisch geschmissen. Wie der Titel der neuen CD schon sagt, „Go Go Smear The Poison Ivy“ („Geh, berühre den Giftefeu“). Man soll keine Angst haben, es könnte etwas gefährlich oder schädlich sein. Mach einfach dein Ding.

Das klingt ja so als hättet ihr das erste Mal in langer Zeit wieder Spass an eurer Musik.
Nein, so ist’s nicht, es war früher nicht schlecht, es war einfach mal wieder Zeit für einen Wechsel. Wechsel ist ein Schlüsselwort für uns. Das Neue ist der unbekannte Faktor und Leute haben Angst vor Unbekanntem. Angst und Unbekanntes, die beiden Dinge liegen sehr nah beieinander. Wechsel ist aber etwas gutes, wenn man es auch erst später merkt. Jemand in der Band hatte ein Kind, also brauchten wir für sie einen Ersatz, doch eine Person lässt sich nicht so einfach ersetzten. Also haben wir eine Frau durch einen Mann, eine Sängerin durch einen Gitaristen ersetzt. Alles ist nun also etwas anders, aber das ist eine tolle Veränderung.

Auf eurer Myspace-Seite zeigt ihr Filmchen von Leuten, die eure Songs nachspielen.
Jemand hat damit angefangen und es ist toll. Das passt auch zum Thema des Albums, keine Angst vor dem Giftefeu zu haben, einfach mal machen und schauen. Youtube ermöglicht es, auch Dinge, die nicht produziert sind und noch völlig roh sind, an die Öffentlichkeit zu bringen. Diese Dinge sind viel intimer und echter. Heute ist die Musik oft völlig verwässert und weit weg vom Kern. Es zeigt wie wichtig es ist, nicht zu viel nachzudenken sondern einfach zu handeln. Und wenn es jemand nicht mag, ist das ja auch eine Erkenntnis, dann hoffe ich, dass jene etwas anderes finden, etwas dass sie mögen.

 
Wettbewerb:


Tink.ch verlost alte und neue, signierte und unsignierte CDs von Múm. Wenn Ihr was gewinnen möchtet, dann eine Mail mit der besten Begründung, warum gerade Ihr gewinnen sollet an martin.sigrist(at)tink(punkt)ch bis zum 23. März um Mitternacht. Vergesst eure Postadresse nicht.

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