Gesellschaft | 17.12.2007

Fickefaul

Text von Magalie Marini | Bilder von Nathalie Kornoski
Die Tink.ch Kolumnistin erklärt, welche Bedeutung sich hinter dem Kraftausdruck mit F verbirgt. Erster Teil der neuen Kolumnenserie "Leere Worte", die sich mit allen möglichen spannenden Sprachphänomenen befasst.
Bild: Nathalie Kornoski

Fick. Ficken. Ficke. Was für vulgäre und obszöne Wörter. Mir kommen dazu nur Porno, Sex und heisse Partys in den Sinn. Und die Frage, warum das Deutsche mit seinem vielfältigen Vokabular ständig auf ein so einfaches Wort zurückgreift. Denn einfach ist das Wort tatsächlich, wie ein Blick auf seinen Stammbaum zeigt: Ficke, im schwedischen „ficka“,  bedeutete im Altdeutschen nichts anderes als Hosentasche.
 
Hosentasche ist doch ein gutes Wort, nichts daran auszusetzen. Neben Ficke hatten die Deutschen im Mittelalter übrigens noch weitere interessante Ausdrücke für Taschen. So bezeichnete zum Beispiel das Wort „Votze“ eine Ledertasche. Auch in diesem Fall wurde die Tasche mit der Zeit zu einem Kraftausdruck umgedeutet. Kein Wunder also, hat es in unserer heutigen Umgangssprache so viele vulgäre Wörter: Die Menschen konnten offenbar aus einem reichen Vokabular schöpfen.
Nun ist es natürlich nicht mehr so schwierig, das Wort „fickefaul“ zu verstehen. Es bedeutet nicht etwa „zu faul, um zu ficken“, nein, sondern „zu faul, um in die Ficke zu greifen“. Umgänglicher ausgedrückt, dass jemand geizig ist.
Nun, nach dieser Aufklärung kann niemand mehr sagen: „Ach, die heutige Jugend und ihre Sprache.“ Denn eine solche Sprache existierte schon im Mittelalter. Zwar nicht mit der metaphorischen Bedeutung von heute, aber immerhin für die Definition verschiedener Taschen. Und was das angeht, waren die Menschen damals ganz und gar nicht fickefaul, denn es gibt zig Ausdrücke für Taschen: Ficke, Votze, Fuppe, Sack…