Kultur | 28.01.2008

„Indie sein bedeutet, keine Minibar zu haben“

Text von Tatjana Rüegsegger | Bilder von Fred Rambaud
Frankreich holt tief Luft und bläst uns einen rockigen Wind ins Gesicht: Tink.ch traf The Parisians zum Interview über die Poesie ihrer Sprache und Indielabels.
Der eine melancholisch, der andere verschlafen: Stevan und Nico von The Parisians. Fotos: Tatjana Rüegsegger Doch noch aufgewacht: Nico. Mittlerweile haben es die vier Jungs schon in die französische "Elle" geschafft.
Bild: Fred Rambaud

Nun, wie lautet das Motto der Parisians? Die Legende besagt, dass ihr euch nach einem Libertines Konzert zusammengetan habt.

Stevan: Weniger arbeiten um mehr zu trinken! (lacht) Eigentlich hatten sich die Libertines in Paris getroffen um ihr erstes Album aufzunehmen und da hatten wir das Glück, sie und gleichzeitig einander kennenzulernen. Also die alte Besatzung. Das heisst Xavier und ich, der Rest kam später dazu.

Eure Musik ist sehr Gitarrenlastig fast ein wenig „Back to the roots“. Was denkt ihr von der heutigen Musikszene und insbesondere der heutigen Rockszene?

Clement: Ausser uns sind alle nur Schrott.

Xavier: Wenn du von der heutigen Rockszene sprichst, wen hast du da im Sinn? Tokio Hotel? Oder was?

Nico: Ich glaube sie meint vor allem englischen und amerikanischen Indierock.

RS: Tokio Hotel machen doch keinen Rock.

Stevan: Stimmt, sie stehen über all dem! Nein, also ich würde sagen die Szene ist interessant.

Was denkt ihr eigentlich von Nu Rave?

Stevan: Es ist cool.

Clement: Er macht mir Augenschmerzen.

Wie erklärt ihr euch euren Erfolg?

Stevan: Wir hatten einfach das Glück, dass wir in dem Augenblick angefangen haben, wo man in Paris auf neue Bands wartete. Bands die gleiche Attitüden haben wie englische Bands. Das war perfekt. Dann kamen noch Myspace und all die Sachen. Die jungen Leute heute müssen nicht mehr CDs kaufen die viel zu teuer sind sondern können schnell neue Bands kennen lernen. Ich weiss nicht ob, sie englischen oder französischen Rock hören wollen, ich vermute sie mögen beides. Businessmässig funktioniert Französisch besser. Rock auf Englisch zieht in Frankreich noch nicht so, die Leute verstehen es einfach nicht.

Eben, ihr singt ja auf Englisch. Wolltet ihr nicht lieber auf Französisch singen um grössere Aufmerksamkeit zu erlangen? Oder schreibt das die Musik vor?

Stevan: Ich mag es einfach nicht, auf Französisch zu singen. Es interessiert mich nicht. In Amerika und England siehst du diese Bands die Text und Musik auf dem gleichen Level stellen. Das ist für sie normal. Es ist einfach ein natürlicher Stil. Sobald du aber etwas auf Französisch singst, steht der Text vor der Musik. Wenn du ein Album aufnimmst wird die Stimme so stark nach vorne gemixt dass die Melodie nur noch im Hintergrund ist und richtig uninteressant wirkt. Das alles nur damit man versteht was sie sagen. In England ist es ihnen vollkommen egal ob Leute den Text verstehen, solange sie die Musik mögen. In Frankreich ist es sehr wichtig, was du singst, was du damit sagen willst. Das spürst du vor allem auf der Bühne. Ich könnte nie auf Französisch vor einem Publikum singen, ich wäre einfach anders.

Xavier: Es ist halt auch poetischer, irgendwie.

Stevan: Naja, poetischer. Zum Teil kann es auch schnell billig wirken. So gezwungen poetisch. Es gibt Leute die denken sie seien Poeten und schreiben Songs wie „Un jour en France“ oder so. Irgendwo muss man aufhören können. Diese Seite „Wir werden die Welt retten“ ist einfach ein bisschen zu viel.

Clement: Das werden wir auch tun.

Ihr gebt gerne zu, dass ihr „Indie“ seid, obwohl auch dieser Musikstil mittlerweile ziemlich kommerzialisiert wird. Was bedeutet es für euch, „Indie“ zu sein?

Clement: Das heisst ganz einfach, dass du keinen Swimmingpool hast.

Nico: Keine Minibar

Clement: Keinen Whirlpool, keine Prostituierten, kein Koks.

Anfangs war es ja eine Philosophie. Jetzt mutiert es langsam zum Genre.

Stevan: Ich denke wenn du sagst du bist Indie dann heisst das du bist generell „Indie“ weil du keine anderen Möglichkeiten hast. In Frankreich zumindest. Ich weiss nicht wie es in England und Amerika läuft, ob die da eine gewisse Wahl haben. Meiner Meinung nach würden wenige Bands bei einem kleinen Label bleiben wenn sie die Chance haben zu einem Major zu wechseln. Wir haben im Moment einfach keine andere Wahl. Gleichzeitig ist das auch interessanter. Du hast wenig Geld und du musst alles selber basteln.

Clement: Es ist viel persönlicher.

In dem Fall würdet ihr zu einem Major Label wechseln wenn ihr es könntet? Das Label Rough Trade war ja mal interessiert.

Stevan: Ja, das ist schon eine Weile her. Ein Freund hatte das im Sinn. Das Problem ist; wenn du in England unterschreibst musst du auch in England wohnen. Wir könnten nicht einfach so jede Woche nach England fliegen. Darum war es für uns nicht möglich. Dort hätte es wahrscheinlich eh nur geklappt wenn wir jede Woche Konzerte gemacht hätten und die Leute an unsere Gigs kommen würden. Ich finde, es war wichtig, unsere Band in Frankreich zu starten und auf diese Weise etwas Neues in unsere Einheimische Musikbranche zu bringen. Die Leute können dann sagen sie hätten etwas Cooles gesehen, was nicht zuvor im Fernsehen angekündigt wurde.

Das heisst zurzeit tourt ihr nur?

Stevan: Wir haben einen Gitarristen kennen gelernt der auch unser erstes Demo aufgenommen hat. Er hilft uns jetzt viel und wir werden bald mit ihm eine B-Side aufnehmen die wir zuerst nur auf iTunes und sonst im Internet veröffentlichen werden. So können wir uns langsam entwickeln und Verschiedenes ausprobieren. Momentan sind aber nicht nur wir in einer Entwicklungsphase sondern auch unser Label.

Gibt es irgendwelche Bands, bei denen ihr nicht versteht warum sie so viel Erfolg haben?

Clement: Verraten wir Namen?

Stevan: Es gibt für jede Musik ein Publikum.

Clement: Gleichzeitig fressen die Leute alles, was ihnen von den grossen Plattenfirmen vorgekaut wird.

Stevan: Ja gut. Aber weißt du, manchmal gibt es Sachen die du im Fernsehen siehst und denkst es sei eigentlich ziemlich Scheisse und dann hörst du es 10 mal pro Tag am Radio und irgendwann magst du es einfach. Es fliesst in dein Gehirn hinein. So arbeiten sie, das ist Marketing.

Xavier: In Frankreich sind die Leute nicht sehr neugierig. Wenn du ihnen was gibst, werfen sie sich drauf aber sie werden nicht nach anderen, ähnlichen Bands suchen.

Stevan: Sehr viele Leute sind daran gewöhnt, Musik nur im Fernsehen und im Radio zu hören. Wir bekommen alles serviert und denken gar nicht daran, dass es noch etwas anderes geben könnte. Zum Glück gibt es heute immer mehr junge Leute die ein wenig interessierter sind. Mit Myspace und anderen Internetseiten kannst du dir eine Band anhören und wenn sie dir gefällt dann siehst du welche anderen Musiker diese Band beeinflusst hat und lernst nochmals neue Bands kennen. Solche die du dir früher nie angehört hättest. Die heutigen Jugendlichen sind dazu bereit, alles Mögliche zu hören.

Aber die Indieszene wird doch auch in Frankreich immer grösser. Letztes Jahr kam ja das Album „Paris Calling“ raus wo unter anderen ihr, Les Naast und Plasticine drauf vertreten seid.

Stevan: Ja schon. Doch meiner Meinung nach gab es den echten „Indie-move“ in Frankreich nur in den 80ern. Heutzutage ein kleines Label zu gründen ist fast unmöglich. Niemand hat weder die Zeit noch das Geld dafür.

Xavier: Und das mit Naast und Plasticine ist ziemlich einfach. Bei ihnen geht es nur um den Trend. Du nimmst ein paar hübsche Kerle (les Naast) und ein paar hübsche Mädels (Plasticine) und schon hast du eine perfekte Compilation.

Stevan: Ich unterscheide hier zwischen Bands die auf Französisch singen und solchen die es nicht tun. Jene die es machen, haben sich sicher auch dabei gedacht dass es einfacher sei um aufzufallen. Bei den ersteren habe ich den Eindruck, dass sie nur auf Französisch singen, weil sie denken, dass sie sonst nie Erfolg haben. Deswegen singen sie in ihrer Muttersprache. Die Typen wollen eine Band gründen und direkt das Olympia füllen ohne die kleinen Konzerte. Sie haben es lieber wenn man in Magazinen über sie schreibt und ihr Clip auf MTV läuft. Sie haben eine Rockstar Attitüde wenn sie Leute treffen. Das ist normal, in Frankreich gab es nie eine echte Rockszene. Sie wissen nicht was es heisst, zwei Jahre lang einfach nur zu touren bis man dich irgendwo mal auf deine Musik anspricht. Das ist schade.

Aber eben, mit ein bisschen Glück wird sich das bald ändern. Und so oder so, die wichtigsten Bands sind jene die nie Erfolg hatten!

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