Gesellschaft | 18.02.2008

Die Übermutter aller Essigmütter

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Egal wie abartig manche Interessen sind, es gibt immer Jemanden, der sie teilt. Die Amazone muss diese Erfahrung ebenfalls machen - und ekelt sich.
Bild: Stefan Wallimann.

Ich liebe es, Kleinanzeigen zu durchstöbern. Besonders scharf bin ich auf die ganz abstrusen Dinge, die dort gesucht oder angeboten werden. „Wer kennt einen grossen Ameisenhügel, den er mir zeigen kann?“, ist so ein Klassiker. Solche Anzeigen werfen die unheimlichsten Fragen auf: Was weiss dieser Mensch mit einem Ameisenhügel anzufangen? An so einer Wand hat sich schon mancher Freak geoutet. So auch jene Frau, die sich kürzlich als Essigmutter-Liebhaberin zu Erkennen gab: „Wer kann mir sagen, wo ich eine Essigmutter bekommen kann?“, las ich da. Und weiter: „Ich habe schon überall gesucht aber finde keine.“

Gemäss einer österreichischen Kochwebsite ist eine Essigmutter, in manchen Regionen auch Essigliesel genannt, ein „glibberig aussehender Schlunz, welcher aus Essigsäurebakterien besteht.“ Schlunz – ein österreichisches Dialektwort – klingt genau nach dem, was die Essigmutter ist: Ein Schlunz, ein schleimiges, stinkendes Etwas, dem man unmöglich irgendeine Form von Liebe entgegenbringen kann, sondern nur Ekel und Abscheu. Lockenkopf sieht das etwas anders, denn Lockenkopf ist die Übermutter aller Essigmütter. Den Schlunz kann man nämlich in Weisswein legen und dann beginnt er, Essigsäure zu produzieren. „Das ist fast wie ein Haustier!“ hat Lockenkopf begeistert ausgerufen.

Das war, als sie im Besitz ihrer ersten Essigmutter war. Ich weiss noch, wie ich nach einer langen Partynacht bei Lockenkopf übernachtet  hatte und am Morgen nach Hause gehen wollte, als sie mir – im Pyjama und frisch aus dem Bett – unbedingt noch ihre Essigmutter zeigen wollte. Sie nahm den Schlunz aus dem Glas und führte ihn mir vor, liess ihn von der einen Hand in die andere wandern, dazu verströmte dieses Ding einen Ekel erregenden Säuregeruch. Igitt! Der Geruch von Essig ist wirklich das Letzte, das ich am Morgen in der Nase haben möchte. Doch Lockenkopf lachte vergnügt und fand überhaupt nichts Abartiges daran. Ob sie den Essig dann tatsächlich auch für die Salatsauce benutzen konnte, wage ich stark zu bezweifeln. Ich weiss nur noch, wie ich ein paar Monate später ein sms bekommen habe: „Die Essigmutter ist gestorben! Ich trauere“. Trotz Lockenkopfs Liebe und Fürsorge hat es die Essigmutter nicht geschafft. Bei den Amazonen hielt sich die Trauer über diesen Verlust zwar sehr stark in Grenzen. Doch ich war verblüfft, dass es offenbar noch andere Essigmutter-Liebhaber auf diesem Planeten gibt. Irgendwie ist es ja auch tröstlich zu wissen, dass ein Interesse noch so abartig sein kann – irgendwo findet es immer Anklang.  

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