Gesellschaft | 21.01.2008

Ich bin eine Kneterin

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Nichts ist im neuen Jahr, wie es einmal war: Sogar das Kochen macht der Amazone jetzt Spass. Ihre Freundinnen machen sich dazu natürlich so ihre Gedanken.
Bild: Stefan Wallimann.

Letzte Woche habe ich mich Kopf voran in ein Abenteuer gestürzt: Ich habe mich als Köchin und anderntags als Bäckerin betätigt. Und es hat mir auch noch Spass gemacht. Wer mich kennt, der weiss, dass die Kelle in meiner Hand einem Staatsstreich gleichkommt. Ich hasse es zu kochen, habe ich immer gerne jedem erzählt, der es wissen wollte – und das war natürlich auch die Wahrheit. In der dritten Woche des eben erst angebrochenen Jahres musste ich nun erkennen, dass dieses mir lieb gewordene Bild von mir selbst so nicht mehr zutrifft. Obwohl ich wohl auch in Zukunft beim Kochen nicht kreativ sein werde, hat mir doch der schöpferische Vorgang des Kochens eine Befriedigung verschafft.

Manche Vorstellungen über die eigene Person lässt man nur sehr ungern ziehen. Ich habe es geliebt, mich als die Frau zu sehen, die das Kochen hasst. Und obwohl mir diese neue Entwicklung auch etwas unheimlich ist, verfüge ich doch über genügend Selbstironie, um mich auch sehr darüber zu amüsieren. Und natürlich wundern sich auch meine Freundinnen. Als ich vergangene Woche mit einem selbstgebackenen Brot bei der Eremitin aufgekreuzt bin, konnte sie sich den spöttischen Unterton nicht verkneifen. „Ja, verspotte mich nur, ich habe es verdient!“, habe ich zu ihr gesagt. Doch ich weiss, dass die Amazonen als mir wohlgesinnte Freundinnen meinen Sinneswandel grundsätzlich unterstützen. Ganz uneigennützig rechnen sie sich auch schon aus, zu den Profiteuren meiner neuen Backkunst zu gehören. Ob ich nicht am Samstag jeweils Zöpfe für das Sonntagfrühstück backen und diese dann in den Ausgang bringen möchte?, lautete der Tenor. Kaktusblüte hat besonders gefallen gefunden an der Vorstellung, dass ich am Samstagabend jeweils mit einem Bastkörbchen in unserem Stammlokal auftauche und gutherzig Selbstgebackenes verteile.

Ich hoffe, dass es soweit nicht kommen muss. Und falls doch, dann geht meine Nachbarin mir mit gutem Beispiel voran: Ihr Weihnachtsgebäck unterscheidet sich nämlich ziemlich von normalem Weihnachtsgebäck, denn was sie fabriziert, sind riesige Dinger. Diese Frau ist mir sympathisch, denn sie hat gar nicht den Anspruch an sich selbst, genauso schöne und wohlgeformte Guetzli zu backen wie alle anderen Hausfrauen. Sie setzt andere Akzente, nimmt es nicht so genau. Die Vision meiner neuen Identität als Hobbybäckerin sieht also folgendermassen aus: Ich will die Frau sein, die riesengrosse Weihnachtsguetzli bäckt.

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