Kultur | 14.01.2008

Zwei Kinder in „Aus-Wisch“

Text von Lena Tichy | Bilder von Lena Tichy
Ein Buch über einen neunjährigen Jungen und doch kein Buch für Kinder: Dem Irländer John Boyne ist mit "Der Junge im gestreiften Pyjama" ein Überraschungserfolg gelungen. Lesenswert ist das Buch deswegen aber noch lange nicht.
Streifen sind nicht einfach nur Streifen. Zumindest nicht in diesem Buch.
Bild: Lena Tichy

Eine Inhaltsangabe gibt es bei diesem Buch absichtlich nicht. Dafür hat es einen Titel, zu dem man sich Vieles denken kann und vielleicht fällt angesichts des Covers bei Einigen bereits der Groschen. Falls nicht, weiss garantiert auch der ahnungsloseste Leser spätestens nach der zwanzigsten Seite worum es geht: Deutschland während der Nazizeit, beschrieben vor allem aus der Sicht eines neunjährigen Jungen.
Dieser Bub namens Bruno lebt mit seiner Familie in einem grossen schönen Haus in Berlin. Die Geschichte beginnt damit, dass Brunos Vater, offenbar ein hoher Beamter, von einem Tag auf den anderen den Wohnort wechseln muss und seine Familie keine andere Wahl hat als ihn zu begleiten. Doch das neue Haus gefällt Bruno gar nicht und er wünscht sich nichts sehnlicher, als nach Berlin zurückzukehren. Der Wunsch ist verständlich: Bruno wohnt jetzt in „Aus-wisch“, wo sein Vater das Lager kommandiert, das sich direkt neben dem Wohnhaus von Brunos Familie in die Ferne erstreckt.

Der junge im gestreiften Pyjama
Doch Bruno fühlt sich nicht unwohl, weil er von seinem Zimmer aus direkte Sicht auf ein Konzentrationslager hat. Eher fehlen dem Jungen seine Berliner Freunde und eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Schiesslich passiert das Unvermeidliche: Bruno geht eines Tages trotz dem Verbot seines Vaters zum Lager hinüber, in der verzweifelten Hoffnung, vielleicht jemanden zu finden, der mit ihm spielt. An einer abgelegenen und unbewachten Stelle entdeckt er dann auch tatsächlich einen anderen Jungen. Schmuel ist schmächtig, bleich und trägt ein gestreiftes Pyjama. Das Aufeinandertreffen der gleichaltrigen und doch so unterschiedlichen Jungen ist der Beginn einer Freundschaft, von der der Leser glauben soll, sie hätte so tatsächlich stattfinden können. Leider hätte in diesem Buch fast nichts tatsächlich so stattfinden können, ausgenommen der Holocaust und der Krieg natürlich. Mit Bruno hat Autor John Boyne einen Neunjährigen erschaffen, der zwar einerseits intelligent genug ist, um sarkastische Bemerkungen zu machen, andererseits aber noch nie von Hitler gehört haben will. Von den Juden ganz zu schweigen. Boyne tut alles, um der Leserschaft weis zu machen, dass ein 1934 geborener Sohn eines Nazi-Kommandanten aus Berlin den Führer nicht kennt und auch nicht weiss, warum die Juden von den Deutschen so gehasst werden. Dass sein Hauptcharakter dadurch zur leblosen Pappfigur verkommt, scheint dem Autor nicht aufgefallen zu sein.

Eher rührend als real
Schlimmer als die logischen Schwächen der Handlung ist allerdings die Naivität des Protagonisten. Kann es wirklich sein, dass Bruno sich fast ein Jahr lang regelmässig mit Schmuel trifft und sich nie fragt, in was für einem Lager dieser Junge festgehalten wird? Während Bruno das Verhalten seiner pubertierenden Schwester sowie der Hausangestellten jeweils genau registriert und hinterfragt, glaubt er trotzdem bis zum Schluss, dass Schmuel seine Tage vor allem mit Fussballspielen verbringt. Es entsteht der Eindruck, als ob der Autor die Figur des Jungen nur benutzt, um eine möglichst rührende Geschichte zu erzählen. Ob er sich zu Recherchezwecken aber wirklich mit realen Neunjährigen abgegeben hat, darf angesichts der Widersprüche in Brunos wie auch Schmuels Charakter bezweifelt werden.

Es war sicher keine schlechte Idee von Boyne, seinen Roman als „Fabel“ zu bezeichnen. Im Reich der Phantasie ist schliesslich alles erlaubt. Nachdem „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bereits in 25 Sprachen übersetzt wurde, ist jetzt die Verfilmung in Vorbereitung. Bleibt nur noch die Frage, warum ein Buch, das den Holocaust derart vereinfacht und realitätsfern darstellt, einen solchen Erfolg hat.