Gesellschaft | 31.03.2008

Blut und Spiele

Text von Rick Noack
Aufstände in Peking und eine Regierung, die ausländische Journalisten ausweist: Der Tink.ch-Kommentator erklärt, warum die Olympischen Spiele in Peking boykottieren werden sollten.

„Sport hat nichts mit Politik zu tun.“ Das behaupten nach den Krawallen in der chinesischen Provinz Tibet Viele – im Fernsehen, in den Zeitungen und auf Internetseiten. Ursache dafür ist die Diskussion von Politikern und Sportlern, ob man die Olympischen Spiele in China nicht boykottieren sollte. Die überwiegende Meinung der Medien ist: Nein. Ich sage: Ja.

1950 waren die Chinesen in Tibet einmarschiert und hatten es zu einer Provinz gemacht. Seitdem hat China viel in die Infrastruktur von Tibet investiert – doch vor allem die jungen Tibeter werfen dem Regime aus Peking vor, die Kultur der Tibeter auszurotten. Inzwischen leben fast genauso viele Chinesen wie Tibeter in der Hauptstadt Lhasa. Der Dalai Lama ist das religiöse Oberhaupt der Tibeter, der seit dem Einmarsch der Chinesen im Exil in Indien lebt und ein chinesischer Staatsfeind ist. Er bezeichnete die Vorgehensweise der Chinesen in Tibet als „kulturellen Völkermord“.

Vor allem die jüngeren Tibeter wollen sich diesen „Völkermord“ nicht länger gefallen lassen. Als im März dieses Jahres Tausende von ihnen unter grossem Risiko auf die Straße gingen, um auf die Situation aufmerksam zu machen, eskalierte der Konflikt. Seitdem sollen mehr als 100 Zivilisten gestorben sein – ermordet von chinesischen Sicherheitskräften. So jedenfalls stellen es die Tibeter dar. Die chinesische Regierung dementiert diese Anschuldigungen noch immer. Damit schadet sich China selbst. Wenn eine Regierung  angesichts der immer noch andauernden Demonstrationen alle ausländischen Journalisten ausreisen lässt, stehen die Ampeln auf Dunkelrot und man ahnt: In Tibet passieren schockierende Dinge.

Nun sollen also die Olymischen Spiele in Peking stattfinden. Blöd nur, dass dort die Regierung sitzt, die seit einem Monat Aufständische brutal prügeln lässt. Wer jetzt noch behauptet, Politik und Sport hätten nichts miteinander zu tun, der kann auch behaupten: Menschen hätten nichts mit Sport zu tun. Denn um nichts anderes geht es: In China werden Menschen umgebracht, weil sie ihre Meinung sagen. Und es deutet nichts darauf hin, dass China sein Verhalten bessern will. Ein Boykott wäre ein deutliches Zeichen dafür, dass der Rest der Welt mit diesem Vorgehen nicht einverstanden ist. Sport hin oder her. Hier geht es um Menschenleben.