Kultur | 15.03.2008

Die allmächtige Frau Tod

Text von Claudio Notz
Mit dem Buch "Eine Zeit ohne Tod" beschreitet der Leser verschlungene Gedankengänge in eine Welt, in der es das Sterben nicht mehr gibt.
Wie Sandkörner rieselt die Zeit - ohne den Tod. Fotos: Claudio Notz Beim letzten Satz wieder am Anfang. Was wäre die Zeit ohne den Tod?

José Saramagos Buch „Eine Zeit ohne Tod“ setzt ein mit den Worten: „Am darauffolgenden Tag starb niemand.“ Wie erfreulich, mag man bemerken, und an der sprachlichen Einfachheit des ersten Satzes Gefallen finden. Dass just in diesem Anfang der Grundstein für eine kolossale Fragestellung gelegt ist, wird einem sofort bewusst, wenn man zumindest eines der Zitate gelesen hat, die vor der eigentlichen Geschichte platziert sind.

Mit Ludwig Wittgenstein, einem grossen Sprachphilosophen des 20. Jahrhunderts, wird der Weg in das Gedankenexperiment eröffnet: „Denk z.B. mehr an den Tod – & es wäre doch sonderbar, wenn Du nicht dadurch neue Vorstellungen, neue Gebiete der Sprache kennenlernen solltest.“ Das vorangestellte Zitat aus dem Fundus von Wittgensteins Philosophie verspricht nicht zu viel. In „Zeit ohne Tod“ gewinnt man nicht nur sprachlich neue Eindrücke, wenn man sich durch die Gedankengänge führen lässt. Das Gewebe aus Überlegungen zum Tod und seinem Gegenspieler, dem Leben, wirkt auch stilistisch äusserst gelungen und lässt sich inhaltlich auf reale Probleme der Gesellschaft münzen.


Frau Tod lässt ihre Allmächtigkeit spüren

So haben wir es entgegen der deutschsprachigen Tradition nicht mit einem Herrn Sensemann zu tun, sondern mit Frau Tod höchstpersönlich. Diese tritt am Anfang des Buches in den Arbeitsstreik; die Menschen sterben innerhalb der Landesgrenzen vom einen Tag auf den anderen nicht mehr. Der Notstand muss ausgerufen werden, denn die todkranken Menschen in den Spitälern scheiden einfach nicht dahin. Auch die Königin Mutter, die im Sterben liegt, bleibt in einem Zustand zwischen Leben und Tod. Statt im Tod sind nun plötzlich im Leben alle gleich: Niemand wird von seinen Leiden erlöst, egal wie krank die betroffene Person ist.

Das Ausbleiben des Todes, oder vielmehr von Frau Tod, stellt die Bevölkerung vor grössere Schwierigkeiten. Die ganze Philosophie muss neu gedacht werden, die Kirche mit ihrer Ausrichtung aufs Jenseits muss sich selbst neu definieren und darauf achten, dass sie nicht in Gotteslästerung ausschweift, jetzt, da alles anders ist, und niemand mehr sterben wird.

Der Mensch ist kreativ

Die Menschen finden Auswege, denn in ihrem Nachbarland wird gestorben wie eh und je, eine Auswanderung von Sterbewilligen beginnt, kommentiert mit allen moralischen Argumenten, die in der aktuellen politischen Diskussion um Sterbehilfe in der Schweiz auch formuliert werden könnten. Vor dem Hintergrund von Autor Saramagos Denkspiel aber wirken diese Argumente viel plastischer, weil die Erfüllung des Wunsches, ewig zu leben, den die Menschen schon seit Jahrtausenden äussern, die ganze Weltordnung umstürzt.

José Samarago beendet seine Geschichte so einfach, wie er sie begonnen hat, und zaubert dem Leser so gar ein leises Lächeln auf die Lippen: „Am darauffolgenden Tag starb niemand.“

Eckdaten zum Buch:


"Eine Zeit ohne Tod" von José Samarago ist im September 2007 bei Rowohlt in Berlin auf Deutsch erschienen. Der portugiesische Originaltitel lautet: "As Intermitências da Morte". Es bietet 256 Seiten Lese- und Denkstoff. In den meisten Buchhandlungen ist der Preis bei 34.50 Franken angesetzt.

 

Der Autor:

José Saramago wurde 1922 in Portugal geboren. Der Romancier lebt und arbeitet auf Lanzarote. Für sein Schaffen wurde er 1998 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.    

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