Kultur | 17.12.2007

Geistige Enge bei der Prüfung

Text von Rick Noack | Bilder von Nathalie Kornoski
Der von Wissenschaftlern herausgegeben Sammelband "Pisa und Co. Kritik eines Programms" wirft den Verantwortlichen der Pisa-Studie spektakuläres Scheitern vor. Der Tink.ch-Kolumnist erklärt die Hintergründe.
Bild: Nathalie Kornoski

Der Pisa Test – er entscheidet über die Zukunft unserer Welt. Dabei handelt es sich nur um mehrere Fragebögen, mit denen im Abstand von drei Jahren die Leistungen von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern aus 30 Ländern verglichen werden. Sind die Ergebnisse nicht zufrieden stellend, wird das Bildungssystem des betroffenen Landes auf schnellstem Wege verbessert. Das klingt relativ simpel. Doch was passiert, wenn dieser Test, nach dem die meisten wichtigen Insdustriestaaten sich richten, grundlegende Fehler beinhaltet?

Welche Folgen der Pisa-Test haben kann, bewies Deutschland vor sieben Jahren. Dort verbindet  man mit ihm noch immer einen gewaltigen Schock und jahrelangen Trubel um das schlechte Abschneiden der Schüler. Auch in anderen Ländern gab es ein böses Erwachen: „Wirtschaftliche Zeitbombe: U.S. Jugendliche sind in Mathematik unter den Schlechtesten“, titelte zum Beispiel die New York Times. Richtiger wäre es gewesen zu schreiben: Viel Trubel um nichts.
Denn hinter den Kulissen lief bei den Pisa-Tests über die Jahre Vieles nicht ganz korrekt: In einigen Ländern hat es für teilnehmende Schüler Geschenke und Geld gegeben. In Slowenien bekamen Teilnehmende einen Tag schulfrei. Wissenschaftler kritisierten diese Methoden scharf: Sie könnten die Ergebnisse verfälscht haben. Doch das sind nicht die einzigen Ungereimtheiten. So kritisieren einige Experten die Qualität der Testaufgaben, genauso wie die internationale Vergleichbarkeit. Beim Übersetzen der Aufgaben könnte Inhalt und Verständlichkeit verloren gegangen sein. Außerdem werden die Aufgabentexte aufgrund der unterschiedlichen Grammatiken der Sprachen zum Teil erheblich länger. Zum Bearbeiten bleibt trotzdem die gleiche Zeit. Der Münchner Physiker Joachim Wuttke wirft dem Pisa-Team nach eingehender Untersuchung der Testergebnisse „spektakuläres Scheitern vor“. So wurden zum Beispiel in Dänemark Schüler mit einer Rechenschwäche gleich ganz vom Test ausgeschlossen. Auch Kanada, Neuseeland, Spanien und die USA verstoßen gegen andere Regeln. Man braucht kein intelligenter Mensch mit einem persönlich hervorragenden Pisa-Ergebnis zu sein, um festzustellen, dass beim Pisa-Test anscheinend so einiges verschlampt wurde.

Meiner Meinung nach sollte die für den Pisa-Test verantwortliche OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) schleunigst dafür sorgen, dass diese Probleme angepackt werden. Stattdessen jedoch weist sie alle Anschuldigungen von sich. Seine Glaubwürdigkeit hat der Pisa-Test damit für mich verloren. Neun Wissenschaftler, unter anderem Wuttke, vertreten im Sammelband  „Pisa und Co. Kritik eines Programms“ denn auch die These, dass der Test einen Prozess der intellektuellen Verarmung und geistigen Enge einleitet. Na dann mal viel Spaß beim Ersticken, liebe Schüler.