Kultur | 10.12.2007

Ukrainischer Intellekt auf die wilde Art

Text von Sandro La Marca
Der Bassspieler von Gogol Bordello, eine der wildesten Gypsy-Punk Bands von New York, sprach mit Tink.ch über Wurzeln und das Weltbürgertum.
Frontmann Eugene Hütz (links) und Thomas Gobena beim Auftritt der Band in Zürich. Fotos: Sandro La Marca Geigen dürfen bei Gypsy-Punk natürlich nicht fehlen. Sein Schnauz ist sein Markenzeichen: Eugene Hütz "Tomy" Gobena beim Interview mit Tink.ch

Am Anfang gab es bei der New Yorker Punkband Gogol Bordello keinen Basspieler. Über einen Freund, der den Tontechniker der Band kannte, fand Thomas Gobena, oder einfach Tomy T, schliesslich vor etwas über einem Jahr den Weg in die Besetzung. Im Interview mit Tink.ch wirkt der Musiker bereits fest verwachsen mit der bunten Truppe, angesteckt von ihrer Musik, die keine kulturellen und stilistischen Grenzen akzeptiert. Auf die Frage hin, wie er als Neuzugang die Band erlebt habe, beginnt er denn auch, von der Innovation und Originalität ihrer Musik zu schwärmen. Es sei schwierig gute Musiker zu finden, die auch als Menschen gut seien, sagt Tomy. Er kannte zwar die Musik der Roma schon, bevor er Gogol Bordello kennen lernte, doch solch traditionelle Musik in einen solchen Kontext einzubinden, das mache die wahre Originalität ihrer Musik aus. „Gypsy-Musik“, Punk und Reggae verbinden sie zu einer noch nie da gewesenen Mischung. Ihre Philosophie entspricht dem Wirken des ukrainischen Schriftstellers Nicolai Gogol, welcher der Band den Namen gab und, wie Tomy im Interview erklärt, die ukrainische Kunst und Kultur in die Welt hinaus trug.

Die Früchte des Erfolges

Auch auf dem neuen Album „Super Taranta“ seien in jedem einzelnen Stück andere Ideen aus den unterschiedlichsten Kulturen vertreten, erzählt Tomy. Berücksichtige man die Konstellation der Nationalitäten ihrer Mitglieder, könne es gar nicht anders sein. Jeder habe einen anderen Hintergrund und andere Erfahrungen gemacht und dadurch konnte auch jeder einen Teil von sich selbst in der Musik ausleben und offen legen. Durch die Aufstockung der Besetzung auf neun Mitglieder mit Tomy selbst und Pedro aus Äquador sei ihre Musik kosmopolitisch noch vollkommener geworden.

Es für Gogol Bordello sicher eine willkommene Karriere-Hilfe, dass ihre so gefeierte Gypsy-Kultur auch von der internationalen Mode und Presse hochgelobt wird. Umgekehrt war die Band mit ihrer ansteckend unkonventionellen Musik sicher ein Auslöser des Trends. Der Erfolg von Gogol Bordello sei nicht den sonst üblichen Marketing-Kampagnen einer grossen Plattenfirma zu verdanken, denn in ihrem Fall sei es ganz anders gelaufen, und so spricht Tomy von einem „Hardcore Grassroots Movement“ und meint damit wohl, dass ein gutes Konzert vor einem kleinen aber guten Publikum wohl die beste Werbung für die Musik ist. Damit hätten sie sich den nötigen Auftrieb verschafft, der sie so weit nach oben gebracht hat. Dass sie verschiedenste Musikrichtungen miteinbeziehen hilft natürlich dabei, verschiedene musikalische Zielgruppen für sich zu begeistern. Langsam würde ihre Arbeit Früchte tragen, meint Tomy zufrieden.

Musik soll verbinden

Auf die Frage, nach der Zukunft von „Gypsy-Musik“ muss Tomy etwas ausholen. Er hoffe, so sagt er, dass mit zunehmendem  Erfolg auch ein Bewusstsein für die dahinter liegende Kultur entstehe. Er meint die Kultur der Roma, die als Minderheit jahrhundertelang unter gewaltsamer Unterdrückung litt und zum Teil noch heute leidet. Die Musik, so Tomy, sei ein Weg, diese Gypsy-Kultur besser zu verstehen und zu begreifen, wie einflussreich sie tatsächlich ist. Meist würde „Gypsy“ auch heute noch mit etwas Negativem assoziiert werden und das müsse sich ändern. Tomy dazu: „Die Musik hat die Kraft dies zu ändern und Gogol Bordello will ebenfalls seinen Teil dazu beitragen.“

Rock’n’Roll statt Weltmusik

Auf Rockfestivals zu spielen sei etwas ganz besonderes, sagt Tomy. „The way we rock, is not the way you describe Worldmusic.“ Tatsächlich schafft es Gogol Bordello trotz dem Stigma der „Worldmusic“ ihren ganz eigenen Zugang zum Publikum zu finden, ganz egal was es sich sonst gewohnt zu hören gewohnt ist. Leider werde man als Musiker schnell in dieWeltmusik-Sparte abgeschoben, nur weil man eine andere Sprache spricht. Das sei jedoch eine missbräuchliche Art mit Musik umzugehen. Das einzige, was sie zu Weltmusikern mache, sei die Tatsache, dass sie von den verschiedensten Orten und Ländern dieser Welt kommen. Tomy findet es wohltuend, trotz seinem Leben in New York nicht nur an einen einzigen Ort gebunden zu sein. Tomy benutzt dabei die Worte Bob Marleys, der sagte: „I’m a world citizen. Because I was born in Äthiopia you can call me an Äthiopian but if you really ask me, I belong to this world.“