Gesellschaft | 12.02.2008

Unklarheit bleibt

Text von Andreas Renggli
Die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme nimmt Stellung zu den Vorwürfen ihres Umgangs mit dem Begriff des Rauschtrinkens. Allerdings bleiben wichtige Fragen offen.

Im Artikel „Hilfe, ich bin Rauschtrinker!“ vom 20. Januar 2008 hat Tink.ch aufgezeigt, dass man selbst mit mässigem Alkoholkonsum – verteilt über einen ganzen Abend – zur Gruppe der Rauschtrinkenden gezählt werden kann. Die Schlussfolgerung: Die Definition des Begriffs Rauschtrinken ist völlig absurd.

Nun nimmt Monique Helfer, Mediensprecherin der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA), dazu Stellung: „Wir teilen Ihre Einschätzung nicht. Ein gelegentlicher Alkoholkonsum von Jugendlichen muss nicht dramatisiert werden. Wenn Jugendliche aber regelmässig trinken oder betrunken sind, wenn sie Alkohol konsumieren um Stress oder Probleme zu bekämpfen oder um dem Gruppendruck nachzugeben, ist das sicher als problematisch einzustufen. Jugendliche reagieren empfindlicher auf Alkohol als Erwachsene und die Gefahr körperlicher Schädigungen ist bei ihnen grösser.“

Ihre Hinweise auf die Gefahren eines übermässigen Alkoholkonsums leuchten zweifelsohne ein, allerdings widerspricht sie dabei in keiner Weise dem Vorwurf, dass das Rauschtrinken ungenügend definiert ist. Bei der European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs (ESPAD) 2004 wurde gemäss Helfer folgende Frage gestellt: „Denke an die letzten 30 Tage. Wie oft hast du 5 alkoholische Getränke oder mehr in kurzer Zeit nacheinander getrunken? (Ein alkoholisches Getränk kann ein gut gefülltes Glas Wein (ca. 15 cl), eine grosse Flasche oder Dose Bier (ca. 50 cl), ein Glas Spirituose/Schnaps (ca. 5 cl) oder ein Mischgetränk sein.)“

Die weiteren Nachfragen bei der Fachstelle führen zu zwei Erkenntnissen: Einerseits ist es für die SFA irrelevant, wie oft pro Monat die vorgegeben Mindestmenge Alkohol konsumiert wird. Denn wer im vergangenen Monat mindestens bei einer Gelegenheit fünf Einheiten Alkohol zu sich genommen hat, hat sich bei dieser Gelegenheit berauscht und darf deshalb allgemeingültig als Rauschtrinkerin bzw. Rauschtrinker bezeichnet werden.

Dem gegenüber muss man der SFA zugute halten, dass sie konsequent auf die Begriffe Kampftrinken und Komatrinken verzichtet. Monique Helfer vermutet denn auch, dass die beiden Schlagworte „wohl primär im journalistischen Sprachgebrauch eingesetzt“ werden, wo sie die Diskussion über Alkoholprobleme von Jugendlichen emotional stark aufladen.

Die zweite Erkenntnis ist, dass tatsächlich ein grosser Interpretationsspielraum besteht bei der Frage, was Rauschtrinken ist. Denn obwohl die SFA sämtliche Jugendliche, die oben erwähnte Frage mit mindestens einer Gelegenheit beantwortet haben, als Rauschtrinkerinnen und Rauschtrinker bezeichnet, gibt Monique Helfer zu, dass Jugendliche bei der Befragung die Periode „in kurzer Zeit“ sehr wohl als ganzen Abend haben verstehen können und dass in diesem Fall nicht zwingend von einem übermässigen Alkoholkonsum gesprochen werden könne.

Zudem erwähnt sie, dass in der Forschung die Periode „in kurzer Zeit“ neu als innerhalb von zwei Stunden definiert werde. Die genauere Auslegung ist zwar begrüssenswert, kann aber natürlich nicht nachträglich auf bereits erhobene Daten übernommen werden.

Es bleibt also völlig offen, wie viele Jugendliche wirklich kontinuierlich ein- oder mehrmals pro Monat innerhalb von zwei Stunden fünf alkoholische Getränke oder mehr trinken. Das ist insofern bedauernswert, weil genau diese Information wertvolle Hinweise geben würde auf das Verhaltensmuster von Jugendlichem mit gesundheitsschädigendem Alkoholkonsum.

Leider wird dieses Defizit auch in der neuesten ESPAD nicht behoben. Die Befragung hat bereits im letzten Jahr stattgefunden und die Ergebnisse werden im kommenden Frühling präsentiert. Aus statistischen Gründen wurde an der bisherigen Fragestellung festgehalten, klarere Erkenntnisse wird es also keine geben.

Man darf deshalb gespannt sein, wie die SFA die Ergebnisse aus dieser Studie präsentieren wird und ob sie erneut ausblendet, dass die Periode „in kurzer Zeit“ von den befragten Jugendlichen sehr unterschiedlich interpretiert worden ist.