Gesellschaft | 10.12.2007

Frauen finden Frauen schön

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Die Amazone würde gern jemandem ein Kompliment machen. Wenn es nur nicht eine "Sie" wäre.
Bild: Stefan Wallimann.

Es gibt Momente im Leben, da fühlt man sich ertappt von seinem eigenen Selbst. So erging es mir vor einigen Wochen, als ich mit den Amazonen in unserem Stammlokal sass und plauderte. Ich hatte eine Frau entdeckt, die schräg gegenüber von uns sass und einen roten Pulli trug. Sie hatte schöne, ausladende Brüste und ich kam nicht umhin, ihr dauernd auf ihre Oberweite zu starren. „Ich muss dieser Frau dort dauernd auf die Brüste starren!“, flüsterte ich meinen Amazonen zu. Gelächter unter vorgehaltener Hand. „Welche?“, fragten meine Amazonenfreundinnen interessiert zurück. Ich umschrieb ihr Äusseres. Einen Moment lang fühlte ich mich schäbig und anzüglich, weil ich es doch hasse, wenn Männer mit uns Frauen reden und uns nicht etwa in die Augen schauen, sondern mit ihrem Blick ständig eine Etage weiter unten kleben.

Doch nach kurzem Nachdenken begriff ich, dass es nicht dasselbe ist. Wenn ich als Frau nicht aufhören kann, einer anderen Frau auf die Brüste zu starren, passiert das nicht aus Lüsternheit. Es ist nicht etwa so, dass ich mir wünschen würde, ihren Busen anzufassen. Ich schaue aus dem einzigen Grund, weil ich es schön finde, was ich da sehe. Es ist die Bewunderung, die mich dazu bewegt. Frauen finden Frauen schön.

Die Psychologin Verena Kast hat dazu eine interessante Theorie. In einem ihrer Bücher schreibt sie, dass Frauen deshalb so viel über Hüllen (also Kleider, Kosmetik usw.) reden, weil es komplizierter wäre, über den „Inhalt“ der Kleider zu sprechen. Homophobie gibt es also auch unter Frauen, wenn auch in geringerem Ausmass als bei Männern. Die Angst vor gleichgeschlechtlichen Empfindungen scheint eine kollektive zu sein, doch warum eigentlich? Warum können wir nicht ehrlich sagen, wenn uns etwas an einer Frau gefällt – und seien es auch die Brüste?

Im Gespräch mit den Amazonen fiel mir ein, dass ich selbst einmal von einer Frau ein Kompliment für meinen Busen erhielt – und ich es überhaupt nicht als Anmache empfand. Ich erinnere mich, dass ich mich sehr über dieses ungewöhnliche Kompliment freute. Auch wenn mir im ersten Moment die Luft wegblieb. Worauf die Komplimentgeberin locker anfügte: „Sorry, ich sage halt, was ich denke“.

Die Amazonen und ich haben uns vorgenommen, in Zukunft ehrlicher zu sein. Warum dauernd über die Hüllen reden, wenn wir doch eigentlich den Inhalt meinen? Der Rotpullifrau konnte ich dann aber doch nicht sagen, dass ich meinen Blick einfach nicht losreissen kann von ihrer wohlgeformten Brust. Noch arbeite ich an meinem Vorsatz…

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