Kultur | 09.12.2007

Das Muttersöhnchen

Text von Jessica Hefti
Am 3. Dezember gab der kanadische Singer/Songwriter Justin Nozuka im Zürcher Abart ein sehr persönliches Konzert. Zuvor traf ihn Tink.ch für ein kurzes Interview.
Justin Nozuka mit der Tink.ch-Reporterin. Fotos:Jessica Hefti Der Kanadier auf der Bühne des Abart. Gitarrentalent aus Puerto Rico: Gabriel Rios.

„Bedien dich, es ist heute alles frei für uns, und der Kühlschrank muss geleert werden“, der Tourmanager, breit wie ein Bodyguard und bärtig wie ein Kobold, zwinkert mir zu. Justin Nozuka bleibt trotzdem bei Wasser. Der Hauptact des Abends will das nicht, wovon die Mehrheit der Normalsterblichen träumt: Ferien. „Nein, ich will nicht nach Hause, ich würde viel lieber noch weiter touren“, so der 18-Jährige, der mit Zürich die letzte Station auf seinem Tourplan absolviert. Im Hintergrund kommt eine hohe Frauenstimme aus dem Laptop. Es soll der Song „Jolly“ sein, der die hier im Backstagebereich herumhängenden Jungs noch proben werden und, so könnte man annehmen, wegen dem sie mit über einer halben Stunde Verspätung auftraten. Die Verzögerung ist insofern praktisch, als dass nun mehr Zeit für das Interview bleibt. Zeit, um Justin zu fragen,  ob wirklich alles was er singt, erfunden ist. „Nein, es gibt auch Songs die von meinen Gefühlen, zum Beispiel vergangenen Beziehungen handeln, aber sie verschmelzen beim Auftritt mit dem Erfundenen und fühlen sich dann gleich an.“

Herzblut
Als Nozuka dann auf der Bühne steht, glaubt man ihm dieses Statement aufs Wort. Der Kanadier, dem seine japanischen Wurzeln sehr wohl anzusehen sind, trägt an diesem Abend ein weisses T-Shirt, Jeans und Turnschuhe. Alles easy eben. Doch als er zu singen beginnt und man in sein Gesicht schaut, sieht es plötzlich anders aus. Die Augen hat Justin meist geschlossen, eine Falte bildet sich zwischen den Augenbrauen wenn er sich an besonders schwierige Töne wagt. Und da sind Gefühle, egal ob die Geschichte erfunden ist, mit jedem Song verspricht seine Mimik und seine unvergleichbare Stimme wahres Herzblut. Und das Publikum, besonders das weibliche, liebt ihn dafür. Und manch eine käme wahrscheinlich mit, wenn er Zeilen wie „come away with me….“ singt. Oder dann „Im tired of dreaming of sex“, was so gar nicht zu dem zwischen den Songs schüchtern lächelnden und zu tausend Dank bereiten Justin passt. Aber er kann auch witzig sein. So erzählt er von einem Treffen mit seinem japanischen Vater, an dessen lebendiger Mimik er nur erahnen konnte, was dieser über die Sprachbarriere hinweg sagen wollte.

Charly tanz mit
Mit Charme geizt Justin wahrlich nicht an diesem Abend. Bei „Oh Momma“, eine Liebeserklärung an alle Frauen „die für mich das Schönste auf der Welt sind“ – tritt er vor das Mikrofon, und beginnt aus dem Stehgreif zu singen. Da verstummt jedes noch so leise Flüstern, von einem Moment auf den anderen ist die Stimmung zum Zerspringen. Doch niemand getraut sich zu kreischen, viel zu imposant ist dieses Muttersöhnchen, was in diesem Kontext nicht negativ zu werten ist, wie er da alleine mit seiner Gitarre steht und mit der pursten Form von Live-Musik gegen die Klingeltongeneration ankämpft. Der Applaus dankt es ihm. Und wenn seine neue Band dann zu den Schlagzeugsticks, dem Bass und den Keyboardtasten greift werden seine Songs wieder poppiger. Und Charly Büchi kann lostanzen. An diesen Mann erinnert sich Justin noch genau von seinem Auftritt im Juni in der ausverkauften Hafenkneipe. „Oh ja, da war ein älterer Mann mit Brille der total abgegangen ist zu der Musik und direkt vor der Bühne die ganze Zeit herumgetanzt ist.“ Und der ältere Mann, Charly, gibt auch diesen Abend vollen Einsatz. Und an der Bar steht ein dem Publikum bekannterer Anhänger. Rapper Bligg („Susanne“), ist zwar musikalisch an einem anderen Horizont angesiedelt, aber zu Justin Nozuka gibt es von ihm nur einen Kommentar: „Hammer!“. Und vielleicht, sagt das der Kanadier auch vom Schweizer, denn die beiden haben ihre CDs ausgetauscht. 

Support aus Puerto Rico
Neben Justin gibt es jedoch noch eine andere Stimmgewalt, die erwähnt werden muss: Gabriel Rios. Als Support eröffnete er den Abend, überzeugte mit seiner Ein-Mann-Show und schwärmte von Zürich. „Bei den Gewässern sieht man bei euch bis auf den Grund und ihr habt Schwäne“ und weiter „Ihr habt eine Post, eine Bank und alles läuft.“ In Puerto Rico, wo der Stimmungsmacher herkommt, anscheinend nicht. Er wird mit viel Applaus getröstet und kommt auch nochmals mit Justin auf die Bühne um ein, kurz vor der Vorstellung eingeprobtes, „Jolly“ zu singen. Und jede Wartezigarette, jedes Stimmungshalterbier war es mehr als wert.

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