Kultur | 28.01.2008

Eine Farbe lang

Tink.ch präsentiert den dritten Siegertext des Solothurner Wettbewerbs für junge Literatur. geschrieben hat ihn die 17-jährige Rahel Joss aus Boningen.
Bild: Mona El-Bira/youthphotos.eu

Es begann alles mit dieser einen Farbe, die ich so nicht leiden kann …

Es begann alles zu ihrer Zeit …

Plötzlich sah ich dieses Rot und es gefiel mir. Ein bisschen durchgeknallt fand ich das Ganze schon, aber es gefiel mir trotzdem. Eigentlich schon seltsam, das alles. Rot war für mich immer nur kitschig, unecht und die Farbe einer Liebe, die ich sowieso nie spüren werde … Dachte ich zumindest. Doch wie es scheint, lag ich damit völlig falsch …

Aber nun einmal von Anfang an.

Eines Tages kam er mit roten Haaren in die Schule. Von diesem Moment an änderte ich ganz unbewusst meine Meinung über ihn. Vorher war er für mich einfach nur nett und kindisch. Aber jetzt war er für mich nett und durchgeknallt.

Irgendwie war diese Erkenntnis der Anlass für mich gewesen, mehr auf ihn zu achten. Mit der Zeit sprachen wir immer öfter miteinander und waren auch immer in der Nähe des jeweils anderen anzutreffen.

Nach einer Weile nahm das kräftige Rot ab und wurde sanfter, auf eine Art natürlicher. Und mit dem Rot veränderte auch er sich für mich. Ich begann ihm nach und nach zu vertrauen, seine Nähe ganz bewusst zu suchen.

Dann kamen die Tage, an denen wir von der Klasse aus an irgendwelchen Theatertagen helfen mussten. Theater, noch mehr Rot, kitschiges Rot.

Wie es das Schicksal wollte, waren wir zur gleichen Zeit eingeteilt.

Das feine Rot, das sich unbemerkt vor die Türe meines Herzens geschlichen hatte, klopfte auf einmal so laut und dringlich an, dass ich es nur einlassen konnte. Dann war es da, einfach so und plötzlich. Es war in meinem Herzen und er war bei mir.

Das Rot fühlte sich wunderbar an. Es verzauberte alles und hüllte es in einen rötlichen Schimmer ein. Die Welt um mich herum wurde sanfter, schöner, fühlte sich besser an.

Doch irgendwann verblasste sein Rot. Es wurde weggemacht.

Das Alte kam wieder zum Vorschein.

Sie kam wieder zum Vorschein.

Sie war eine Farbe lang in den Schatten gestellt worden.

Die Zeit, während der Kraft der Faszination der anderen Farbe, war sie nicht so wichtig gewesen.  Als die Farbe aber verblasste, verlor alles an Kraft, an Faszination. Eine andere Farbe wurde stärker. Sie erstickte das Rot.
Ihre Farbe wurde stärker und erstickte mein Rot.

Sie liess alles wieder zum Alten werden.

Ihre Farbe und sie.

So dauerte alles für mich eine Farbe lang.

Eine wunderbare Farbe lang.