Gesellschaft | 21.01.2008

„Atheismus ist eine Moral“

Text von Rosa Stucki
Der Englänger Nick Dingwall beschäftigt sich schon sehr lange mit Atheismus, obwohl seine Ablehnung der Religion nicht mehr so stark ist wie früher. Tink.ch sprach mit ihm über Moral, das Universum und vor allem natürlich die Religion.
Eines von vielen Zeichen des Atheismus. Fotos: Rosa Stucki Nick Dingwall, 22, schloss im Mai sein Mathematikstudium an der University of York ab.

Atheismus steht für die Abwesenheit des Glaubens an göttliche Wesen. Der Begriff „Atheismus“ geht auf das altgriechische Adjektiv „atheos“ zurück, wörtlich „ungöttlich, gottlos“.

Wie würdest du deinen Glauben definieren?
(lacht) Rational gesagt bin ich ein Atheist, das heisst, ich glaube an nichts Übermenschliches. Ich glaube, dass alles was wir sehen, alles was wir erleben, natürlich erklärt werden kann. Grundsätzlich also durch die Naturwissenschaft.

Glaubst du, wenn wir alle Atheisten wären, wäre die Welt eine bessere?
Nein, das denke ich nicht. Die Tatsache, dass jede Kultur eine Art Religion hat, zeigt, dass sie brauchbar ist. Ohne sie könnte die Gesellschaft nicht funktionieren.

Die Evolutionstheorie erklärt und beschreibt die Entstehung der Arten auf der Erde als das Ergebnis von Evolution. Wie erklärst du aber, woher Gefühle wie Liebe, Hass, etc. kommen?

Ich glaube alles in der Evolution kommt von Mutationen und ich sehe keinen Grund, warum Gefühle nicht auch davon herrühren können.
Liebe ist sehr wertvoll, damit Paare für eine lange Zeit zusammenbleiben. Es kann auch nützlich in der Erziehung des Kindes sein. Die Hauptidee der Evolution ist zwar das übertragen der Gene von Generation zu Generation, aber wenn die nächste Generation deine Gene nicht weitergibt sterben deine Gene aus. Also musst du nicht nur deine Gene weitergeben, sondern auch sicherstellen, dass die nächste Generation fähig ist ihre Gene weiterzugeben. So brauchst du die Unterstützung einer Familie, denn bei Menschen dauert es sehr lange, bis ein Baby alleine auskommt. Man braucht also eine dauerhafte, stabile Familienstruktur, in der das Kind zu einem funktionstüchtigen Erwachsenen anwachsen kann, das ihre Gene weitergibt. Und so ist Liebe eine gute Art, diese Familienstruktur sicherzustellen.
Emotionen wie Hass oder Angst sind einfach komplexere Gefühle. Da unsere Gehirne sich weiterentwickeln sind wir imstande komplexere Gefühle zu haben, die normalerweise auch einen evolutionären Nutzen haben.

Religion argumentiert, dass alles was passiert, eine Ursache haben muss. Also muss das Universum auch eine Ursache haben. Diese Ursache muss Gott gewesen sein. Da das Universum existiert, muss Gott existieren um es geschaffen zu haben. (Quelle: bbc.com)
Warum glaubst du nicht, dass Gott das Universum geschaffen hat?
Dieses Argument hat einen fundamentalen Fehler, denn warum sollte Gott keine Ursache haben? Religion definiert Gott ohne Benötigung einer Ursache, aber ich sehe keinen Grund warum das Universum nicht auch so definiert werden kann. Wenn man schon etwas definieren muss, dann sollte man eher etwas definieren, dessen Existenz bewiesen ist als etwas dessen Existenz nicht sicher ist. Heute wissen wir nur, dass alles im Universum eine Ursache hat. Wir haben nie etwas ausserhalb des Universums erlebt, also wissen wir nicht, wie das Universum als Ganzes funktioniert. Es gibt also keinen Grund warum wir die Eigenschaften, die die Religion Gott zuteilt, nicht auch dem Universum zuteilen können.

Religion und Atheismus sind beide nicht 100-prozentig bewiesen. Warum ist also Atheismus der „richtige Weg“ und nicht Religion?
In der Naturwissenschaft erprobt man verschiedene Hypothesen um eine Lösung zu finden. „Hier ist der Beweis. Was ist die logischste Erklärung dafür?“. In der Religion hingegen sagen sie: „Hier ist unser Endergebnis. Welche Beweise können wir finden um es zu belegen?“ Und alles, das dieses Endergebnis nicht belegt, ist falsch.
In Amerika glaubt ein erschreckend grosser Teil der Bevölkerung nicht an die Evolutionstheorie, einfach weil diese gegen ihre Glaubenslehre geht, dass Gott das Universum geschaffen hat. Ich finde, wenn man all die überwältigenden Beweise ignoriert, nur weil man an dieser einen Idee festhält und alles versucht da reinzupacken, ist das ein sehr dummer Weg vorzugehen.

Moralische Grundsätze wie „du darfst nicht töten“ kommen von den religiösen Schriften, wie die Bibel oder der Koran. Atheisten haben aber keine solche Vorschriften. Haben Atheisten keine Moral?
Doch. Also, Atheismus ist eine Moral. Es ist weder moralisch noch unmoralisch, denn Atheismus ist einfach eine Aussage, dass Gott nicht existiert. Ich glaube Leute, die sich als Atheisten definieren, sind generell Leute, die etwas mehr über die Sache nachgedacht haben. Das sind normalerweise auch dieselben Leute, die über ihre Moral nachgedacht haben. Deshalb würde ich sagen, dass die meisten Atheisten moralische Menschen sind.

Richard Dawkins, ein bekannter Atheist, sagt, dass Religion alles vergiftet.
Daher kann sie also für nichts Gutes verantwortlich sein. Allerdings gibt sie Menschen Hoffnung, Perspektive und einen Grund zum leben. Sie bringt Kultur und schafft soziale Konstruktionen. Du hast schon vorher gesagt, dass Religion auch nützlich sein kann. Was ist aber deine Begründung für diese Aussage?

Es gibt schon einige negative Sachen, die mit religiösen Hintergedanken gemacht werden. In Amerika zum Beispiel ist die Regierung gegen die Stammzellenforschung, welche wahrscheinlich der wichtigste Fortschritt in der Medizin überhaupt ist. Stammzellenforschung könnte einen Weg zur Heilung von verschiedenen Krankheiten sein, wie zum Beispiel die Parkinsonkrankheit. Aber die amerikanische Regierung findet, dass ein kleiner Haufen von Zellen, die in einer Schüssel existieren können, wichtigere moralische Bedeutung haben als all die Menschen, die an diesen schrecklichen Krankheiten sterben werden.
Ein anderes Beispiel ist eine bestimmte sexuell übertragbare Krankheit, die Gebärmutterhalskrebs auslösen kann. Anscheinend die am weitesten verbreitete Geschlechtskrankheit in Amerika. Vor kurzem wurde ein Test durchgeführt, bei dem man einen neu entdeckten Impfstoff tausenden von Frauen verabreichte und jede einzelne wurde danach immun dagegen. Dennoch verbietet die amerikanische Regierung diese Impfung, da es Sex vor der Ehe ermutigen könnte. Ich finde wenn man Gebärmutterhalskrebs als Argument gegen vorehelichen Sex braucht, ist das eine sehr komische Art der Moral.  Mit diesen Sachen habe ich ein Problem, nicht mit Religion an sich. Ich bin zwar anderer Meinung, aber ich habe kein Problem mit Menschen, die an Gott glauben. Wenn aber Religion den Menschenrechten, dem Genuss des Lebens und den Lebenschancen für „lebendige“ Menschen in den Weg kommt, dann ist es ein Problem.