Kultur | 17.12.2007

Revoluzzerhymnen und Synthie-Beats

Text von Moritz Noser
Vier Jahre hat sich Greis Zeit gelassen um sein zweites Soloalbum rauzubringen.Die Erwartungen an das Album, das den simplen Titel "2" trägt, waren enorm. Und sie werden nicht enttäuscht.
Mit bürgerlichem Namen heisst Greis Grégoire Vuilleumier. Fotos: Stefan Jermann Wenn schon ein Attentat, dann eins mit Mikros.

Als Greis einmal gefragt wurde, warum er mit dem Rappen angefangen habe, antworte er: „Mit Rap kriegt man mehr Mädchen, als mit Graffiti.“ Schon hier zeigt sich also Greis‘ Gespür für Ironie und schlagfertige Antworten. Nun hat der Berner Rapper ein zweites Album draussen. Das Werk mit dem simplen Titel „2“ ist der Nachfolger des 2003 erschienenen „Eis“. Auffällig an „2“ ist, dass es sowohl auf Schweizerdeutsch als auch auf Französisch erscheint und zwar als Doppelalbum. Die beiden Scheiben sind bis auf die Sprache nahezu identisch. Der Grossteil von „2“ wurde von Sad und Claud (Sektion Kuchikäschtli) produziert, Doch auch Gert Stauble von Züri West steuerte Instrumentalteile bei. Herausgekommen ist ein extrem vielseitiges Album, das mal besinnlich und melancholisch, und mal aggressiv und clubtauglich klingt. Was man auch als mittelmässig geschultes Ohr sofort heraushört, ist das verhältnismässig wenig gesamplet wurde. Das Team scheute offenbar nicht den zusätzlichen Aufwand und spielte einige Instrumente live ein.

Gewollt widersprüchlich

„Äsche zu Stob“ hiess seine erste EP mit seiner Crew PVP. Greis zeichnete sich schon damals durch Systemkritik, selbstironischer Grössenwahn und eine gewisse Revolutionsromantik aus. Im Jahr 2003 erschien sein Soloalbum „Eis“, welches in der jungen Schweizer Rapgeschichte, bereits als Klassiker gehandelt wird. Greis gab sich wortgewandt, vielseitig, politisch, melancholisch und gewollt widersprüchlich. Politische Texte waren schon immer ein Aushängeschild von Greis. Der Song „Global“ gilt als einer seiner grössten Hits. In die Schublade „Politrapper“ wollte er jedoch nie eingeordnet werden. Die Folge, so denkt er, wäre, dass er nur  noch von Leuten gehört wird, die politisch sowieso gleicher Meinung sind und dies wolle er nicht. 

Optimistisch?

Auf „2“ ist Greis im Vergleich zu früher ein bisschen weniger radiakalpolitisch. Früher hiess es „Das ist eine Massenbewegung, bringt diese Wasserwerfer“, heute rappt er: „Genug kritisiert, jeder weiss wer der Böse ist, ab jetzt werden wir einen Teil der Lösung“. Greis singt (!) selbstbewusst im Refrain; „Ich bin schon fast am Ziel, der einzige Feind der noch bleibt auf dem Weg bin ich selber, es ist nicht so kompliziert, wenn du nicht Angst hast zu verlieren, wird alles viel leichter“. Wie schon auf dem ersten Album präsentiert Greis auch auf „2“ eine auf vier Tracks verteilte Geschichte. Diesmal spielt die Story im Jahr 1926 in Bern und handelt von einem jungen Mann namens Ferdinand. Dieser erlebt nicht nur die Nazizeit mit, sondern schliesst sich danach in Spanien auch dem Widerstandt gegen den faschistischen Diktator Franco an.

Wechselspiel

Auf „Nur 1 Tropfe“ gibt sich Greis nachdenklich. „Ein Tropfen reicht, dass alles überfliesst“, heisst es im Refrain. Das Stück kommt als Mischung zwischen Revoluzzerhymne und Ballade her. Umso grösser ist danach der Gegensatz zum Synthie-Beat von „Nobody Move“, der vor allem auf der Tanzfläche gut funktioniert. Der danach folgende Übergang zum Song „Fänschter“ überrascht erneut. In diesem Stück, das gut als ein Highlight des Albums bezeichnet werden kann, schildert Greis die Schattenseiten des Erfolgs und warnt davor, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen.Unterstützung für sein Album holte sich Greis unter anderem bei Germany, Grandpurismo, Shuriken (Iam), Curse, PVP, Tommy Vercetti und Manillio. Auch diese Liste zeigt die Vielseitigkeit des Künstlers, der auf Verstärkung von den unterschiedlichsten Seiten zählen kann. Alles in allem ist „2“ sicher eines der besten Schweizer Rap-Alben dieses Jahres, auch wenn es nicht ganz an das erste Greis-Album herankommt. Die Vielfältigkeit von „2“ ist eben ein zweischneidiges Schwert: Jedes ist Lied ist beinahe komplett neu und das Album ist fast schon zu vollgepackt mit tiefsinnigen Aussagen. Dass man das Album schwer am Stück durchhören kann, ist aber auch schon der einzige Schwachpunkt.

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