Gesellschaft | 20.01.2008

Hilfe, ich bin Rauschtrinker!

Text von Andreas Renggli
Gemäss Definition der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme bin ich ein Rauschtrinker. Und zwar ohne dass ich es merke. Völlig absurd.

Am letzten Donnerstag präsentierte die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) eine neue Studie über die Trinkmotive von Jugendlichen in der Schweiz. Und lieferte damit wieder mal prächtige Schlagzeilen. So titelte zum Beispiel die Neue Luzerner Zeitung am Freitag auf der Frontseite „Junge betrinken sich gezielt und aus Spass“. Und in der Expressbox wurde die 250-seitige Studie vermeintlich treffend auf folgenden Satz reduziert: „30 Prozent der Jugendlichen trinken regelmässig zu viel Alkohol.“

Doch damit nicht genug. In ihrer Analyse tags darauf hält Noémie Schafroth fest, dass junge Rauschtrinker zwar nicht zwingend Alkoholiker sein müssen, sie aber den Anschluss in der Ausbildung zu verlieren und „sich im Hinblick auf ihre berufliche Zukunft Steine in den Weg zu legen“ drohen.

Diese Neuigkeiten klingen äusserst bedrohlich und liefern eine klare Bestätigung an all jene, die es immer schon gewusst haben: Die Jugend ist ein lebensmüdes Monster, das sein Hirn mit Alkohol und anderen Drogen abtötet und sich in den Konsumfluten ertränken will. Diese Leute fordern in den Augen von Noémie Schafroth zu recht lauthals nach zusätzlichen Preisaufschlägen und neuen Verboten.

Dabei beachtet kaum jemand, dass die präsentierten Zahlen auf einer völlig absurden Definition des Begriffs Rauschtrinken basieren. Sie lautet gemäss SFA: „Wenn Männer fünf Standardgläser Alkoholisches oder mehr zu einer Gelegenheit trinken und Frauen vier Gläser oder mehr – und das mindestens zweimal im Monat.“

Hilfe, auch ich bin also ein Rauschtrinker! Zum Beispiel wegen Freitagabend. Um Viertel nach sechs ein Glas Prosecco zum Apéro, zwei Gläser Rotwein zum Abendessen, ein kleines Bier vor der Theatervorführung, eines danach und eines um Mitternacht, kurz bevor ich nach Hause ging. Medizinisch gesehen mag es sein, dass bei mir eine Intoxikation vorlag. Aber ich hatte überhaupt kein Rauschgefühl und mein Gegenüber – nur mit Mineralwasser unterwegs – gab in unserer angeregten fachlichen Diskussion nicht den geringsten Hinweis darauf, dass er bei mir irgendwelche Anzeichen eines Rausches ausgemacht hätte.

Klar, ich hätte mich anschliessend aus Gründen der Vernunft und des Strassenverkehrsgesetzes nicht mehr hinter das Steuer eines Autos gesetzt. Aber ich verspürte auf dem Nachhauseweg keine Lust zu randalieren, meinen Job hinzuschmeissen, mich von meinen Freunden abzukapseln, mich ungeschütztem Geschlechtsverkehr hinzugeben. Keine Selbstverletzungen und von Koma weit und breit keine Spur. Also nichts so, wie es die Suchtfachleute prophezeit haben.

Kommt hinzu, dass ihre Aussagen ohnehin widersprüchlich sind. Entgegen der oben erwähnten Definition von 2005 braucht es in der neuen Studie nur noch einmal pro Monat fünf bzw. vier Gläser pro Tag, damit man „episodisch“ zu viel trinkt. Vergleicht man zudem Schweizer Studien aus dem Jahr 2002 oder solche aus dem Ausland, wo es häufig acht oder noch mehr Einheiten Alkohol braucht für den Rang eines Rauschtrinkers, kann ich keinen anderen Schluss ziehen, als dass da Zahlen und Methoden zurechtgebogen werden, um das eigene Dasein rechtfertigen zu können. Auf Kosten einer konstruktiven Diskussion darüber, wie denjenigen Jugendlichen, die tatsächlich ein Alkoholproblem haben, geholfen werden kann. Und noch schlimmer finde ich, dass Medien wie die Neue Luzerner Zeitung der SFA völlig unreflektiert aus der Hand fressen und mit markigen Kommentaren sogar noch einen drauf geben.

Wer also während der kommenden Fasnachtstage in Luzern wieder von Rauschtrinkern liest, kann beruhigt sein: Das bin ich. Ohne lebensmüde Absichten, ohne Messer und ohne Baseballschläger.