Gesellschaft | 18.02.2008

Die Zeit läuft

Damit auch ja niemand den Start der Euro08 verpasst, wird der Countdown nun in Wien und Bern öffentlich gemacht - mit unterschiedlichen Auswirkungen.
Nicht alle verspüren denselben Drang zur Euro-Euphorie. Fotos: Bernhard Braun Die Ringstraße wird im Juni zu Gunsten der Fan-Meile von der Hofburg bis zum Rathaus gesperrt. Fehl am Platz? Die Berner Countdown-Uhr. Fotos: Lino Schaeren

Wien: Im Sog der Fussball-Ekstase
111 Tage, also noch gut dreieinhalb Monate müssen wir warten, bis Massen an Fussballfans Österreich und die Schweiz belagern. Der Countdown wurde aber schon vor langer Zeit gestartet. Mit ihm sollte auch die Euphorie in den gastgebenden Alpenländern steigen – streng nach deutschem Vorbild, als bei der Weltmeisterschaft 2006 unser Nachbarland Kopf stand.

In Wien steht die Countdown-Uhr auf dem Rathausplatz im Stadtzentrum. Dieser ist auch der Platz für die offizielle Public Viewing-Zone. Heute deutet noch nichts darauf hin – es drehen Familien auf Schlittschuhen zu 80er-Jahre Musik auf den Eisflächen ihre Runden. In 111 Tagen wird es anders aussehen. Dann werden tausende Fans und Fussball-Interessierte gebannt auf die aufgebauten Leinwände schauen und schales Bier aus Plastikbechern trinken.

Damit die euphorische Stimmung die ganze Stadt erreicht, werden seit vergangener Woche Dienstleister im öffentlichen Raum eigens geschult. So kommen Parkscheinkontrolleure, Stadtgärtner und Müllmänner zusammen, um in den „Sog der Fussball- Ekstase“ aufgenommen zu werden. Und tatsächlich entfacht sich langsam aber sicher der eine oder andere enthusiastische Funken – nicht zuletzt dank den starken 45-Minuten von Österreich im Testspiel gegen Deutschland. Nur leider dauert das Spiel auch bei der Euro noch mindestens 90 Minuten. Aber bis dahin sind ja noch 111 Tage Zeit. Beziehungsweise 110. Nein, 109. 108. Oh Gott, 107…

Bern: Wo ein Wille ist, ist auch eine Bewilligung
Am Anfang war es nur ein Gefühl: Diese Uhr scheint hier etwas fehl am Platz. Der grüne Stadtrat Daniele Jenni fand jedoch bald eine Begründung dafür, warum die FIFA-Countdown-Uhr beim Berner Zytglogge so seltsam wirkt: Die Stadt Bern hatte kurzerhand vergessen, eine Baubewilligung für den Betonklotz einzuholen.

Jenni liess sich die Profilierungschance natürlich nicht entgehen, und reichte sofort juristische Einsprache gegen den überdimensionierten Fanartikel ein. Seine Begründung ist eine Mischung aus Juristendeutsch und ironischem Zähnefletschen: „Seit dem 18. Juni 2007 belegt ein Sockel mit der ästhetischen Qualität einer Panzersperre den östlichen Ausgang des Kornhausplatzes. Darauf befindet sich eine grosse, gestalterisch in unansehnlicher Werbesprache gehaltene Tafel, die mit ihrer Umgebung unvorteilhaft kontrastiert und die Funktion erfüllt, die Zeit bis zum Anpfiff der Euro 08 rückwärts zu messen.“

Genützt hat Jenni seine Prosa wenig: Die Präsidialdirektion unter Stadtpräsident Alexander Tschäppät beschaffte sich die Bewilligung für die Countdown-Uhr einfach im Nachhinein. Doch die Zeit arbeitet für Jenni: Irgendwann kommt die Uhr bei Null an und hat damit ihren Zweck erfüllt. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt wird Bern von Millionen von Fussballfans heimgesucht werden, was natürlich ein weiterer Grund zur Klage wäre. Warten wirs ab.