Kultur | 07.01.2008

Im Magenta gefärbten Licht

Text von Manuela Lüscher | Bilder von Noah Thoma
2007 veranstaltete der Kanton Solothurn einen Wettbewerb für junge Literatur. Auf Tink.ch gibt es nun die zweite Gewinnergeschichte in der Kategorie junge Erwachsene zu lesen. Geschrieben hat sie die 19-jährige Manuela Lüscher aus Fulenbach.
Mit der Kurzgeschichte "Im Magenta gefärbten Licht" gewann die 19-jährige Manuela Lüscher in der Kategorie Junge Erwachsene den zweiten Platz.
Bild: Noah Thoma

Mit einem lethargischen Starren, auf einem fiktiven Punkt an der Wand verweilend. Durch Luftmassen, durchzogen mit beissendem Uringestank, fällt dein Blick auf die vergilbte Wand. Zum Punkt. Dem eigenen Herzschlag, nach innen lauschend, siehst du zu ihm. Dem Punkt. Er ist der Fokus. Der Fokus! Du darfst ihn nicht verlieren. Zitternd, mit dem Schweiss, der deine oberste Hautschicht – die Stratum corneum – überzieht, sitzt du auf einem Stuhl. Marke – massive Buche, gefertigt in schwedischen Möbelhäusern, für dich und Millionen andere. Du sitzt
und konzentrierst dich nur noch darauf, keine Ausdünstung von dir in
die Augen zu bekommen, um genau zu sehen, wie und ob sich dieser Pun . . .

. . . Die Tür wird geöffnet. Zum ständigen Aufschrecken prädestiniert, zuckst du zu-sammen, mit einer kurzen, schnellen Bewegung wendest du dein Augenpaar der eingetretenen Pflegerin zu. Tabletten. Rote, Blaue, Weisse. Ritalin – Standard. Bereits bevor du den ersten Schritt in dieses Haus gesetzt hast, stehen die Medika-mentenbehälter für dich bereit. Vorgefertigt. Rot, Blau, Weiss. Schluck, Schluck, Schluck. Gut so.
Nach deinem Befinden wirst du gefragt, du antwortest wie jeden anderen Tag auch; mit einem Nicken.
Du wischt dir deinen Mund an deinem weissen Oberteil ab. Die Türe schliesst sich. Der Punkt. Der Punkt! Risse in der Wand, die Wand!
Immer grössere Fäden spannen sich zwischen dem aufgebrochenen Verputz. Du gehst näher um sehen zu können. Reisst die Fäden weg . . .

. . . Hundertdreiundzwanzig Münder, redend, reizend mit ihren roten
Lippen. Harlekine, tanzend, bunte Bänder umherschwingend. Fünf-
hunderteinundzwanzig Bäume mit dreihundertachtundsechzig Hofnarren, die im Begriff sind Narrenmützen zu nähen. Streunende Ziegen, gefleckt in Gelb-Grün, rupfen sie Erdbeeren aus dem Boden.

Im Magenta gefärbten Licht tanzt, schlängelt es sich um die springenden Lichtpunkte. Zieht sie mit sich. Lässt sie wieder los und blickt ihnen dann staunend hinterher. Siehst du? Dann findest du diesen Brief, zwischen all diesen Lichtern und Farben, du begreifst erst nicht. Doch du liest.

„Liebster Oscar. Ich las deine Nachricht zahlreiche Male, fasziniert von dieser sich wiederholenden Schönheit und dem Gefühl, du verstehest ganz genau was in mir drinnen tobt. Ich erzählte dir von einigen
unschönen Begebenheiten, sicher dich damit brüskiert zu haben,
fürchtete ich keine Antwort zu erhalten. Gegenteiliges war der Falle,
 aus freien Stücken erzähltest du von Begebnissen gleicher Gattung.
Ohne Beschämung in deinen Worten zu lesen, folgte ich dir in deine Welt, in das wunderbar harmonische Sein einer Menschenseele. Voller Dank und Vertrauen, diese Korrespondenz zwischen uns möge niemals enden, muss ich abrupt enden, denn sie kommen um mich zu  bändigen!“

Du birst im Tanz der Tänze und kommst um im Sammelsurium der Melodien. Der tobende Sturm der Schwäne, kein Tupfer weiss gelassen, fliehst du in das Loch, zurück in deine Heimat.

Doch nicht? Du weißt, es könnte sein. Aber kann es wirklich sein?

Du spürst deinen linken Fuss nicht mehr. Nachdem du von den sich vor dir auftuenden Bildern heruntersackst, verliert er Stück für Stück das Gefühl.

Nun es ist bemerkenswert still geworden, so als hätte man den Anker über Bord geworfen. Sprung, Zeitfetzen, Leck.

Die Zeit der grossen Metamorphose ist vorbei, der Fall, Aufschlag und
ja schliesslich das gnadenlose, wahrheitsbringende Erwachen. Du
weisst es und die Indolenz drängt sich vor, schupst dich, stellt dir den Hacken, der Fall, der Fall, ein Fall, ein Fall ins Unempfindliche . . .
bringt dich zurück.
Innerlich ausgehöhlt saugst du die Bilder, Zeichen, Verbleibendes von der Zeit die vor Momenten war, auf. Füllst das Loch, mit Spaten und heilender Paste, probierst es, verzweifelst und schlägst um dich, bis die Pflegerin dich vom Boden hochhebt und dich still zu machen versucht. Du schweigst.

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