Kultur | 24.01.2008

„Was passiert, wenn du dein Ziel erreichst?“

Text von Moritz Noser | Bilder von www.matterhorn.li
Tink.ch traf den Berner Rapper Greis zum Interview in einem Café. Ein Gespräch über sein neues Album "2", Versagensängste und Journalisten.
"Wir wissen ja wer die Bösen sind, aber was sind unsere Vorschläge?" Rapper Greis, seit 2003 solo unterwegs.
Bild: www.matterhorn.li

Die Erwartungen an „2“ waren sehr gross. Wie bist du an das Album herangegangen?

Ich musste mich von dieser Erwartungshaltung, die die Leute an mein Album haben, trennen. Dies ging recht lang. Viele Leute aus meinem engen Umfeld haben gesagt: „Entweder machst du das beste Schweizer Rap Album oder du hast versagt“. Ich brauchte ein paar Monate um diese Erwartungshaltung abzulegen. Ich habe keinen Bock auf Musik auf Bestellung, ich muss mich beim Schreiben frei fühlen. Schlussendlich habe ich gemerkt, dass ich selbst die allergrössten Erwartungen an mich habe, nicht die Anderen. Ich musste mir selber klar darüber werden, was ich machen will und habe ganze Bücher mit Konzepten vollgeschrieben. Als ich dann noch knapp zwei Monate Zeit für die Fertigstellung des Albums hatte, habe ich diese Bücher zur Seite gelegt und begann mit der Arbeit. In diesen knapp zwei Monaten habe ich alle 15 Lieder auf Deutsch und Französisch gemacht. Ich nahm danach wieder die Konzept Bücher zur Hand und darin stand: mach doch eine Version auf Deutsch und Französisch. Mach ein Lied, das aufzeichnet wie wichtig es ist, dass jeder das macht, was er macht. Dass jeder einen Ausweg aus der Ohnmacht findet und sein Platz in einem Widerstandskomplex einnimmt wo jeder Einzelne wichtig ist.

Ich stellte also fest, dass ich fast alles was ich mir aufgeschrieben hatte, auch umgesetzt habe. Der Rapper Talib Kwelli sagt irgendwo: „I started to bring words together, put words into phrases and everything just came into place“.

Schlussendlich setzt sich alles zusammen. Alles was du machen kannst, ist so hart wie möglich darn bleiben. Alles geben, versuchen besser zu sein als die anderen, versuchen mehr zu arbeiten als die anderen.

Die Berner Zeitung hat dein Album als zu kitschig kritisiert…

(unterbricht) War das Adrian Schräder?

Das weiss ich nicht mehr.

Ich bin ziemlich sicher, dass es Adrian Schräder war. Er schrieb, dass mein Song „Nobody Move“ eine Grime-Hommage ist und nicht funktioniert. Ganz unter uns: Wenn ich den Geschmack dieses Journalisten nicht getroffen habe, dann bricht es mir das Herz.

Hast du denn selbst nicht das Gefühl, dass du weniger radikaler bist als früher?

Nein. „2“ ist aus meiner Sicht zugänglicher, gerade weil es radikaler ist, als alles, was ich bisher gemacht habe. Wenn ich die Aussagen von Liedern wie „Teil vo dr Lösig“, „nur ei Tropfe“ oder der Ferdinand-Saga in Stücken wie „Global“ oder „Nobody Move“ machen würde, dann würde ich nur meine Jungs damit ereichen, die sowieso schon Bescheid wissen. Dieses Album ist als Propaganda zu verstehen.

Du bist also radikaler als früher auch wenn weniger Richter beschimpft werden.

Ich musste mich zusammennehmen, um nicht mehr in jedem Lied zehnmal „Fick den Richter“ zu sagen. Auf „2“ hörst du es nur einmal: „Der Richter ist gefickt und die Geschichte gibt mir recht“. Ich sehe „2“ als Infiltration: Die politischen Inhalte sind auf diesem Album subtiler, also zugänglicher. Wenn es nach mir gehen würde, dann hätte dieses Album ein noch breiteres Publikum gefunden und dann könnte ich das nächste Mal wieder direktere Aussagen machen. Was ich sowieso tun werde.

Inwiefern wird ein Album zugänglicher, wenn die Aussage subtiler ist? Besteht nicht die Gefahr, dass die Aussage einfach überhört wird?

Die Musik ist zugänglicher. Und subtiler ist es, weil ich nicht zum Sozialismus aufrufe oder zu einer Revolution. Ich verpacke meine Botschaften in eine Geschichte die in den 30er Jahren spielt. Ich sage nicht „Fick die PNOS, das sind Faschos“ oder „Fick die SVP, sie sind nicht viel besser als die PNOS“. Diese Messages sind schon verbreitet worden. Ich versuche mehr zu erklären warum das alles passiert und was unsere Rolle dabei ist. Wir wissen ja wer die Bösen sind, aber was sind unsere Vorschläge?

Im Booklet von „2“ ist ein Gemälde des Schweizer Malers Ferdinand Hodler abgebildet. Spielst du damit auf den Hodler-Sammler Christoph Blocher an?

Ich habe mir einen Spass daraus gemacht, die Figur aus Blochers Lieblingsbild zu einem sozialistischen Freiheitskämpfer zu machen. Der Holzfäller von Hodler heisst bei mir in einem Lied Berti und wird von den Fröntlern umgebracht, die sich Erneuerungsbewegung genannt haben, genauso wie die PNOS sich heute Erneuerungsbewegung nennt.

Im Track „Fänschter“ thematisierst du die dunkle Seite des Erfolges, jedenfalls habe ich das so verstanden. Was bedeutet dieses Lied für dich?

Bei „Fänschter“ war es so, dass ich zuerst einen Beat hatte, der mir dann eine Geschichte diktiert hat. Es war wie ein musikalischer Film von einem Typen, der sich im Fenster selber sieht und sich gleichzeitig in diesem kleinen Jungen sieht. Um deine Frage direkt zu beantworten: Es ist ein Grundzug des Kapitalismus, dass du immer Wachstum generieren musst. Sei es in Bezug auf Geld, Erfolg, Rappen oder Stricken. Du musst immer besser werden und immer mehr machen. Aber was passiert, wenn du dein Ziel erreichst? Kommt dann das nächste Ziel? Was passiert, wenn du die geilste Plattentaufe im Dachstock hast? Was passiert, wenn Kanye West seinen hundertsten Grammy bekommt? Irgendwann ist er in seinem Hotelzimmer und was hat er davon? Einen feuchten Dreck. All dieses Zeug ist im Endeffekt nichts wert. Was zählt ist dein innerster Kreis. Deine Freunde, deine Liebe und deine Familie. Dein Kampf und deine Ideale. All der Erfolg und der Ruhm sind am Abend, wenn du deine Zähne putzt, weg.

Im Vergleich zu „Eis“ ist das neue Album um einiges ernster und tiefgründiger. Wie kam diese Entwicklung?

Der Hauptunterschied ist wahrscheinlich, dass ich „Eis“ im totalen Grössenwahn geschrieben habe und „2“ im totalen Selbstzweifel. Wenn ich „2“ jetzt höre, dann ist es für mich symbolisch der Ausweg aus der Ohnmacht und der Angst. Seitdem ich das Album geschrieben und aufgenommen habe und alles fertig ist, bin ich auf einem extremen Hoch. Es ist mir noch nie so gut gegangen wie jetzt. Meine Alben sind immer ein Spiegel, wie ich mich in dieser Zeit gefühlt habe. Vielleicht war ich in dieser Zeit ernster.

Auf dem Track „Lärm der Welt“ sagst du, dass es jedem selbst überlassen ist, wie viel Verantwortung er tragen will. Wie meinst du das?

Damit meine ich, dass die Entscheidung, nicht mehr zu McDonalds zu gehen, bei mir liegt. Nur ich selbst kann mein Konsumverhalten ändern. Wenn mein bester Freund anderer Meinung ist und auf seinen Cheeseburger nicht verzichten will, habe nicht das Recht zu sagen: „Du bist ein Arsch und solltest eigentlich dasselbe tun wie ich.“ Wenn ich für etwas einstehe, ist es konstruktiver, wenn ich mit gutem Beispiel vorangehe, statt anderen zu sagen, was sie tun sollten.

Welches sind für dich die wichtigsten Alben dieses Jahres ausserhalb der Hip-Hop-Szene? 

Geile Frage. Charlotte Gainsbourg, „05.55“. Das Album wurde produziert von Air und geschrieben von Jarvis Cocker (Frontmann von Pulp). (überlegt) Fuck, jetzt kommt mir wieder nichts in den Sinn. Kannst du mir eine Minute Zeit geben?

Klar.

Das Stephan Eicher-Album („Eldorado“) fand ich extrem geil, es klingt so leichtfüssig. Die Musik die mir am besten gefällt, klingt so, als hätte der Musiker sie einfach aus dem Ärmel geschüttelt. Mein Sound klingt nicht unbedingt so, aber daran arbeite ich. Tommy Vercetti und Manillio sind in dieser Hinsicht schon viel weiter.

Im Intro von „Eis“ sagtest du noch: „Journalisten, es ist mir egal, wenn ihr schreibt, dass meine Songs der Hammer sind, wen ihr sie hören wollt, geht in den Laden, wie alle anderen auch“. Hat sich an dieser Einstellung etwas geändert? Wie wichtig ist dir die Resonanz der Presse heute?

Es hat sich schon etwas geändert. Ich habe in den letzten vier Jahren zu oft zugesehen, wie Jungs von mir fantastische Alben gemacht haben, aber nichts für die Promo getan haben. Das Ergebnis war, dass sie nur 500 Stück verkauften, statt den 5000, die das Album wert war. Das hat mir die Augen geöffnet. Bei den Amis ist Business ein hundertprozentiger Bestandteil von Rap. Wir hier, die nicht so auf die Kohle angewiesen sind, können uns den Luxus erlauben, den Künstler rauszuhängen und zu sagen „Mir ist egal wie gut sich meine Musik verkauft“. Mir persönlich ist es aber verdammt noch mal nicht egal, wie viel ich verkaufe. Ich lebe schliesslich von den CDs die ich verkaufe. Es kam in den letzten zwei Jahren zu oft vor, dass ich zwei Monate lang nur Reis und Cracker gegessen habe. Ich bin 29 und habe auf so was kein Bock mehr. Wenn ich mal eine Familie habe, was soll ich denen erzählen? „Ich mache Rap, geht zu den Nachbarn essen?“ Darum gebe ich bei der Musik hundert Prozent und bei der Promo ebenfalls. Der Zucker obendrauf sind die Konzerte. Früher gingen mir viele Journalisten auf den Sack. Heute je nach dem auch, aber ich mache trotzdem Werbung. Was mich früher genervt hat, ist, dass jeder Journalist eine CD bekommt. Ich bekomme für meine Freunde fünf CDs und das Label verteilt 200 an Journalisten. Dieses Mal bekam ich 15 CDs und alles ist easy.

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