Gesellschaft | 03.12.2007

„Meinst du, ich verkaufe mein Herz?“

Tink.ch traf den blinden Radiomacher Yves Kilchör im Studio von RadioBlindpower in der Blindenschule Zollikofen. Der lebensfreudige und aufgestellte Radiomacher sprach dabei über seine Stimme, das Radio und seine Zukunft.
Yves Kilchör: "Ich sage nicht: Oh wow, meine Stimme ist besonders wertvoll."
Bild: Noah Thoma

Yves, du hast vor zehn Jahren zusammen mit zwei Kollegen Radio Blindpower gegründet und bist noch heute dabei. Hattest du jemals andere Ziele als Radiomoderator zu werden?
Ja, Fernsehmoderator. Doch dann sah ich mich im Spiegel an und gab diesen Traum auf. (lacht) Spass beiseite, als ich ein Kind war, schwankte mein Ziel ständig zwischen Radio und Fernsehen. Doch dann packte mich das Radio und meine Entscheidung stand fest. Die Aussage eines Journalisten, Radio sei cool, da man vieles in den eigenen Händen habe, prägte auch mich. Man ist nicht von einem grossen Team abhängig und kann sein eigenes Ding machen. Lokomotivführer und Postmann gehörten allerdings auch einmal zu meinen Berufswünschen.

Welche Art von Radioausbildung hast du gemacht?

Ich habe bei Klipp und Klang einen Radiojournalismus-Kurs besucht. Der dauerte insgesamt elf Tage plus zusätzlich drei Abende. Insgesamt bist du also etwa drei Monate dabei, wenn du den Kurs absolvieren willst.

Wie lange wirst du persönlich noch bei Radio Blindpower dabei sein, das heisst, wie lange wirst du noch aus dem Schrank senden? (Das Equipment von Radio Blindpower befindet sich in einem Schrank, Anm. d. Red. )
Aus dem Schrank nicht mehr lange. Allerdings nicht wegen mir, sondern weil der Schrank geht. Dabei wäre der doch länger haltbar als ich (lacht). Wie lange ich noch bei Radio Blindpower dabei sein werde, ist eine sehr schwere Frag. Als ich die Blindenschule in Zollikofen beendete, war eigentlich klar, dass ich mich verabschiede, dem Projekt allerdings als Produzent weiter zur Verfügung stehen würde. Ich rückte einen Kreis weiter nach Aussen. In der nächsten Sitzung brachte ich den Vorschlag, mit dem Radio ins Internet zu gehen. Ich erwartete eigentlich, dass mir da ganz klar gesagt wird, dass ich das vergessen soll. Dem war aber nicht so, mein Vorschlag wurde praktisch einstimmig angenommen. In der Folge kam es dann so, dass ich als Geschäftsleiter eingesetzt wurde. Im Moment bin ich also sowohl Geschäftsleiter als auch Präsident. Momentan denke ich nicht an einen Abtritt. Und wer weiss, vielleicht bin ich ja auch nur noch so lange dabei, bis der nächste Krach kommt.
Dann kann es gut sein, dass ich bei der nächsten Vereinsversammlung abgesetzt werde.

Liege ich richtig mit der Annahme, dass du das Projekt gerne an eine jüngere Generation weitergeben würdest?
Wir reden jetzt zu sehr von einem Ausstieg, für mich ist dies im Moment jedoch noch kein grosses Thema. Klar ist: wenn ich hier aussteige, dann nur unter der Bedingung, dass es mit diesem Radio weitergeht. Aber versteht mich nicht falsch, es gibt in unseren Reihen viele Leute, die in der Lage wären, Radio Blindpower weiterzuführen. Manchmal frage ich mich sogar, ob ich noch gut bin für dieses Radio, weil ich durch meine Geschichte auch bremsend auf das Ganze wirken kann.

Was siehst du als den wichtigsten Entwicklungsschritt in der Geschichte von Radio Blindpower?
Das ist eine schwierige Frage. Vielleicht war es jemand, den wir ins Team geholt haben oder ein wichtiger Deal, den wir abgeschlossen haben. Schlussendlich hat es jeden einzelnen Mosaikstein gebraucht. Ich habe in diesen zehn Jahren Radio jeden Tag etwas Neues gelernt, folglich gab es für wirklich fast nur Positives.

Bedeutet dir deine Stimme gerade wegen deiner Sehschwäche besonders viel?
Was mir einfach besonders gefällt, ist mit der Stimme zu spielen. Zum Beispiel Dinge verschieden betonen. Aber ich sage nicht: Oh wow, meine Stimme ist besonders wertvoll. Es könnte gut sein, dass ich sie noch zu wenig schätzen gelernt habe. Ich habe aber auch noch nie ein professionelles Feedback erhalten, ob meine Stimme gut klingt oder nicht.
Im Allgemeinen denke ich, dass es wichtiger ist, wie deine Stimme auf die Zuhörer wirkt, als wie sie tatsächlich klingt.

Kannst du dir vorstellen einmal bei DRS zu arbeiten?
Natürlich, klar.

Wo würdest du denn bei DRS arbeiten? Bei den Nachrichten?

Ich würde extrem gerne die Morgenshow moderieren und da meinen persönlichen Stil reinbringen. Das war lange Zeit nicht üblich, aber viele Moderatoren machen dies heutzutage. Schlussendlich hängt es wohl davon ab, ob ich die Menschen überzeugen kann. Ich glaube schon, dass ich dem Radio noch Einiges bieten könnte (lacht).

Hast du schon mal bei einem anderen Radio gearbeitet oder mitgewirkt?

Ich? Meinst du, ich verkaufe mein Herz? (lacht). Nein, bis jetzt wirklich nicht, obwohl es schon zur Diskussion stand. Ich habe es bis jetzt immer sehr geschätzt, selber die Fäden in der Hand zu halten.

Gibt es Menschen aus gewissen Bevölkerungsgruppen die ihr öfter zu euch ins Studio holt?
Eigentlich gibt es nur eine Regel: es muss die Jugendlichen ansprechen. Schlussendlich kann also alles gesendet werden, was Jugendliche interessieren könnte. Also auch Politiker. Wir versuchen natürlich auch, die Gespräche so zu leiten dass sie interessant werden. Wir haben dieses Jahr zum Beispiel einen SVP-Nationalrat vor dem Mikrofon gehabt, und mit ihm über Fussball diskutiert. Man könnte sagen, dass unser Sender freizeitorientiert ist.

Und was machst du in deiner Freizeit?
Radio. (lacht) Nein, eigentlich sehr viel. Ich gehe zum Beispiel gerne ins Fitnessstudio, im Winter ist Skifahren und Snowboarden angesagt. Daneben ist mir mein Umfeld sehr wichtig. Die Leute die nicht beim Radio mitarbeiten, kommen durch mein Engagement schnell mal zu kurz.

Arbeitet ihr mit speziellen Programmen am Computer?
Eigentlich arbeiten wir mit den ganz normalen Programmen, einfach die Spracherkennungssoftware und die Vergrösserungszugabe wird noch mitgeliefert.
Der Computer gibt den Sehbehinderten halt schon eine Chance Dinge zu tun, die sie früher nie hätten tun können. Die Frage bleibt nun, wie sich die ganze Sache weiterentwickelt. Mit dem neuen Betriebssystem Vista haben viele schon Probleme. Die Zoomfunktion scheint nicht optimal zu funktionieren.

Das Zehnfingersystem ist wohl überlebenswichtig für dich?
Ohne das Zehnfingersystem würde nichts funktionieren. Wir müssen es beherrschen, damit wir einen speziellen PC von der Invalidenversicherung bezahlt bekommen. Das heisst, wir bekommen keine Spezialausrüstung, ehe wir einen Kurs abgelegt haben.

Wieso ist dir die Integration von Sehbehinderten so wichtig?
Es geht mir ganz einfach darum, dass nicht nur die Sehenden zusammen arbeiten sollten, während die Sehbehinderten Zuhause in ihrer Stube sitzen. Sie müssen raus und etwas unternehmen können. Ein zweiter Grund ist, dass die Zusammenarbeit eines Sehbehinderten und eines Sehenden sehr fruchtbar sein kann. Wenn sie zum Beispiel zusammen ein Festival besuchen, dann kann der Sehbehinderte ein Interview führen, während der Sehende davon ein paar Fotos schiessen kann. Wir denken also, dass es wirklich eine gute Zusammenarbeit geben kann, auch im Studio.

Setzt Ihr euch stark für die Integration von Seebehinderten ein, weil ihr in eurer Vergangenheit selber schlechte Erfahrungen gemacht habt?
Schlechte Erfahrungen macht man immer. Ich persönlich erlebe im Alltag aber vor allem positive Reaktionen. Aber ich sehe so viele Sehbehinderte die in ihrer Wohnung versauern und da muss ich einfach sagen: geh doch raus. Man muss ihnen einen Anstoss geben und sagen: Das Leben ist offen, entdecke es.

Im NZZ Folio zum Thema „Radio“ habe ich einen sehr positiven Bericht über dich gelesen…
Das war aber ein sehr unglücklicher Abend, da ist sehr Vieles nicht so gelaufen wie geplant. Über mich haben sie aber sehr positiv geschrieben, das stimmt. Sie sagten, ich hätte schöne Augen (lacht). Sie waren also nur wegen meinen Augen hin und weg.

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