Die Kirche als Kulisse

Es gibt Lieder, die jagen einem auch beim zigsten Hören noch verlässlich einen Schauerregen über den Rücken. “The Blower’s Daughter” von Damien Rice ist so ein Lied. Auf seinem eben erschienen Album “Live From The Union Chapel” klingt das Stück des 34-jährigen Iren so, als würde er es zum ersten Mal singen. Das ist vielleicht nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt: Damien Rice stand zu diesem Zeitpunkt erst ganz am Anfang seiner mittlerweile grossen Karriere.

Ein Weihnachtslied zum Schluss
Das Album ist ein Mitschnitt eines Konzerts, das der Singer/Songwriter vor einigen Jahren in der Union Chapel in London gab, wo vor ihm auch schon Björk, Goldfrapp und Beck aufgetreten sind. Spektakulär an diesem Ort ist nicht nur die Akustik, sondern auch die Architektur: Das Gotteshaus ist seit Jahren ein sicherer Wert in der Londoner Konzertlandschaft.

Rice füllt den Raum mit seiner brüchigen hohen Stimme. Vier der insgesamt acht Stücke stammen dabei von seinem Debüt “O”, beim Rest handelt es sich um unveröffentlichtes Material, das jedoch keineswegs enttäuscht. Rice beginnt das Konzert in der gleichen Reihenfolge wie sein Album: Mit “Delicate” gefolgt von “The Blower’s Daugther”. Dass diese hier noch besser zur Geltung kommen als auf “O”, mag einerseits an den live gespielten Instrumenten liegen, sicher aber auch an der Präsenz seiner Bühnenpartnerin Lisa Hannigan.Sie ist es denn auch, die das Album beendet: Beruhend auf dem Weihnachtslied gibt sie a cappella ein “Silent night” zum Besten, das Gänsehaut macht. Wie übrigens der Grossteil dieses Albums ebenfalls.

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Damien Rice, "Live At The Union Chapel" ist erschienen bei 14th Floor Records.

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Familien gesucht

Junge Männer und Frauen aus der ganzen Welt suchen immer wieder eine Möglichkeit, fremde Kulturen und Sprachen kennen zu lernen und den Internationalen Austausch mitzuerleben. Die Organisation “AFS” (Die Abkürzung steht für “American Field Service”) hilft ihnen, diese Erfahrung machen zu können.

Was ist AFS?
Die weltweit grösste Jugendaustausch-Organisation “AFS” sucht Gastfamilien in der ganzen Schweiz, die Jugendliche aus der ganzen Welt für elf Monate ein Zuhause bieten. Der Schüleraustausch findet derzeit zwischen etwa 60 Ländern statt, alle Kontinente sind dabei vertreten. AFS ist gemeinnützig anerkannt, dass heisst, es wird ehrenamtlich gearbeitet. Weltweit beschäftigt AFS 100 000 Ehrenamtliche. Ihre Aufgabe ist es, die Teilnehmer sowohl vor, während, als auch nach dem Aufenthalt zu unterstützen. Die Schweiz beherbergt rund 350 ausländische Jugendliche jährlich, welche mit der Hilfe von AFS ein Zuhause finden.

Jede Hilfe zählt
Da die Organisation gemeinnützig arbeitet, ist auch mit dem Aufnehmen eines Austauschschülers nicht unbedingt Geld zu verdienen. Was jedoch zählt, ist das Erlebnis. Jeder kann von fremden Kulturen dazulernen und sein Wissen bereichern.  Die Austauschschüler werden als “Kind auf Zeit” in die Familie integriert, ihnen werden dieselben Rechte und Pflichten wie den restlichen Familienmitgliedern aufgetragen. Um dem Schüler oder der Schülerin den Aufenthalt so erfolgreich wie möglich zu gestallten und um die Gastfamilie nicht allzu sehr zu belasten, betreut auch AFS die Austauschstudenten während dem Aufenthalt intensiv. Wer also zuhause ein Bett zuviel hat, offen für Neues und neugierig ist, kann sich ohne Weiteres bei AFS melden.

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Vierfältigkeit

“Sinestesia” begleitet vier junge Erwachsene in tragischen Phasen ihres Lebens. Die zentrale Figur ist Alan, um ihn herum sind seine Geliebte Michela, seine Frau Françoise und sein treuer Freund Igor. Durch einen unheilvollen Motorradunfall geraten sie in eine verstrickte Geschichte und in ein Auf und Ab der Gefühle.

Das Werk ist in vier Kapitel unterteilt. Jedes wird aus der Sicht einer anderen Person gezeigt und in einem anderen Genre: Komödie, Drama, Thriller und Romanze. Dadurch soll vermittelt werden, wie viele unterschiedliche Facetten das Leben beinhaltet. Untermalt wird der Film mit der einzigartig romantischen, zugleich aber auch beklemmenden Tessiner Umgebung.      

Tessiner Erstlingswerk

Das Erstlingswerk des Tessiner Regisseurs Erik Bernasconi ist durchaus gelungen. “Sinestesia” reisst ab der ersten Minute das Publikum mit und die Spannung hält bis zum Schluss. Trotz zwischenzeitlich humorvollen Szenen wirkt der Film als Ganzes schwer und bedrückend. Somit widerspiegelt der Film zwar die Realität des Lebens, das frische Element jedoch fehlt.

“Sinestesia” überzeugt vor allem mit tiefgründigen Bildern und hervorragender Schauspielkunst, die den Tessiner Charme unverfälscht auf die Leinwand bringen. Die Schweizer Filmgrösse Leonardo Nigro ragt mit der Rolle des verspielten Igors heraus, auch Alessio Boni und Giorgia Wurth glänzen als Alan und Françoise. Melanie Winiger kann dagegen nicht gänzlich überzeugen: Die sonst so gefühlsbetonte Ex-Miss Schweiz wirkt als Geliebte zu künstlich und fehl am Platz.

Adieu Spiessertum

Spritzig, frisch und kunterbunt: das ist die Welt von Pepperminta. Sie erklärt dem grauen Alltag den Krieg und bekämpft ihn mit poppigen und psychedelischen Farben. Die junge Frau ist eine Heldin der etwas anderen Art. Ihre Mission ist es, die Menschen aus ihrem Gefängnis der Ängste und Zwänge zu befreien.

Mit dem chronisch kranken und pummeligen Werven, den sie seiner despotischen Mutter entreisst, und der Tulpenflüsterin Edna begibt sie sich auf eine sonderbare Reise. Das Trio trägt farbenfrohe Uniformen und trinkt zur Stärkung Menstruationsblut aus einem goldenen Kelch.

Mit ihrer Geheimwaffe, die aus unterschiedlichen Farbstreifen besteht, manipulieren sie triste Autoritätspersonen, verhelfen Studenten zu einem Farborgasmus und stellen ein Gourmetrestaurant auf den Kopf.   

Visueller Triumph

Abgefahren, freizügig und hypnotisierend ist der erste Kinofilm von Pipilotti Rist allemal. “So muss es auf einem Drogentrip sein”, meinte eine junge Frau während der Vorführung an den Solothurner Filmtagen. Sie hatte nicht ganz Unrecht. Das Feuerwerk der Farben, die massenhaften visuellen Eindrücke und der wilde Soundteppich können die Sinne vernebeln.

Mit der naiven, kindlichen und zum Brüllen komischen Story gelingt es der Künstlerin durchaus auch ein Publikum ausserhalb der Kunstszene zu gewinnen. Gewisse Elemente aus der konventionellen Filmwelt sind vorhanden, so liefern sich die Protagonisten eine Verfolgungsjagd mit der Polizei und eine halbwegs normale Liebesgeschichte ist ebenfalls integriert. Gegen den Schluss hin jedoch wird die Geschichte monoton und vorhersehbar.  

Wiederholt geht die Regisseurin auf den weiblichen Körper ein und auch die für Pipilotti Rist typischen Nahaufnahmen von Poren, Nippeln und anderen Körperteilen fehlen nicht. Der Film trumpft vor allem auf visueller Ebene auf. Künstlerisch ist er ein wahres Meisterwerk, gewöhnungsbedürftig und unvergesslich.

Hintergrund


Pipilotti Rist ist die bekannteste zeitgenössische Schweizer Künstlerin. Die Videoarbeiten und Installationen der St. Gallerin sprechen weltweit ein breites Publikum an. Mit dem Film "Pepperminta" hat sie mehrere internationale Preise gewonnen.

Eine Farbe lang

Es begann alles mit dieser einen Farbe, die ich so nicht leiden kann …

Es begann alles zu ihrer Zeit …

Plötzlich sah ich dieses Rot und es gefiel mir. Ein bisschen durchgeknallt fand ich das Ganze schon, aber es gefiel mir trotzdem. Eigentlich schon seltsam, das alles. Rot war für mich immer nur kitschig, unecht und die Farbe einer Liebe, die ich sowieso nie spüren werde … Dachte ich zumindest. Doch wie es scheint, lag ich damit völlig falsch …

Aber nun einmal von Anfang an.

Eines Tages kam er mit roten Haaren in die Schule. Von diesem Moment an änderte ich ganz unbewusst meine Meinung über ihn. Vorher war er für mich einfach nur nett und kindisch. Aber jetzt war er für mich nett und durchgeknallt.

Irgendwie war diese Erkenntnis der Anlass für mich gewesen, mehr auf ihn zu achten. Mit der Zeit sprachen wir immer öfter miteinander und waren auch immer in der Nähe des jeweils anderen anzutreffen.

Nach einer Weile nahm das kräftige Rot ab und wurde sanfter, auf eine Art natürlicher. Und mit dem Rot veränderte auch er sich für mich. Ich begann ihm nach und nach zu vertrauen, seine Nähe ganz bewusst zu suchen.

Dann kamen die Tage, an denen wir von der Klasse aus an irgendwelchen Theatertagen helfen mussten. Theater, noch mehr Rot, kitschiges Rot.

Wie es das Schicksal wollte, waren wir zur gleichen Zeit eingeteilt.

Das feine Rot, das sich unbemerkt vor die Türe meines Herzens geschlichen hatte, klopfte auf einmal so laut und dringlich an, dass ich es nur einlassen konnte. Dann war es da, einfach so und plötzlich. Es war in meinem Herzen und er war bei mir.

Das Rot fühlte sich wunderbar an. Es verzauberte alles und hüllte es in einen rötlichen Schimmer ein. Die Welt um mich herum wurde sanfter, schöner, fühlte sich besser an.

Doch irgendwann verblasste sein Rot. Es wurde weggemacht.

Das Alte kam wieder zum Vorschein.

Sie kam wieder zum Vorschein.

Sie war eine Farbe lang in den Schatten gestellt worden.

Die Zeit, während der Kraft der Faszination der anderen Farbe, war sie nicht so wichtig gewesen.  Als die Farbe aber verblasste, verlor alles an Kraft, an Faszination. Eine andere Farbe wurde stärker. Sie erstickte das Rot.
Ihre Farbe wurde stärker und erstickte mein Rot.

Sie liess alles wieder zum Alten werden.

Ihre Farbe und sie.

So dauerte alles für mich eine Farbe lang.

Eine wunderbare Farbe lang.

“Indie sein bedeutet, keine Minibar zu haben”

Nun, wie lautet das Motto der Parisians? Die Legende besagt, dass ihr euch nach einem Libertines Konzert zusammengetan habt.

Stevan: Weniger arbeiten um mehr zu trinken! (lacht) Eigentlich hatten sich die Libertines in Paris getroffen um ihr erstes Album aufzunehmen und da hatten wir das Glück, sie und gleichzeitig einander kennenzulernen. Also die alte Besatzung. Das heisst Xavier und ich, der Rest kam später dazu.

Eure Musik ist sehr Gitarrenlastig fast ein wenig “Back to the roots”. Was denkt ihr von der heutigen Musikszene und insbesondere der heutigen Rockszene?

Clement: Ausser uns sind alle nur Schrott.

Xavier: Wenn du von der heutigen Rockszene sprichst, wen hast du da im Sinn? Tokio Hotel? Oder was?

Nico: Ich glaube sie meint vor allem englischen und amerikanischen Indierock.

RS: Tokio Hotel machen doch keinen Rock.

Stevan: Stimmt, sie stehen über all dem! Nein, also ich würde sagen die Szene ist interessant.

Was denkt ihr eigentlich von Nu Rave?

Stevan: Es ist cool.

Clement: Er macht mir Augenschmerzen.

Wie erklärt ihr euch euren Erfolg?

Stevan: Wir hatten einfach das Glück, dass wir in dem Augenblick angefangen haben, wo man in Paris auf neue Bands wartete. Bands die gleiche Attitüden haben wie englische Bands. Das war perfekt. Dann kamen noch Myspace und all die Sachen. Die jungen Leute heute müssen nicht mehr CDs kaufen die viel zu teuer sind sondern können schnell neue Bands kennen lernen. Ich weiss nicht ob, sie englischen oder französischen Rock hören wollen, ich vermute sie mögen beides. Businessmässig funktioniert Französisch besser. Rock auf Englisch zieht in Frankreich noch nicht so, die Leute verstehen es einfach nicht.

Eben, ihr singt ja auf Englisch. Wolltet ihr nicht lieber auf Französisch singen um grössere Aufmerksamkeit zu erlangen? Oder schreibt das die Musik vor?

Stevan: Ich mag es einfach nicht, auf Französisch zu singen. Es interessiert mich nicht. In Amerika und England siehst du diese Bands die Text und Musik auf dem gleichen Level stellen. Das ist für sie normal. Es ist einfach ein natürlicher Stil. Sobald du aber etwas auf Französisch singst, steht der Text vor der Musik. Wenn du ein Album aufnimmst wird die Stimme so stark nach vorne gemixt dass die Melodie nur noch im Hintergrund ist und richtig uninteressant wirkt. Das alles nur damit man versteht was sie sagen. In England ist es ihnen vollkommen egal ob Leute den Text verstehen, solange sie die Musik mögen. In Frankreich ist es sehr wichtig, was du singst, was du damit sagen willst. Das spürst du vor allem auf der Bühne. Ich könnte nie auf Französisch vor einem Publikum singen, ich wäre einfach anders.

Xavier: Es ist halt auch poetischer, irgendwie.

Stevan: Naja, poetischer. Zum Teil kann es auch schnell billig wirken. So gezwungen poetisch. Es gibt Leute die denken sie seien Poeten und schreiben Songs wie “Un jour en France” oder so. Irgendwo muss man aufhören können. Diese Seite “Wir werden die Welt retten” ist einfach ein bisschen zu viel.

Clement: Das werden wir auch tun.

Ihr gebt gerne zu, dass ihr “Indie” seid, obwohl auch dieser Musikstil mittlerweile ziemlich kommerzialisiert wird. Was bedeutet es für euch, “Indie” zu sein?

Clement: Das heisst ganz einfach, dass du keinen Swimmingpool hast.

Nico: Keine Minibar

Clement: Keinen Whirlpool, keine Prostituierten, kein Koks.

Anfangs war es ja eine Philosophie. Jetzt mutiert es langsam zum Genre.

Stevan: Ich denke wenn du sagst du bist Indie dann heisst das du bist generell “Indie” weil du keine anderen Möglichkeiten hast. In Frankreich zumindest. Ich weiss nicht wie es in England und Amerika läuft, ob die da eine gewisse Wahl haben. Meiner Meinung nach würden wenige Bands bei einem kleinen Label bleiben wenn sie die Chance haben zu einem Major zu wechseln. Wir haben im Moment einfach keine andere Wahl. Gleichzeitig ist das auch interessanter. Du hast wenig Geld und du musst alles selber basteln.

Clement: Es ist viel persönlicher.

In dem Fall würdet ihr zu einem Major Label wechseln wenn ihr es könntet? Das Label Rough Trade war ja mal interessiert.

Stevan: Ja, das ist schon eine Weile her. Ein Freund hatte das im Sinn. Das Problem ist; wenn du in England unterschreibst musst du auch in England wohnen. Wir könnten nicht einfach so jede Woche nach England fliegen. Darum war es für uns nicht möglich. Dort hätte es wahrscheinlich eh nur geklappt wenn wir jede Woche Konzerte gemacht hätten und die Leute an unsere Gigs kommen würden. Ich finde, es war wichtig, unsere Band in Frankreich zu starten und auf diese Weise etwas Neues in unsere Einheimische Musikbranche zu bringen. Die Leute können dann sagen sie hätten etwas Cooles gesehen, was nicht zuvor im Fernsehen angekündigt wurde.

Das heisst zurzeit tourt ihr nur?

Stevan: Wir haben einen Gitarristen kennen gelernt der auch unser erstes Demo aufgenommen hat. Er hilft uns jetzt viel und wir werden bald mit ihm eine B-Side aufnehmen die wir zuerst nur auf iTunes und sonst im Internet veröffentlichen werden. So können wir uns langsam entwickeln und Verschiedenes ausprobieren. Momentan sind aber nicht nur wir in einer Entwicklungsphase sondern auch unser Label.

Gibt es irgendwelche Bands, bei denen ihr nicht versteht warum sie so viel Erfolg haben?

Clement: Verraten wir Namen?

Stevan: Es gibt für jede Musik ein Publikum.

Clement: Gleichzeitig fressen die Leute alles, was ihnen von den grossen Plattenfirmen vorgekaut wird.

Stevan: Ja gut. Aber weißt du, manchmal gibt es Sachen die du im Fernsehen siehst und denkst es sei eigentlich ziemlich Scheisse und dann hörst du es 10 mal pro Tag am Radio und irgendwann magst du es einfach. Es fliesst in dein Gehirn hinein. So arbeiten sie, das ist Marketing.

Xavier: In Frankreich sind die Leute nicht sehr neugierig. Wenn du ihnen was gibst, werfen sie sich drauf aber sie werden nicht nach anderen, ähnlichen Bands suchen.

Stevan: Sehr viele Leute sind daran gewöhnt, Musik nur im Fernsehen und im Radio zu hören. Wir bekommen alles serviert und denken gar nicht daran, dass es noch etwas anderes geben könnte. Zum Glück gibt es heute immer mehr junge Leute die ein wenig interessierter sind. Mit Myspace und anderen Internetseiten kannst du dir eine Band anhören und wenn sie dir gefällt dann siehst du welche anderen Musiker diese Band beeinflusst hat und lernst nochmals neue Bands kennen. Solche die du dir früher nie angehört hättest. Die heutigen Jugendlichen sind dazu bereit, alles Mögliche zu hören.

Aber die Indieszene wird doch auch in Frankreich immer grösser. Letztes Jahr kam ja das Album “Paris Calling” raus wo unter anderen ihr, Les Naast und Plasticine drauf vertreten seid.

Stevan: Ja schon. Doch meiner Meinung nach gab es den echten “Indie-move” in Frankreich nur in den 80ern. Heutzutage ein kleines Label zu gründen ist fast unmöglich. Niemand hat weder die Zeit noch das Geld dafür.

Xavier: Und das mit Naast und Plasticine ist ziemlich einfach. Bei ihnen geht es nur um den Trend. Du nimmst ein paar hübsche Kerle (les Naast) und ein paar hübsche Mädels (Plasticine) und schon hast du eine perfekte Compilation.

Stevan: Ich unterscheide hier zwischen Bands die auf Französisch singen und solchen die es nicht tun. Jene die es machen, haben sich sicher auch dabei gedacht dass es einfacher sei um aufzufallen. Bei den ersteren habe ich den Eindruck, dass sie nur auf Französisch singen, weil sie denken, dass sie sonst nie Erfolg haben. Deswegen singen sie in ihrer Muttersprache. Die Typen wollen eine Band gründen und direkt das Olympia füllen ohne die kleinen Konzerte. Sie haben es lieber wenn man in Magazinen über sie schreibt und ihr Clip auf MTV läuft. Sie haben eine Rockstar Attitüde wenn sie Leute treffen. Das ist normal, in Frankreich gab es nie eine echte Rockszene. Sie wissen nicht was es heisst, zwei Jahre lang einfach nur zu touren bis man dich irgendwo mal auf deine Musik anspricht. Das ist schade.

Aber eben, mit ein bisschen Glück wird sich das bald ändern. Und so oder so, die wichtigsten Bands sind jene die nie Erfolg hatten!

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Gesichter des Todes

Neben afrikanischen Skulpturen kann man in der Berner Galerie Duflon und Racz zurzeit und noch bis am 15. März sehr düstere Bilder betrachten. In zwei Räumen stellt der 1970 in Vevey geborene Jérome “Jerry” Haenggli seine Kunst aus. In der Ausstellung trifft ältere afrikanische Kunst auf zeitgenössische Malerei, wobei es auf den ersten Blick schwierig sein kann, zwischen den kunstvollen Masken und Waffen aus Afrika und Haengglis Bildern eine Verbindung zu sehen. Trotzdem: Ein interessantes Konzept.

Morbide Grundstimmung

Die Bilder von Haenggli haben einen collageartigen Charakter und erscheinen zunächst sehr wirr und chaotisch. Zu sehen sind Arme, Beine, Köpfe – aber selten Gesichter. Die Menschen, wenn es denn welche sind, erscheinen verzerrt und gequält. Farblich bewegt sich der Künstler zwischen Schwarz und weiss, nur vereinzelt sieht man auch Rottöne. Die zum Teil wandfüllenden Werke verbreiten eine morbide Stimmung und wirken geradezu depressiv. Auf den ersten Blick wird sich einem dieses Werk kaum erschliessen, da viele Figuren und Situationen nur angedeutet sind.

Haengglis Malereien erinnern an Gewaltfantasieren, wobei man natürlich auch viel Anderes hineininterpretieren kann. Abgründig wirkt diese Kunst auf jeden Fall, doch gerade darin liegt für einige Besucherinnen und Besucher ja vielleicht der Reiz.

Der 37-jährige Haenggli lebt zurzeit in Biel, wo er neben dem Malen als DJ auflegt und in der Szenebar “Pooc” hinter dem Tresen steht. Eine Kunstakademie besuchte der Autodidakt nie. Wer wissen möchte, wie düster seine Leinwandfantasien sind, hat noch bis Mitte März Gelegenheit dazu. Die Galerie befindet sich an der Gerechtikeitsgasse vier in Bern und ist am Donnerstag (14-19h), Freitag (16-19h) und Samstag (12-17h) zu sehen. Dank Jerry Haengglis erfrischendem Ansatz lohnt sich ein Besuch definitiv.

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“Was passiert, wenn du dein Ziel erreichst?”

Die Erwartungen an “2” waren sehr gross. Wie bist du an das Album herangegangen?

Ich musste mich von dieser Erwartungshaltung, die die Leute an mein Album haben, trennen. Dies ging recht lang. Viele Leute aus meinem engen Umfeld haben gesagt: “Entweder machst du das beste Schweizer Rap Album oder du hast versagt”. Ich brauchte ein paar Monate um diese Erwartungshaltung abzulegen. Ich habe keinen Bock auf Musik auf Bestellung, ich muss mich beim Schreiben frei fühlen. Schlussendlich habe ich gemerkt, dass ich selbst die allergrössten Erwartungen an mich habe, nicht die Anderen. Ich musste mir selber klar darüber werden, was ich machen will und habe ganze Bücher mit Konzepten vollgeschrieben. Als ich dann noch knapp zwei Monate Zeit für die Fertigstellung des Albums hatte, habe ich diese Bücher zur Seite gelegt und begann mit der Arbeit. In diesen knapp zwei Monaten habe ich alle 15 Lieder auf Deutsch und Französisch gemacht. Ich nahm danach wieder die Konzept Bücher zur Hand und darin stand: mach doch eine Version auf Deutsch und Französisch. Mach ein Lied, das aufzeichnet wie wichtig es ist, dass jeder das macht, was er macht. Dass jeder einen Ausweg aus der Ohnmacht findet und sein Platz in einem Widerstandskomplex einnimmt wo jeder Einzelne wichtig ist.

Ich stellte also fest, dass ich fast alles was ich mir aufgeschrieben hatte, auch umgesetzt habe. Der Rapper Talib Kwelli sagt irgendwo: “I started to bring words together, put words into phrases and everything just came into place”.

Schlussendlich setzt sich alles zusammen. Alles was du machen kannst, ist so hart wie möglich darn bleiben. Alles geben, versuchen besser zu sein als die anderen, versuchen mehr zu arbeiten als die anderen.

Die Berner Zeitung hat dein Album als zu kitschig kritisiert…

(unterbricht) War das Adrian Schräder?

Das weiss ich nicht mehr.

Ich bin ziemlich sicher, dass es Adrian Schräder war. Er schrieb, dass mein Song “Nobody Move” eine Grime-Hommage ist und nicht funktioniert. Ganz unter uns: Wenn ich den Geschmack dieses Journalisten nicht getroffen habe, dann bricht es mir das Herz.

Hast du denn selbst nicht das Gefühl, dass du weniger radikaler bist als früher?

Nein. “2” ist aus meiner Sicht zugänglicher, gerade weil es radikaler ist, als alles, was ich bisher gemacht habe. Wenn ich die Aussagen von Liedern wie “Teil vo dr Lösig”, “nur ei Tropfe” oder der Ferdinand-Saga in Stücken wie “Global” oder “Nobody Move” machen würde, dann würde ich nur meine Jungs damit ereichen, die sowieso schon Bescheid wissen. Dieses Album ist als Propaganda zu verstehen.

Du bist also radikaler als früher auch wenn weniger Richter beschimpft werden.

Ich musste mich zusammennehmen, um nicht mehr in jedem Lied zehnmal “Fick den Richter” zu sagen. Auf “2” hörst du es nur einmal: “Der Richter ist gefickt und die Geschichte gibt mir recht”. Ich sehe “2” als Infiltration: Die politischen Inhalte sind auf diesem Album subtiler, also zugänglicher. Wenn es nach mir gehen würde, dann hätte dieses Album ein noch breiteres Publikum gefunden und dann könnte ich das nächste Mal wieder direktere Aussagen machen. Was ich sowieso tun werde.

Inwiefern wird ein Album zugänglicher, wenn die Aussage subtiler ist? Besteht nicht die Gefahr, dass die Aussage einfach überhört wird?

Die Musik ist zugänglicher. Und subtiler ist es, weil ich nicht zum Sozialismus aufrufe oder zu einer Revolution. Ich verpacke meine Botschaften in eine Geschichte die in den 30er Jahren spielt. Ich sage nicht “Fick die PNOS, das sind Faschos” oder “Fick die SVP, sie sind nicht viel besser als die PNOS”. Diese Messages sind schon verbreitet worden. Ich versuche mehr zu erklären warum das alles passiert und was unsere Rolle dabei ist. Wir wissen ja wer die Bösen sind, aber was sind unsere Vorschläge?

Im Booklet von “2” ist ein Gemälde des Schweizer Malers Ferdinand Hodler abgebildet. Spielst du damit auf den Hodler-Sammler Christoph Blocher an?

Ich habe mir einen Spass daraus gemacht, die Figur aus Blochers Lieblingsbild zu einem sozialistischen Freiheitskämpfer zu machen. Der Holzfäller von Hodler heisst bei mir in einem Lied Berti und wird von den Fröntlern umgebracht, die sich Erneuerungsbewegung genannt haben, genauso wie die PNOS sich heute Erneuerungsbewegung nennt.

Im Track “Fänschter” thematisierst du die dunkle Seite des Erfolges, jedenfalls habe ich das so verstanden. Was bedeutet dieses Lied für dich?

Bei “Fänschter” war es so, dass ich zuerst einen Beat hatte, der mir dann eine Geschichte diktiert hat. Es war wie ein musikalischer Film von einem Typen, der sich im Fenster selber sieht und sich gleichzeitig in diesem kleinen Jungen sieht. Um deine Frage direkt zu beantworten: Es ist ein Grundzug des Kapitalismus, dass du immer Wachstum generieren musst. Sei es in Bezug auf Geld, Erfolg, Rappen oder Stricken. Du musst immer besser werden und immer mehr machen. Aber was passiert, wenn du dein Ziel erreichst? Kommt dann das nächste Ziel? Was passiert, wenn du die geilste Plattentaufe im Dachstock hast? Was passiert, wenn Kanye West seinen hundertsten Grammy bekommt? Irgendwann ist er in seinem Hotelzimmer und was hat er davon? Einen feuchten Dreck. All dieses Zeug ist im Endeffekt nichts wert. Was zählt ist dein innerster Kreis. Deine Freunde, deine Liebe und deine Familie. Dein Kampf und deine Ideale. All der Erfolg und der Ruhm sind am Abend, wenn du deine Zähne putzt, weg.

Im Vergleich zu “Eis” ist das neue Album um einiges ernster und tiefgründiger. Wie kam diese Entwicklung?

Der Hauptunterschied ist wahrscheinlich, dass ich “Eis” im totalen Grössenwahn geschrieben habe und “2” im totalen Selbstzweifel. Wenn ich “2” jetzt höre, dann ist es für mich symbolisch der Ausweg aus der Ohnmacht und der Angst. Seitdem ich das Album geschrieben und aufgenommen habe und alles fertig ist, bin ich auf einem extremen Hoch. Es ist mir noch nie so gut gegangen wie jetzt. Meine Alben sind immer ein Spiegel, wie ich mich in dieser Zeit gefühlt habe. Vielleicht war ich in dieser Zeit ernster.

Auf dem Track “Lärm der Welt” sagst du, dass es jedem selbst überlassen ist, wie viel Verantwortung er tragen will. Wie meinst du das?

Damit meine ich, dass die Entscheidung, nicht mehr zu McDonalds zu gehen, bei mir liegt. Nur ich selbst kann mein Konsumverhalten ändern. Wenn mein bester Freund anderer Meinung ist und auf seinen Cheeseburger nicht verzichten will, habe nicht das Recht zu sagen: “Du bist ein Arsch und solltest eigentlich dasselbe tun wie ich.” Wenn ich für etwas einstehe, ist es konstruktiver, wenn ich mit gutem Beispiel vorangehe, statt anderen zu sagen, was sie tun sollten.

Welches sind für dich die wichtigsten Alben dieses Jahres ausserhalb der Hip-Hop-Szene? 

Geile Frage. Charlotte Gainsbourg, “05.55”. Das Album wurde produziert von Air und geschrieben von Jarvis Cocker (Frontmann von Pulp). (überlegt) Fuck, jetzt kommt mir wieder nichts in den Sinn. Kannst du mir eine Minute Zeit geben?

Klar.

Das Stephan Eicher-Album (“Eldorado”) fand ich extrem geil, es klingt so leichtfüssig. Die Musik die mir am besten gefällt, klingt so, als hätte der Musiker sie einfach aus dem Ärmel geschüttelt. Mein Sound klingt nicht unbedingt so, aber daran arbeite ich. Tommy Vercetti und Manillio sind in dieser Hinsicht schon viel weiter.

Im Intro von “Eis” sagtest du noch: “Journalisten, es ist mir egal, wenn ihr schreibt, dass meine Songs der Hammer sind, wen ihr sie hören wollt, geht in den Laden, wie alle anderen auch”. Hat sich an dieser Einstellung etwas geändert? Wie wichtig ist dir die Resonanz der Presse heute?

Es hat sich schon etwas geändert. Ich habe in den letzten vier Jahren zu oft zugesehen, wie Jungs von mir fantastische Alben gemacht haben, aber nichts für die Promo getan haben. Das Ergebnis war, dass sie nur 500 Stück verkauften, statt den 5000, die das Album wert war. Das hat mir die Augen geöffnet. Bei den Amis ist Business ein hundertprozentiger Bestandteil von Rap. Wir hier, die nicht so auf die Kohle angewiesen sind, können uns den Luxus erlauben, den Künstler rauszuhängen und zu sagen “Mir ist egal wie gut sich meine Musik verkauft”. Mir persönlich ist es aber verdammt noch mal nicht egal, wie viel ich verkaufe. Ich lebe schliesslich von den CDs die ich verkaufe. Es kam in den letzten zwei Jahren zu oft vor, dass ich zwei Monate lang nur Reis und Cracker gegessen habe. Ich bin 29 und habe auf so was kein Bock mehr. Wenn ich mal eine Familie habe, was soll ich denen erzählen? “Ich mache Rap, geht zu den Nachbarn essen?” Darum gebe ich bei der Musik hundert Prozent und bei der Promo ebenfalls. Der Zucker obendrauf sind die Konzerte. Früher gingen mir viele Journalisten auf den Sack. Heute je nach dem auch, aber ich mache trotzdem Werbung. Was mich früher genervt hat, ist, dass jeder Journalist eine CD bekommt. Ich bekomme für meine Freunde fünf CDs und das Label verteilt 200 an Journalisten. Dieses Mal bekam ich 15 CDs und alles ist easy.

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Bühne für Junge

Jeden dritten Dienstag begeistert sich das Publikum im Zürcher Theater Maiers an einer besonderen Form von Poesie: “Poetry Slam am Dienstag” heisst die Veranstaltung, die vorwiegend zur Förderung der Nachwuchsszene durchgeführt wird. Durch den Abend führt der Zürcher Slam Poet Philipp Reichling.

Bühne für Neueinsteiger
Zürich verfügt mit “Poetry Slam im Schiffbau” über eine der etabliertesten Poetry Slam Bühnen Europas. “Poetry Slam am Dienstag“ ist bewusst kleiner gehalten und bietet somit auch weniger renomierten und vor allem jungen Wortakrobaten die Möglichkeit ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Neben Neueinsteigern und Grünschnäbeln sind auch junge Slammerinnen und Slammer des Jugendprojekts “u20 Poetry Slam” auf der Bühne zu sehen. Als Dessert locken die Veranstalter mit einem “best of” eines versierten Slammers aus der Szene. Der Beginn des “Poetry Slam am Diesntag” ist um 19 Uhr 30 an der Albisriedstrasse 16.

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