Gesellschaft | 31.03.2008

Erwischt beim Tatort schauen

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Die Liebe als Institutiuon - es scheint kein Weg daran vorbeizuführen. Trotzdem mag die Amazone nicht glauben, dass Liebe immer langweilig werden muss.
Bild: Stefan Wallimann.

Die Langeweile ist das, wovor wir uns im Leben am meisten fürchten sollten. Ein Augenmerk sei dabei besonders auf die Langeweile in Beziehungen gerichtet. Die Eremitin hat in dieser Hinsicht kürzlich etwas sehr Treffendes gesagt. Sie meinte: „Wenn du dich dabei erwischst, wie du gemeinsam mit deinem Freund auf dem Sofa sitzt und dir Tatort anguckst, hast du verloren.“ Und ich weiss genau, was sie meint: Gemeinsam fernsehen – noch dazu Tatort, eine Sendung, die es seit Jahrhunderten gibt – ist der ultimative Beweis dafür, dass einem nichts Gescheiteres mehr einfällt. Die Luft ist endgültig draussen, die Ideen bleiben aus. Der gemeinsame Moment wird nicht mehr gelebt, geschweige denn gefeiert, Küsse nicht mehr gestohlen, die gemeinsame Zeit nicht mehr gewürdigt, sondern ist längst zur banalen Selbstverständlichkeit geworden. Nein danke, Tatort schauen kann ich auch sehr gut alleine. Einen DVD ausleihen und zusammen anschauen hat wenigstens im Ansatz etwas von einem Eventcharakter, zumal es wenigstens eine bewusste Entscheidung erfordert.

Mein persönlicher Horror betrifft diesen Papierkram – zusammen eine Lebensversicherung abschliessen oder die Steuererklärung ausfüllen. Das ist dann, wenn Beziehungen endgültig zu Institutionen werden. Und ich frage mich: Ist es unumgänglich, dass Beziehungen institutionalisiert werden, oder haben wir uns einfach daran gewöhnt? Ich will einen Partner – aber will ich auch eine Lebensgemeinschaft? Kann ich eine Beziehung führen wollen, mich aber gleichzeitig weigern, sie zu einer Institution werden zu lassen? Und wie bitteschön soll ich das anstellen? Ein Patentrezept dafür gibt es sicherlich nicht, aber wie die Römerin ganz richtig geseufzt hat: „Eigentlich ist es ein Wunder, wenn es funktioniert. Wenn sich der Mann in der gleichen Lebensphase wie du befindet und noch dazu emotional und intellektuell auf einem ähnlichen Niveau.“ Oder – so mutmassten die Römerin und ich genau gleichzeitig – es funktioniert eigentlich gar nicht, sondern es tun nur immer alle so. Ein Mythos – oder das bestgehütete Geheimnis unserer Zivilisation. Die „richtigen“ Amazonen, die sich mit den Männern nur für die Fortpflanzung treffen und dann wieder ihre eigenen Wege gehen, könnten über solche Gedanken bestimmt nur den Kopf schütteln. Sie haben institutionalisiert, was viel realistischer ist: Ganz unverkrampft können sie dazu stehen, dass Fortpflanzung und Liebe nicht zwingend eine Einheit bilden müssen.

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