Gesellschaft | 17.03.2008

Die Sache mit dem Bildungsauftrag

In diesem Punkt sind sich Österreich und die Schweiz ziemlich einig: Die öffentlich-rechtlichen Sender taugen nicht viel. Höchste Zeit also, dass wir ihnen vor der Euro noch ein bisschen genauer auf die Finger schauen.
Ist nicht nur im ORF sondern auch auf SF2 ein beliebter Lückenfüller: Malcolm in the Middle.
Bild: Bernhard Braun

Wien: Der Winter neigt sich dem Ende zu. Der Ski-Weltcup macht Sommerpause und das Programm des Österreichischen Rundfunks (ORF) beschränkt sich wieder auf eingekaufte Serien aus den USA. Denn eigene Produktionen sind beim österreichischen Öffentlich-Rechtlichen leider Mangelware.

Bern: Auch die Schweiz punktet nicht gerade mit eigenen Formaten. SF2, der Sender fürs jüngere Publikum, speist die Zuschauer am Montagabend mit einem Menü aus „Greys Anatomy“, „Desparate Housewives“ und „Scrubs“ ab. Nicht dass ich persönlich etwas gegen diese hochkarätigen Serien hätte. Aber die Frage bleibt: Warum schafft es unser Land nicht, selbst gutes Fernsehen zu machen?

Wien: Es war im Jahr 2006 als der ORF eine kleine politische Revolution erfuhr. Mit den Stimmen der Sozialdemokraten, Grünen, Freiheitlichen und dem Bündnis Zukunft Österreich wurde ein neuer, politisch sozial orientierter ORF-General anstelle der konservativen Vorgängerin vom Stiftungsrat gewählt. Rund 100 Tage später wurden die ersten Eckpfeiler des „neuen ORF“ ausgestrahlt – unter anderem das Herzstück der Reform: eine Daily Soap namens „Mitten im Achten“. Nach 56 Folgen und einem erschreckenden Marktanteil von nur 13 Prozent wurde die erste Staffel frühzeitig eingestellt. Und so fand „Malcolm in the Middle“ seine x-te Wiederholung im Vorabendprogramm. Die erste von vielen weiteren Niederlagen der grossen ORF-Reform.

Bern: „Mitten im Achten“? Das muss irgend so eine österreichische Redewendung sein. Das Schweizer Fernsehen nannte seine eigene Soap schlicht „Lüthi und Blanc“. Darin gehts natürlich um einen Schokoladenclan, und ich wäre als Stammzuschauerin auch fast eingestiegen, wenn die Serie nicht so penetrant humorlos und schlecht gespielt gewesen wäre. 2007, nach fast acht Sendejahren, wurde das Schoggidrama endlich abgesetzt. Manchmal frage ich mich jetzt: Ist es ein schlechtes Zeichen für uns Schweizer, dass die Serie so lange gelaufen ist?

Wien: Für die Übertragungsrechte der Euro 08 handelte das österreichische Staatsfernsehen den Schnäppchenpreis von 10 Millionen Euro für alle 31 Spiele aus. Und rechtzeitig vor dem riesigen (Medien-)Spektakel stellte der ORF eine Gebührenerhöhung in den Raum. Doch dem nicht genug – es besteht bereits jetzt Unmut über die Einseitigkeit und regelmässige Programmwiederholung des so öffentlichen-rechtlichen mit dem Bildungsauftrag – bereits im Vorfeld der Euro selbst mutiert der erste Kanal zum Fussballsender schlechthin. So wird täglich das EM-Studio übertragen, jede Pressekonferenz und Reportagen aus den verschiedenen Fanmeilen. Im Vorfeld soll eine Dokusoap mit einem österreichischen Prominationalteam auf das Event vorbereiten. Das dazugehörige Pendant wird natürlich in der Schweiz produziert – allerdings verzichtet das SF auf eine Fussball-Übersättigung des zahlenden Fernsehpublikums bereits im Vorfeld. Wie schön ist es doch in der Schweiz…

Bern: Na ja. Das SF zeigt derweil „Euro 2008 – Das Magazin“ und erklärt uns darin unter anderem die Körpersprache von Fussballern (Ob die dort auch Zidanes Kopfnuss von der WM tiefenpsychologisch analysieren?) und stellt uns den deutschen Bundestrainer Joachim Löw näher vor. Inwieweit das staatliche Fernsehen damit seinen Bildungsauftrag erfüllt, kann ich nicht beurteilen. Ich weiss nur, dass ich die Österreicher beneide, weil sie bisher ohne Sendungen wie „Donnschtig-Jass“ und „Al dente“ durchs Leben gekommen sind. Und vor allem beneide ich sie, weil auf dem fruchtbaren Boden ihres öffentlich-rechtlichen Senders etwas so wundersames wie „Die Sendung ohne Namen“ gewachsen ist. Auch sie wurde letztes Jahr wegen zu geringen Einschaltquoten abgesetzt. Die Moral der Geschichte? Die Österreicher haben auch keinen besseren Geschmack als die Schweizer.